ROSE von Markus Schleinzer

Rose/Jakob (Sandra Hüller) © filmcoopi

Das Paradox dieses Films gibt ihm einen Teil seiner Kraft. Sandra Hüller spielt eine Frau, die vorgibt, ein Mann zu sein. Einen Soldaten im dreissigjährigen Krieg (1618-1648), einen kriegsversehrten Rückkehrer mit den Papieren, die ihn als rechtmässigen Besitzer eines zerfallenden Gutshofes ausweisen. Sandra Hüller ist gross auf dem Plakat zu sehen, ihr Name steht ganz oben, an der letzten Berlinale hat sie für die Rolle der Rose den Bären für die beste Hauptdarstellerin gewonnen.

Wer ins Kino geht, erwartet daher nicht die eigene Täuschung, sondern die möglichst überzeugende Täuschung der anderen Filmfiguren durch Hüllers Rose. Von solchen Gender-Kippfiguren hat die Kinogeschichte schon einige geboten, von Hillary Swank in Boys Don’t Cry bis zu Glenn Close als Albert Nobbs. Bei allen gehörte das offiziell definierte Geschlecht der Darstellerin zum Erlebniskonzept – anders als etwa bei Neil Jordans The Crying Game, wo die Überraschung auch dem Publikum gelten sollte.

Männer unter sich, mit Rose/Jakob (Sandra Hüller) © filmcoopi

Rose ist demnach eher ein wissentlicher Pakt des Publikums mit der Darstellerin zugunsten der Protagonistin. Markus Schleinzer und Sandra Hüller bauen genau darauf die emphatische (und bisweilen schwankende) Brücke vom Publikum zur Hauptfigur, eine gedämpfte Komplizenschaft, die den Raum öffnet für ganz andere, unerwartete Erfahrungen.

Und diese Komplizenschaft wiederum spiegelt sich im sich stetig und überraschend wandelnden Verhältnis von Rose zu Suzanna, der Tochter des Nachbargutsbesitzers. Denn mit ihr verheiratet sich der als Landwirt (und Bärenjäger) bald erfolgreiche Neuankömmling in Absprache mit ihrem Vater, dem über die Verbindung eine Stärkung und Vergrösserung der Güter vorschwebt.

Wer weiss Bescheid? Suzanna (Caro Braun), Rose (Sandra Hüller) © filmcoopi

Wie und ob und wie lange Rose es schafft, die Angetraute über die eigene Identität im Unklaren zu lassen, die ehelichen Pflichten zu erfüllen und schliesslich gar Vater zu werden, das erzählt der Film nicht als Abfolge von Sensationen, sondern als kühle Abwägung der Macht- und Geschlechterverhältnisse. Mit einer ganzen Reihe von verblüffenden Erkenntnissen für uns, das Publikum.

Der Österreicher Markus Schleinzer hat schon mit seinem Cannes-Debut Michael keinen Zweifel aufkommen lassen, wofür er sich interessiert, und wie. Methodik und Ästhetik eines Michael Haneke waren bei ihm offen präsent. Nun erinnert sein jüngstes und ganz klar auch originellstes Werk in seiner schwarzweissen Anmutung ebenfalls wieder an Haneke, an dessen Das weisse Band. Allerdings, wie sich im Verlauf des Films zeigt, auf eine sehr emanzipierte Weise. Denn Schleinzer lässt nicht nur Wärme unter seinen Figuren zu, er verführt auch das Publikum zum Fühlen, nicht nur zum Denken unter Zwang.

Schleinzers Film liegt ein reales Gerichtsurteil aus Halberstadt von 1721 zugrunde, ein Fall, in dem eine Frau, die sich als Mann ausgegeben hatte, wegen Sodomie zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Dass mithin nicht einfach die Täuschung anderer bereits genügte für ein Todesurteil, wird in Rose zum Ende hin auch noch einmal relevant. Der Fall selbst verband sich aber für Schleinzer mit vielen anderen Geschichten, auch mit solchen, die das Kino schon lange mit sich trägt.

Etwa Martin Guerre, der Prototyp des Heimkehrers, der sich für einen anderen ausgibt, Vorlage für Dutzende von filmischen Interpretationen, etwa Le retour de Martin Guerre von 1982, mit Gérard Depardieu und der vor ein paar Tagen verstorbenen Nathalie Baye. Oder Sommersby von 1993, mit Richard Gere und Jodie Foster.

Aber natürlich auch mit Jeanne d’Arc, dem Mädchen als Kriegerin, als Heilsbringerin, als Bauernopfer der Mächtigen in Kirche und Staat – von all dem sind in Rose Spuren zu fühlen.

(Rose / Jakob) Sandra Hüller © filmcoopi

Und doch ist das ein zutiefst origineller, durchdachter und bahnbrechender Film. Auch darum, weil Schleinzer und seine Truppe eine packende Mischung von historischer Akkuratesse mit geschichtsträchtiger Souplesse verbinden. Sprache und Sets wirken überzeugend, aber nicht museal. Die meisten Szenen sind ohne historische Kenntnisse erfassbar und – nicht zu unterschätzen – in unsere eigene Gegenwart transferierbar.

Denn die Figuren sind gleichzeitig historisch korrekt eingebettet und in ihrem Widerstand, ihrem Beharren auf ein eigenes mögliches Glück jenseits der Konventionen, ausgesprochen modern.

Rose ist ein Film, der lange nachwirkt und schnell zum eigenen Erinne­rungs­horizont internalisiert wird. Keine Parabel, keine Moritat, sondern 93 Minuten brennende Lebenserfahrung.

Im Kino ab 7. Mai 2026
Spielzeiten und -Orte


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