
Wanderfilme sind seit Jahrzehnten ein eigenes Kinogenre. In der Buchverfilmung Wild von 2014 erholte sich die von Reese Witherspoon gespielte Cheryl von persönlichen Schicksalschlägen. Im Jahr darauf unternahmen Robert Redford und Nick Nolte A Walk in the Woods, ebenfalls nach einem literarischen Wanderbestseller. Ich bin dann mal weg hiess im gleichen Jahr der Santiago-Pilgerfilm mit Hape Kerkeling, nach dessen eigenem literarischen Tagebuch.
Ein historischer Reisebericht lag der französischen Wanderkomödie Antoinette dans les Cevennes (2021) mit der grossartigen Laure Calamy zugrunde, einer französischen Komödie die zurückgriff auf «Travels with a Donkey in the Cévennes», den 1879 publizierten Aufzeichnungen des späteren «Schatzinsel»-Autors Robert Louis Stevenson.

Und vor kurzem kam ein weiterer Wander-Bestseller in die Schlagzeilen – und auf die Leinwand: The Salt Path heisst der Film mit Gillian Anderson und Jason Isaacs, welche das Ehepaar Raynor und Moth Winn verkörpern, das britische Ehepaar, das alles verlor und sich in seiner obdachlosen Verzweiflung auf eine grosse Wanderung begab. Der Film war ziemlich erfolgreich, auch wenn der Wahrheitsgehalt von Raynor Wynns Bestseller später angezweifelt wurde.
All diese Beispiele haben gemeinsam, dass sie auf erfolgreiche schriftliche Wanderberichte zurückgriffen, diese dramatisierten und inszenierten. Wanderfan Bart Schrijver schwebte für seinen 131 Minuten langen, bemerkenswert ereignislosen, beinahe dokumentarischen The North etwas ganz anderes vor:
«Wenn man einen Film über das Wandern macht, glaube ich, dass man auch selbst wandern muss.»
Und damit meint Schrijver nicht nur die persönlichen Erfahrungen, sondern den Vorgang des Filmens selbst. Seine zwei Schauspieler und die ganze Crew packten ihre Ausrüstung in Rucksäcke und brachen auf in die schottischen Highlands:
«Wir waren jeweils vier bis sechs Tage am Stück zu Fuss unterwegs. Alles mussten wir in unseren Rucksäcken mitnehmen – Essen, Zelte und die gesamte Wanderausrüstung. Aber auch alles, was wir für den Film brauchten: zwei Kameras, ein Stativ, Tonequipment und genügend Batterien für die gesamte Etappe. Dadurch wog ein Rucksack bis zu 33 Kilogramm. Auf einem Hügel in den Highlands gibt es keine Luxushotels oder Catering-Services. Wir alle schliefen in unseren Zelten, sodass die gesamte Crew wusste, wie es sich anfühlt. Die Schauspieler wussten, wie es ist, mit einem vollen Rucksack einen Hügel hinaufzuwandern und während eines Sturms im Zelt zu schlafen. Diese Erfahrung brachten sie in den Film ein. Wenn sie also müde, hungrig oder durchnässt waren, dann war das alles echt.»

Echt war auch die nur minimal geskriptete Ausgangslage, die auf den eigenen Erfahrungen des Regisseurs beruht.
Der Spanier Lluis (Carles Pulido) und der Holländer Chris (Bart Harder) sind seit ihrer Jugendzeit befreundet. Als der Film einsetzt, sehen wir sie beim fröhlichen Uno-Kartenspiel. Dann eine knappe Einblendung «10 Jahre später», und die beiden treffen sich in Schottland für den lange geplanten 600-Kilometer-Wandertrip durch die Highlands. Beide sind jetzt Mitte Dreissig; die dreissigtägige Wanderung entlang des West Highland Way und des Cape Wrath Trail soll ihre Freundschaft wieder festigen.

Aber beide tragen sie nicht nur die schweren Rucksäcke mit Zelt, Kochausrüstung und Lebensmitteln, sondern, wie sich im Verlauf der Wanderung subtil und zum grössten Teil unausgesprochen zeigen wird, auch die Last des Erwachsenwerdens mit sich. Lluis bemüht sich so sehr um Eigenständigkeit, dass er sich einsamer macht als nötig. Im Gegensatz zu Chris, der immer wieder mit seiner Frau und seinen Arbeitskollegen telefoniert, will Lluis seine Familie erst nach der erfolgreichen Wanderung wieder kontaktieren.
Chris, der zu Beginn fröhlich erklärt, es sei jetzt Zeit für Familie und Kind, im Job laufe alles rund, wird immer wieder durch Anrufe von seinem Arbeitgeber daran erinnert, wo die Prioritäten des Geschäftslebens liegen. Und nach der Begegnung mit einem wandernden Rentner, der beiläufig erklärt, er sei in seinem Leben noch nie so glücklich gewesen wie jetzt, und das sei doch irgendwie traurig, hat Chris eine einsame Krise.
Lluis seinerseits hat die Krise schon früher, er hat sie wohl mitgebracht, was zu Reibungen und Stress zwischen den Freunden führt.

Was auffällt am konstanten, oft mitrreissenden Fluss dieser physisch spürbaren Wanderung mit allen Höhe- und Tiefpunkten, landschaftlichen wie persönlichen, ist der Umstand, dass die beiden Freunde nicht wirklich darüber reden, was sie antreibt, womit sie kämpfen.
So werden die 131 Minuten dieses Films nicht nur zu einer grossartigen Abfolge atemberaubender Landschaftseindrücke aus den Highlands, die für sich alleine den Kinobesuch rechtfertigen, sondern auch zu einer gemächlichen, intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Zufriedenheit, Zielstrebigkeit und Enttäuschung im Leben.
Mithin zu dem, was dem Wandern an Wirkung auf die Seele zugeschrieben wird. In doch erstaunlich kurzer Zeit und ohne Blasen an den Füssen.
The North ist prächtiges, punktuell therapeutisches Kino. Und dank seiner unbestrittenen Wirksamkeit auch ein Metafilm, ein schlagendes Argument gegen alle, welche behaupten, ein Kinoerlebnis sei kein «echtes» Erlebnis.
Für einmal lohnt sich darum auch der vom Team auf Youtube gestellte Dokumentarfilm zur Entstehung von The North.
Im Kino ab 7. Mai 2026
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