
Wenn da jemand in Ermangelung eines subtileren Begriffs diesen Film als «Sexkomödie» bezeichnet, dann klingt im kanadisch-französischen Titel fast unwillkürlich die «cochonnerie» mit an, zu deutsch die Schweinerei. Und in der Tat dreht sich die erste Langspielfilm-Regiearbeit des renommierten kanadischen Drehbuchautors Eric K. Boulianne in weiten Teilen recht explizit um die sexuellen Wünsche, Frustrationen und Experimente eines langjährigen Ehepaares.
Aber der Titel wäre korrekt eher mit «Alberei» oder «Scherzerei» zu übersetzen. Und dann wird er auf subtile, fast schmerzhafte Weise nicht nur präziser, sondern auch doppeldeutiger. Denn eigentlich ist das eine ausgesprochen liebevolle Tragikomödie. Oder eine explizit-realistische Rom Com.
François (Autor und Regisseur Eric K. Boulianne) und Julie (Catherine Chabot) sind seit sechzehn Jahren ein Paar, sie haben zwei smarte, bisweilen altkluge Töchter im Primarschulalter und ein ausgesprochen liebevolles Verhältnis. Bloss beim Sex fehlt mittlerweile das Feuer.

François produziert Filme, Julie führt eine renommierte Restaurantküche und macht High-End-Catering und in François’ bisweilen reduzierte emotionale Präsenz, die er stur seinem angeblichen «Long Covid» zuschreibt, diagnostiziert sie wohl zurecht als Depression.
In der Auftaktszene des Films sehen wir die beiden interessiert und fasziniert am Esstisch einem deutlich jüngeren Paar zuhören, das mehr als explizit über seine sexuell offene Beziehung, intime Wünsche, Fantasien und Sexpraktiken redet. Julie und François sind offensichtlich genau so peinlich berührt von den Schilderungen wie das Kinopublikum. Aber sie bemühen sich sichtlich um Offenheit und Interesse.
Dabei hilft die Kameraperspektive, welche die längste Zeit nur das ältere Paar zeigt, sozusagen ein ausgedehnter Reaction Shot ohne die auslösende Action. Ein Stilmittel, das Boulianne im Verlauf des Films noch mehrfach einsetzt, unter anderem in einer Sequenz, in der Julie und François von der Lehrerin ihrer älteren Tochter in die Schule gebeten werden zu einer Aussprache über die etwas allzu altklugen sozial-stratigraphischen Auslegungen ihres Nachwuchses. Auch hier sehen wir das Elternpaar und in ihren Gesichtern die rasante Abfolge von divergierenden Erkenntnissen und Überraschungen.

Der vorgezogene Reaction Shot ist eigentlich ein Stilmittel des Horrorfilms, wenn der gesteigerte Schrecken sich zuerst auf den Gesichtern der Protagonisten zeigt, lange bevor das Publikum den Grund dafür zu sehen bekommt.
Die Auftaktszene von Folichonneries funktioniert ganz ähnlich. Denn was sich da auf den Gesichtern von Julie und François abzeichnet, wird in der Folge von den beiden zögerlich, aber entschlossen umgesetzt. François ist überzeugt, dass sie ihre Ehe retten müssen über eine Öffnung der Beziehung und in einem ersten Schritt suchen sie darum via App gleichgesinnte Paare für Experimente zu viert.

Bei diesen Treffen, wie auch bei den späteren Solo-Experimenten der beiden, wird der Film unzimperlich explizit, und das ist gut so. Denn die Peinlichkeiten, die Unsicherheit, das alles wird dadurch greifbar, der Realismus verhindert genau jenen verlogenen Softsex-Touch, den einschlägige Publikumsfilme sonst bevorzugen.

Das ist die eine Stärke von Folichonneries. Die andere besteht aus den tatsächlich grossartigen Familienszenen, dem Austausch zwischen den Eltern und den Töchtern, den selbst aufgestellten Regeln und diversen Aha-Momenten.
Denn selbstverständlich läuft nicht alles nach Plan und vor allem François beginnt darunter zu leiden, dass seine Frau schliesslich trotz anfänglicher Skepsis plötzlich etwas für sich entdeckt. Während er langsam versteht, dass sie von Anfang an recht hatte und er Hilfe für seine Depression hätte holen sollen.
So holt er in einer absolut hinreissenden Sequenz die Töchter mit dem Auto von einer Veranstaltung ab und die fragen vom Rücksitz her, wie lange die Eltern denn diese offene Beziehung noch weiterführen wollten. Schliesslich wäre ja die Idee gewesen, dass sie alle glücklicher würden dadurch, nun seien sie aber eher unglücklicher. François rollt eine Träne herunter und er schnieft, er sei manchmal aber durchaus glücklich. Wann genau, wollen die Mädchen wissen. Etwa wenn er ihnen am späten Abend beim Schlafen zusehen könne. Was die beiden empört, und seine Versicherung, auch die Mama schaue ihnen gerne beim Schlafen zu, empört sie noch mehr. «Damit müsst ihr sofort aufhören!» erklären sie mit Nachdruck. Worauf François erst recht losheult: «Dann habe ich überhaupt nichts mehr, das mich glücklich macht!»
Es sind diese Szenen mit ihrer präzisen, überzeugenden Mischung aus Komik und Tragik, welche diesem Film seine liebenswerte Seele geben.

Folichonneries ist kein Popcorn-Kino und auch weit entfernt von einschlägigen, eher unangenehmen Versuchen wie Die Nachbarn von oben oder vergleichbaren halbexpliziten Sex-und-Beziehungsfilmen. Diese kanadische Produktion ist hervorragend geschrieben und gespielt und bisweilen oft auf herzliche Art komisch. Aber auch ehrlich genug, um bisweilen weh zu tun.
Ob der Film für Paare eher anregend und kathartisch wirkt, oder schmerzlich realistisch, das hängt auf jeden Fall von der eigenen Sicherheit und Vertrautheit miteinander ab.
Im Kino ab 7. Mai 2026
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