
Acht Jahre liegen zwischen den zehn Drehtagen im Januar 2018 und dem Kinostart am 21. Mai 2026. Dass Plüss trotzdem frisch und zeitlos wirkt, liegt an den schwarzweissen Einstellungen von Martin Albisetti, der seine eigene Kamera führte. Und an den gezielt zwischen Retro und Gegenwart angesiedelten Sets, Drehorten und Schauspielern.
Ja, auch Schauspieler können in dieses geheimnisvolle Reich zwischen Retro und Gegenwart geraten. Ganz sicher jedenfalls der Berner Max Rüdlinger, der den Titel-Antihelden Plüss spielt. Rüdlingers öffentliche Wahrnehmung ist geprägt von den Filmen von Clemens Klopfenstein und Rüdlingers Persönlichkeit, die sich stets gegenseitig befruchtet haben. So sehr, dass er sich in Plüss bisweilen genüsslich selbst zitiert und dann gleich wieder gegen sein klassisches Image anspielt.
Sehr überraschend bisweilen. Und angenehm vertraut.
Und alles passend zur Erzählung «Der Kollege» von Jörg Steiner, welche Martin Albisetti als Ausgangspunkt nahm, um sich mit seiner eigenen Hassliebe zu Biel, seiner Geburts- und Lebensstadt zu arrangieren, um der Stadt und dem Gefühl «Biel» eine angemessene Hommage zu zollen, wie er sagt:
«Ich wurde in der Stadt am südlichen Fuss des Juras geboren und bin dort aufgewachsen – dort, wo die französische auf die deutschsprachige Mentalität trifft und wo von November bis Februar eine Decke aus Hochnebel jeden vernünftigen Menschen vertreibt. Es war Jörg Steiners Novelle „Der Kollege“, die mich mit meiner Stadt versöhnte. Er benannte in schlichter Prosa, was hier niemand je zugeben würde: Wir sind eine arme Arbeiterstadt. Seit 20 Jahren versuche ich, dieses Gefühl filmisch einzufangen. In diesem Werk verknüpfe ich Menschen aus dem Alltag mit Steiners Erzählung und verwische bewusst die Grenzen zwischen Inszenierung, Improvisation und Dokumentation».

Albisetti hat den Film, die Hommage an seine Stadt, «im Andenken an Gottfried Plüss, den Kollegen» gedreht, wie die Widmung im Abspann verrät. Und darum heissen der Film und Rüdlingers Figur auch Plüss, nicht Greif, wie in Steiners Erzählung von 1999, welche der Verlag so zusammenfasst:
Seit dem Tag, an dem für den Mechaniker Bernhard Greif und seinen Kollegen das Wort Feierabend seine Bedeutung verloren hat, seit »vierhundert Stempeltagen«, sind Greif und sein Freund ein unzertrennliches Paar. Jeder ihrer arbeitslosen Tage hat seinen Weg: an der Post entlang, in die Mensa des Gymnasiums, in der sie gelitten sind, in der öffentlichen Bedürfnisanstalt kann man sich rasieren, in einer Kneipe erhält man für das Ausfüllen von Lottoscheinen ein Glas Wein, um dann mit den eigenen Tippscheinen »kurz vor sechs« am Kiosk die Hoffnungen auf Glück abzugeben.

Wenn Plüss in den ersten Momenten des Films in seinem kargen Zimmer aus einem Alptraum hochschreckt, markiert dies auch gleich die zyklische Konstruktion des Films von Martin Albisetti. Immer wieder entpuppen sich ganze Sequenzen als Teile aus der Vorstellungswelt der Hauptfigur. Was auch damit zu tun hat, dass sich der von Yves Progin gespielte Kollege schon länger im Zwischenreich befindet, dem sich Plüss langsam annähert.
Der Untertitel des Films enthält einen sanften Spoiler für die schon bald ahnbare Enthüllung, welche im Film selbst ganz beiläufig eingeschoben wird: «einer erwacht um zu leben, ein anderer um zu sterben».
Wenn sich Rüdlinger und Progin auf ihrem Gang durch die Stadt, «zum Amt», gegenseitig aufziehen, aufhalten, frotzeln und herausfordern, dann wirken sie unendlich vertraut. Bisweilen aber sehen wir Plüss auch ganz alleine dort, wo er eben noch vom Kollegen gehänselt wurde. Und am Ende des Films erwacht Rüdlinger wieder mit dem gleichen Schrecken im Bett auf wie zu Beginn – bloss hat sich nun auch unsere Perspektive verschoben.

Martin Albisetti hat mit einem offensichtlich sehr motivierten kleinen Team gedreht im Januar 2018. Da wurden Retrozeitmarker integriert, wie etwa eine Verkehrspolizistenkreuzungskanzel samt dem zugehörigen, heute eher unwahrscheinlichen Winkepolizist. Aber auch reale junge und ältere Bielerinnen und Bieler, welche von ihren Lebensvorstellungen erzählen und damit dem Film zusätzlich eine sehr gegenwärtige Dimension schenken.
Plüss ist ein eigenwilliger, poetischer, zeitlos melancholischer Film, ein Stück wahrhaft lyrisches Schwarzweiss auf der Sprachgrenze und überhaupt in den menschlichen Grenz- und Daseinsbereichen. Eine schwebende, rührende, ausgesprochen schweizerische Befindlichkeit.
Ein kleines Kunstwerk für sich und ein willkommener Anlass für mindestens drei Unterfangen: Kinobesuch, Buchlektüre und Biel-Ausflug.
Kinostart am 21. Ami 2026
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