LA BEAUTÉ DE L’ÂNE von Déa Gjinovci

Das einstige Familienhaus in Makërmal als Bühne © First Hand Films

Déa Gjinovci findet immer wieder neue Wege, uns Realität und Geschichte über eindrückliche erzählerische Brücken näherzubringen. Vor fünf Jahren baute sie so eine Brücke zwischen Schweden und dem Kosovo mit Réveil sur Mars, der Geschichte einer Familie und deren Traumata. Der Junge Furkan versucht dort, seine Schwestern Ibadeta und Djeneta aus ihrem Koma zu holen, über einen fantastischen Umweg zum Mars.

Die Schönheit des Esels ist nun näher, direkter und dokumentarischer gebaut. Déa Gjinovci fährt mit ihrem Vater Asllan, der seit mehr als fünfzig Jahren im Schweizer Exil lebt, zurück in seine alte Heimat im Kosovo, ins zerstörte Dorf Makërmal. Nachdem er als 19jähriger Student an den 1968er Demonstrationen teilgenommen hatte, musste er aus dem politisch schon lange instabilen Kosovo flüchten.

Déa Gjinovci mit ihrem Vater Asllan © First Hand Films

Die Filmemacherin kennt die Heimat ihres Vaters fast nur aus dessen Erzählungen. Und der Vater leidet darunter, dass er seine Familie und insbesondere seine Mutter, nie wiedersehen konnte, zunächst wegen seines eigenen Exils aus politischen Gründen, danach wegen der Verheerungen des Kosovo-Krieges.

In der alten Heimat des Vaters baut das Filmteam mit Hilfe vieler dort ansässiger Menschen das Haus der Familie als Universalbühne auf, eine rohe Holzkonstruktion, die zum Schauplatz rekonstruierter, nachgespielter Erinnerungen des Vaters wird.

So steht der alte Mann immer wieder neben dem Jungen, der sein alter ego von damals verkörpert, korrigiert Szenen, welche seine Tochter inszeniert, wischt sich verstohlen Tränen aus dem Gesicht und lässt sich von den wenigen Überlebenden die Geschehnisse nach seiner Abreise erzählen.

Bisweilen erinnert Déa Gjinovcis Vorgehen an die Technik des Familienstellens. Da sie aber strikt auf die Erzählungen der Zeitzeugen setzt, auf eigene Recherchen und Archivarbeit, und dabei dauernd im Austausch bleibt mit allen Protagonisten, entsteht sehr schnell ein informatives, emotional tragendes Geflecht aus Erzählungen, Erinnerungen, Vermutungen und Erstaunen.

Déa Gjinovci mitten im Filmset © First Hand Films

Das funktioniert auch darum auf beeindruckende Weise, weil sich alles zeitlich und räumlich in alle Richtungen bewegt. Die Menschen, welche die Menschen von damals verkörpern, erfahren mindestens so viel Neues, wie die Überlebenden von damals und das Kinopublikum.

La beauté de l’an ist viel mehr als das Eintauchen einer Tochter in die Erinnerungen des Vaters. Der Film ist eine Rekonstruktion, ein historisches Dokument, eine Recherche mit Oral-History-Elementen vor Ort und schliesslich auch ein Therapieprojekt, nicht nur für den Vater, sondern für all die bürgerkriegstraumatisierten Menschen, deren Schicksale darin aufgenommen oder gestreift werden.

Das einstige Familienhaus in Makërmal als Bühne © First Hand Films

Vor zwei Jahren nutzte Eleonora Camizzi ein ähnliches dokumentarisch-inszenatorisches Verfahren, um mit Bilder im Kopf zusammen mit ihrem Vater dessen «paranoide Schizophrenie» einzukreisen und deren Auswirkungen auf das Familienleben. Was bei Camizzi ein intimes Kammerspiel war, wird bei Gjinovci durch den viel grösseren Rahmen und den Einbezug vieler Menschen zu einem wahrhaft eindrücklichen Zeitdokument.

Im Kino ab 21. Mai 2026
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