I SWEAR von Kirk Jones

Dotty (Maxine Peake) und John (Robert Aramayo) © Präsens

Diese britische Kinoproduktion wird sicher helfen, das Tourette-Syndrom noch weiter bekannt zu machen, und das ist eine gute Sache. Und immer noch nötig, wie sich an der letzten BAFTA-Verleihung im Februar gezeigt hat.

Bei dieser Verleihung der britischen Filmpreise war nämlich auch John Davidson zugegen, der Mann, dessen Leben mit Tourette die Grundlage bildet für das Kinodrama I Swear.

Zwar hat der Moderator des Abends, Alan Cummings, vor Beginn der Veranstaltung das Publikum im Saal darauf hingewiesen, dass mit unfreiwilligen Ausrufen zu rechnen sei. Das BBC-Fernsehpublikum wusste allerdings nichts davon. Und als dann die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan and Delroy Lindo auf der Bühne standen, entfuhr John Davidson jener rassistische Ausruf, der unter fast allen Umständen als unverzeihlich gilt. Davidson hatte «getict», seine Koprolalie, mit der er seit seiner Schulzeit zu kämpfen hat, spielte ihm einmal mehr übel mit – werbewirksam für den Film, aber hoffentlich ungeplant und unverhofft.

Das Problem dabei war nicht der Vorfall an sich, sondern der Umstand, dass die BBC den Ausruf nicht aus der Übertragung entfernt hatte, trotz der bei solchen Anlässen üblichen, zeitlich leicht verzögerten Ausstrahlung. Dafür hat der Sender im Nachhinein denn auch um Entschuldigung gebeten.

John (Robert Aramayo) bekommt seinen MBE von der Queen © Präsens

Dass der Film mit einem vergleichbaren Auftritt seines Helden einsetzt, an jenem Tag im Jahr 2019, an welchem dem realen John Davidson von der Queen der MBE-Orden verliehen wurde, für seine Verdienste um die öffentliche Aufklärung über das Tourette-Syndrom, wo ihm ebenfalls passend unpassende Ausrufe entfuhren, das zeigt, dass I Swear durchaus in der Realität verankert ist.

Es zeigt aber auch die dramaturgischen Probleme des Films.

John (Robert Aramayo) vor Gericht © Präsens

Denn dieser markante Auftritt des Schauspielers Robert Aramayo als erwachsener John Davidson nimmt zwar das Dilemma und den persönlichen Triumph des Mannes exemplarisch voraus. Der erzähltechnische Kniff sorgt aber auch dafür, dass das Kinopublikum danach eher eine milde Komödie im Stile von The King’s Speech erwartet, als das sich langsam steigernde, bisweilen recht grausame Drama, das sich über fast zwei Drittel des zwei Stunden langen Films entfalten wird.

Und dieses Drama hat es in sich. Der ausgesprochen höfliche und von seiner liebevoll strengen Mutter (Shirley Henderson, unvergessen als «Moaning Myrtle» in den Harry-Potter-Filmen) wohlerzogene junge John ist ein begabter Goalie und ein charmanter kleiner Draufgänger in der Schule. Aber all das beginnt zu zerfallen, als er innert kürzester Zeit immer stärkere Tics entwickelt, von Zwinkern über Gesichtszuckungen, unwillkürlichen Armbewegungen bis zu Spucken und zunehmend unflätigeren Ausrufen.

John (Robert Aramayo) hat sich wieder mal in Schwierigkeiten getict © Präsens

Regie und Drehbuch nehmen sich viel Zeit, um das Elend, das Entsetzen und vor allem das dramatische Unverständnis von Johns ganzer Umgebung für all diese Zumutungen in immer drastischeren Zuspitzungen nachzuzeichnen.

Bis mit der krebskranken Dottie (Maxine Peake), einer erfahrenen Psychiatrie-Schwester, jener Engel in sein Leben tritt, der für alles Verständnis aufbringt und die richtigen Methoden zur gesellschaftlichen Integration.

John (Robert Aramayo) und Dotty (Maxine Peake) © Präsens

Zusammen mit dem vom unverwüstlichen Peter Mullan gespielten Hauswart des Community-Centers, der zu Johns Arbeitgeber und Alltagsmentor wird, verwandelt Dottie das Problemkind in ein Geduldsprojekt und der Film wird vorübergehend zu einer Variation auf The Blind Side (2009) mit Sandra Bullock und vergleichbare «Inspirational Stories».

Sandra Bullock and Quinton Aaron in ‚The Blind Side‘ (2009)

Und erst danach und sehr gerafft tut sich dann der Raum auf für die paar wirklich grossartigen Sequenzen in diesem Film. Allen voran ein Beleidigungs-Match zwischen dem nun erwachsenen und erfahrenen John mit einem Teenager-Mädchen, das von seinen überforderten Eltern zu ihm gebracht wird, damit sie endlich einen anderen Tourette-Betroffenen kennenlernt. Auf dem Rücksitz des elterlichen Autos steigern sich die beiden von Tic zu Tic, überbieten sich gegenseitig mit Unflätigkeiten, bis sie – und natürlich das Kinopublikum – endlich zum befreienden Lacher kommen.

Das alles hat seine Berechtigung, und I Swear kommt weltweit beim Kinopulikum auch bestens an, mit dieser Mischung aus persönlichen Schicksal, Aufklärung und Kuriositäten-Spektakel. Bloss wünschte man sich etwas weniger Drehbuchversatzstücke und Anleihen bei bewährten thematisch ähnlich gelagerten Vorgängerfilmen, etwas weniger Erfolgsformel und dafür etwas mehr tonale Subtilität und Raffinesse.

Im Kino ab 4. Juni 2026
Spielorte und -Zeiten


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

+++ «Sonderfall / En terrain neutre» +++ Jetzt im Kino!