LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada

Happy Fanfare: Promo und Image sind alles © trigon

Mai ist Teil der Japan-Pop-Idol-Group «Happy Fanfare». Zusammen mit ihren vier Kolleginnen absolviert sie Tag für Tag ein beinhartes Programm. Tanztraining, Studium neuer Songs, Choreographie büffeln, durchgetaktete Bühnen-Auftritte vor jubelnden Fans und danach organisiertes «Meet & Greet», kurze Begegnungen mit den treuesten Anhängern für Autogramme und klar geregelten Small-Talk im Minutentakt. Dates oder gar Liebesbeziehungen mit den Fans sind vertraglich verboten, Idols müssen unschuldig sein, süss, sexy und theoretisch verfügbar für alle.

Entsprechend werden die individuellen Rollen der jungen Frauen vom Management definiert und angepasst. Auf Plakaten, CD-Hüllen, und Fanartikeln werden sie stets streng hierarchisch nach ihrer aktuellen individuellen Popularität eingesetzt, mit der gerade beliebtesten auf der Bühne in Lead-Position in der Mitte… bis zum nächsten durchgeplanten Songrelease.

Die harte Arbeit zeitigt Erfolge – so lange, bis sich Mai unverhofft in einen einstigen Mitschüler verliebt, der nach ein paar Jahren in England als pantomimischer Strassenkünstler in die Stadt zurückgekehrt ist. Das Management klagt wegen Vertragsbruch und Mai findet sich plötzlich in einem sehr realen juristischen Alptraum wieder.

Backstage sind alle etwas nachdenklicher © trigon

Love on Trial ist ein bestechend clever aufgebauter Film, der seine raffinierten dramaturgischen Symmetrien geschickt hinter der faszinierenden Einblicksmechanik in die J-Pop-Industrie versteckt, mit Auftritten, flackernden Lichtern, Musik und aufgebauschten Träumen auf allen Seiten.

Thematisch und dramaturgisch konstruiert das Drehbuch von Fukada und seinem Ko-Autor Shintaro Mitani diverse Kontraste in Opposition übers Kreuz.

Da ist zunächst die doppelte industrielle Traumvermarktung der Industrie. Den Fans verkauft das Management seine Retorten-Idole unverholen sexistisch als unschuldige, fröhliche, reine, kindlich sexualisierte Projektionen, während die jungen Frauen selbst den Traum von einer Existenz als umjubelte Star längst so internalisiert haben, dass sie sich im knallharten Alltag kaum hinterfragen.

Die Idols von Happy Fanfare im Einsatz © trigon

Entsprechend inszeniert Fukada die Bühnenauftritte von «Happy Fanfare» als durchchoreografierte musikalisch einpeitschende Licht-, Tanz- und Flirtshow oben auf der Bühne vor riesigen Rückprojektionen, während im Saal die Fans mit assortierten Leuchtstäben und Sprechgesängen die künstliche Gemeinschaft zelebrieren.

Im Kontrast dazu steht Kei, der selbstgenügsame und komplett selbstbestimmte Strassenkünstler, der mit minimalem Aufwand sein zufälliges Publikum bezaubert und mit ihm die hingerissene Mai, die sich unwillkürlich und ungewollt von Keis Ausstrahlung und Freiheit angezogen fühlt.

Strassenkunst und Liebe: Kei Mayama (Yuki Kura) © trigon

Koji Fukada geht dabei mit seiner Liebe zu Fellini recht weit, indem er Keis Auftritte, insbesondere jene, die er nur für Mai inszeniert, mit poetischer Überhöhung filmisch (wörtlich) zum Fliegen bringt. Kei wirkt wie ein Dichter-Zauberer, wenn er an seinem Seil in den Nachthimmel hinauf steigt, die lyrische Leichtigkeit seiner Kunst kontrastiert mit der aufwändigen Technik und Arbeit, welche hinter den Auftritten der Idols steht.

Und dann kippen die Taktung und die Stimmung des Films in seiner zweiten Hälfte in eine weitere Kontrast-Opposition. Die nüchternen Gerichtsverhandlungen, Gespräche mit Anwälten, die finanzielle Unsicherheit des Liebespaars und sein zermürbender Alltag zwischen Rechtfertigung, materiellen Engpässen, Stolz und verlorenen Träumen liegt mit der ersten Filmhälfte eben so übers Kreuz wie Himmel und Hölle, Bühne und Zuschauerraum, Strassenkunst und Alltagspoesie.

Vor Gericht: Mai Yamaoka (Kyoko Saito) © trigon

Koji Fukada hat seinem Film einen realen Fall zugrunde gelegt, um ganz grundsätzlich den tief verankerten Sexismus der japanischen Gesellschaft anzugehen. In seinen Anmerkungen zum Film schreibt der Filmemacher:

«In der männerdominierten Gesellschaft Japans entsteht der Eindruck, dass die Inszenierung eines schönen jungen Mädchens als sexuelles Objekt für Männer gesellschaftlich weitgehend hingenommen wird und dass dafür eine grundlegende und fundamentale menschliche Freiheit schlicht ignoriert wird – nämlich das Recht, zu lieben, wen man will.

Es wurde viel über die Notwendigkeit gesprochen, die «Reinheit» der Idols zu bewahren, und selbst der Richter griff diesen Gedanken in seinem Urteil auf. Kaum jemand thematisierte jedoch, dass die Vorstellung vom «jungfräulichen Mädchen» als eine Form fetischisierter Sexualisierung letztlich eine männliche Projektion ist – während an männliche Popstars in dieser Hinsicht keine vergleichbaren Erwartungen gestellt werden.Die Vorstellung von der «Reinheit» und «Unberührtheit» der Idols legt das Ausmass männlicher Macht und die dieser Kontrolle zugrunde liegende strukturelle Gewalt in der japanischen Gesellschaft offen.

Zunächst reagierte ich mit Wut auf die Widersprüche und die moralische Heuchelei dieses Falls. Doch dann begann ich, über die beiden betroffenen jungen Menschen nachzudenken. Von der Öffentlichkeit und den Medien kritisiert, wird die junge Frau nun von einer patriarchal geprägten Gesellschaft bestraft – eben jener, die ihr zugleich den Traum ermöglicht hat, ein Idol zu werden. Ebenso beschäftigte mich, dass auch ihr Freund von den Medien öffentlich an den Pranger gestellt wurde.»

Kei Mayama (Yuki Kura) und Mai Yamaoka (Kyoko Saito) © trigon

Um die Show-Mechanik der J-Pop-Industrie überzeugend auf die Leinwand zu bringen, hat Fukada zunächst versucht, mit den entsprechenden Agenturen zusammenzuarbeiten, was sich aufgrund der grundsätzlich kritischen Haltung des Films bald als unmöglich erwies.

Aber dann fand Fukada im Frühjahr 2024 über einen Zeitungsartikel seine Mai. Das einstige Idol Kyoko Saito hatte die Supergruppe «Hinatazaka46» verlassen und brachte die Erfahrung, das Können und den Hintergrund mit für die Rolle.

Love on Trial ist ein poppiger, dramatischer und fast schon «heimlifeiss» eingängiger Film, weil er an der Oberfläche zunächst so fröhlich leicht daherkommt wie der tatsächliche J-Pop. Dann aber wird das alles zunehmend faszinierend, weil die Meta-Ebene dauernd bricht und sich verschiebt wie tektonische Platten.

Ein Zwischenfall mit Fan wird zum Wendepunkt © trigon

Einerseits ist die ganze Idols-Geschichte ja schon industriell organisierter Traumverkauf nach zwei Seiten hin, zu den Fans und zu den Girls. Andererseits kommt die darauf folgende Romeo & Julia-Romanze als Gerichtsfilm der Kleinen da unten gegen Corporate da oben nicht nur seitwärts ins Getriebe, gegen das Ende hin kommt dann auch noch die ganze uralte menschliche Ebene des gebrochenen Gelübdes und dem Abfall vom Glauben ins Spiel – wie bei einer Nonne, welche aus Liebe das Kloster verlässt und damit ihren «reinen» Traum aufgeben muss.

Und schliesslich siegt, so viel sei schon verraten, die Gerechtigkeit über die Liebe hinweg, das persönliche Opfer und der berechtigte Stolz machen Mai zu einer wahrhaft tragischen Heldin und bringen den Film zu einem überzeugenden, befriedigenden Ende mit spektakulärem Sonnenaufgang.

Im Kino ab 4. Juni 2026
Spielzeiten und -Orte


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

+++ «Sonderfall / En terrain neutre» +++ Jetzt im Kino!