
Die Suche von Teenagern oder jungen Erwachsenen nach einem unbekannten biologischen Elternteil ist ein dramatischer und cinematischer Topos, von allen Varianten auf Kästners doppeltes Lottchen bis zu Mike Leighs Secrets & Lies (1996), oder auch Stoff für Komödien wie Flirting with Disaster von David O. Russell (ebenfalls 1996).
Die in Paris ausgebildete norwegische Schauspielerin und Regisseurin Janicke Askevold hat nun die komplexen menschlichen Sehnsüchte hinter diesem Wunsch nach definierter Herkunft in einen sehr erwachsenen Film gepackt.
In Solomamma ist es die alleinerziehende Mutter Edith (Lisa Loven Kongsli), die sich unerwartet für die Identität und die Persönlichkeit des anonymen Samenspender-Vaters ihres fünfjährigen Sohnes zu interessieren beginnt.

Der subtile Antrieb hinter ihrem auf den ersten Blick unlogischen Drang ist der Wunsch der bisweilen überforderten Mutter, Wesenszüge und Verhaltensweisen ihres Sohnes besser zu verstehen.
Während die Suche der Kinder nach einer anders gearteten Herkunft in den meisten einschlägigen Filmen der klassischen Heldenreise entspricht, mit Hindernissen, Enttäuschungen und schliesslich einer Selbstannahme, führt uns Askevolds Film in deutlich komplexere Gefilde.

Dafür bauen sie und ihre Ko-Autoren Jørgen Færøy Flasnes und Mads Stegger zunächst ein paar Voraussetzungen auf, die in ihrer mechanischen Durchsichtigkeit eigentlich sehr komödientauglich wären.
Edith hat zufällig eine Freundin, deren Tochter vom selben anonymen Samenspender abstammt, die beiden Kinder sind damit, ohne es zu wissen, Halbgeschwister. Und die Mütter verbindet das Geheimnis. Sie kennen nur den Codenamen des Spenders und Edith hat zudem eine anonymisierte Audioaufnahme eines Gesprächs des Spenders mit einer Psychologin, das dereinst ihrem Sohn Anhaltspunkte liefern soll.

Die Freundin findet allerdings den Namen des Mannes heraus, und auch, dass er in der Nähe wohnt. Und weil Edith Journalistin ist bei der Aftenposten, sucht sie diesen Niels (Herbert Nordrum), einen bekannten Game-Entwickler, auf, unter dem Vorwand, einen Artikel über seine Arbeit schreiben zu wollen.
Dabei stellt sich nicht nur heraus, dass Niels ebenfalls eine Familie hat, inklusive Stieftochter, die Journalistin werden möchte und darum beim Interview dabei ist, sondern vor allem, dass Niels und Edith voneinander sehr fasziniert und angezogen sind.

Stoff für dramatisches Fehlverhalten und unprofessionelle Hochrisikostrategien auf allen Seiten. Und damit Material für einen packenden Film, der ganz leicht ins Melodrama abrutschen könnte. Tut er aber nicht.
Es spricht für Askevolds Inszenierungskunst und für die Fähigkeit ihrer Schauspieler, dass ihr reichlich konstruiertes Drehbuch in eine tatsächlich berührende und ehrliche Erzählung mündet.

In erster Linie ist es wohl Lisa Loven Kongsli zu verdanken, dass Edith und ihre bisweilen grenzwertigen Entscheidungen emotional nachvollziehbar bleiben. Die Frau in ihren Vierzigern kommt an ihre Grenzen, als ihre Mutter, mit der sie und ihr Sohn zusammenleben, mit einer einsetzenden Demenz zu kämpfen beginnt, während der Sohn bisweilen altklug eigenwillige Züge aufweist, welche Edith nirgends festmachen kann.
Janicke Askevold inszeniert realistisch, chronologisch und nachvollziehbar. Einzig die Musik deutet bisweilen leicht verschobene Wahrnehmungsräume an, und die Kamera von Torjus Thesen irritiert in speziellen Momenten mit einem Zoom auf Edith, oder einem überlangen Blick auf ihr Gesicht, was ebenfalls dazu beiträgt, den emotional weit gespannten Zustand der Frau spürbar zu machen.

Gleichzeitig kommt nie das Gefühl auf, Edith sei dabei, die Kontrolle zu verlieren. Sie scheint viel eher alles daran zu setzen, die Kontrolle hin und wieder zu suspendieren, was einem die Figur unwillkürlich nahe bringt.
Solomamma ist ein aussergewöhnlicher, eigenwilliger und, wie mir scheint, sehr gelungener Versuch, mütterliche Überforderung, Sehnsucht und Unsicherheit in einen emotional nachvollziehbaren, stromschnellendurchzogenen Fluss zu bringen.
Im Kino ab 11. Juni 2026
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