LE LAC von Fabrice Aragno

Dieser Blogbeitrag ist eine erweiterte und überarbeitete Version meiner kurzen Filmbesprechung für die Schweizer Seiten von DIE ZEIT vom 11. Juni 2026

© adok films

Mann, Frau, Boot, See. Dokumentarische Fiktion. Ein maximal minimalisiertes Konzept.

Im Gefolge des letzten grossen 3D-Hypes im Kino, ausgelöst durch James Camerons Avatar und eine beispiellose Studiokampagne, die für ein paar Jahre sogar 3D-Fernseher in die Läden brachte, hat sich nicht nur Wim Wenders um einen sinnvollen Einsatz der Technik bemüht. Auch Jean-Luc Godard hat für eine Weile mit den Möglichkeiten – und vor allem den Unmöglichkeiten – des Präsentationsformates gespielt.

An seiner Seite war dabei stets Fabrice Aragno, sein engster künstlerischer und technischer Mitarbeiter über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg. Mit Aragno an der Kamera entstand unter anderem Adieu au Langage (2014), mit ziemlich gewagten 3D-Spielereien.

Ich kann mich an ein paar faszinierende Stunden erinnern, als Fabrice Aragno einer Gruppe interessierter Filmjournalisten und Filmemachern im Zürcher Kino Xenix Godards Experimente vorführte und, soweit möglich, erklärte. Das radikalste Experiment mit der 3D-Technik wagte Godard typischerweise einmal mehr gegen alle Regeln der Konsumierbarkeit, indem er 3D nicht zur Simulation eines räumlichen Bildes einsetzte, sondern als synchronen Split-Screen, also mit unterschiedlichen Bildern für das linke und das rechte Auge. Und wie so oft bei Godard, lässt sich irritierende Nonkonformität auch hier problemlos allegorisieren.

In Fabrice Aragno hatte das «Orakel von Rolle» – so genannt nach Godards Wohnort am Genfersee – für seine Gedankenspiele und Experimente einen fähigen und willigen Helfer – auf allen Ebenen. Der 1970 in Neuchâtel geborene Leinwandzauberer beherrscht neben der Kameraarbeit eine ganze Palette von Filmberufen, vom Sounddesign bis zum Schnitt, Drehbuch und Regie.

Aragno war nie nur Godards Assistent, eher schon ein Sparringpartner, wie es scheint. Und seinerseits ein eigenständiger, eigenwilliger und eigensinniger Filmkünstler, der weiss, wo er herkommt und wo er hin will. Das illustriert jetzt auch Le lac, sein Spielfilm, den er im Abspann den zwei grossen Toten widmet, bei denen er gelernt hat: À Jean-Luc. À Freddy (damit ist ziemlich sicher Freddy Buache gemeint, der langjährige Chef der Cinémathèque Suisse).

Und wie Godard mit seinen letzten Filmen, bleibt auch Aragno für Le lac mehr oder weniger vor seiner Haustür.

Clotilde Courau, Bernard Stamm © adok films

Den Genfersee braucht er, einen Mann, eine Frau und ein Boot. Daraus zimmert Fabrice Aragno mit einem hochwertigen technischen Team von eingeschworenen Mitstreiterinnen und Mitstreitern eine komplette Kunst- und Lebensallegorie.

Auf dem Wasser, im Wettstreit und im Kampf gegen die Elemente spielt sich im Wesentlichen ab, was Le lac ausmacht.

Wer nun «Moby Dick» erwartet, oder Hemingways «Der alte Mann und das Meer», liegt nicht falsch. Allerdings «reduced to the Max», also ohne Action, Drama, Konfrontation oder nennenswerten Dialog.

© adok films

Le lac hat das Herz eines romantischen Gemäldes und die Nervenbahnen eines Dokumentarfilms, inszeniert mit der französischen Schauspielerin Clotilde Courau und dem Schweizer Extremsegler Bernard Stamm in den Rollen der Anna und des Vincent, gefilmt im klassischen 4:3 Postkartenformat (das auf einer normalen breiten Kinoleinwand irritiert wie ein offenes Fenster), dauernd in Konkurrenz und Komplizenschaft mit Wind, Wasser, Landschaft und den vielfältigsten Geräuschen.

Bernard Stamm © adok films

Anna und Vincent nehmen an einer Segelregatta auf dem Genfersee teil, sie sind offensichtlich ein eingespieltes Team, und hin und wieder befindet sich ihr Boot im direkten Duell mit anderen Booten und Teams – ohne dass da je etwas persönlich würde.

Hauptsächlich aber schmiegen sich der Mann und die Frau in die Elemente, die Gischt, die Windverhältnisse, bei Sturm, Dunkelheit, Sonnenschein und selbst Wintereinbruch. Die Kamera filmt die Körper der beiden nicht anders als die Wasseroberfläche, die Wälder und Landschaften am Ufer oder die Textur der flatternden Segel. Alles ist Landschaft.

Anna (Clotilde Courau) © adok films

Bisweilen allerdings sehen wir Anna und Vincent in einem Garten an der Sonne auf einer Decke liegen, vertraut, träumend, liebevoll, in die familiäre Farbpalette von Super 8 getaucht, als ob das Leben auf dem Wasser sich jenes auf dem Land erträume. Oder umgekehrt.

Der Kunstwille ist gross bei Regisseur Fabrice Aragno. Entsprechend leistet er sich den Bruch mit den meisten Seh- und Wahrnehmungsbequemlichkeiten des Publikumskinos. Professionell saubere Kameraarbeit wird im Schnitt stotternd gerafft, mit jenen «Jump Cuts», die Godard mit A bout de souffle einst zum Markenzeichen machte, mit Anschlüssen und Übergängen, welche mehr auf das sensorische Gesamtkunstwerk zielen, als auf dramaturgischen Sog.

Der 75 Minuten lange Film ist gerahmt von kurzen Zitaten aus zwei kunstphilosophischen Texten, zu Beginn aus «L’Œil et l’Esprit» (1960) vom Franzosen Maurice Merleau-Ponti, am Ende mit einer Passage aus Heinrich von Kleists «Empfindungen vor Friedrichs Seenlandschaft» (1810).

Aber als Film ist Le lac nicht Theorie, sondern Praxis. Angewandte sensorische Integration von Mensch in Welt.

Im Kino ab 11. Juni 2026
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