
Auch wenn die Italianità für das nördliche Europa einst eher ein Lebensgefühl bezeichnete: Heute steckt die historische Exotik des Landes in seiner durchgängigen intellektuellen, linken, antifaschistischen, faschistischen, terroristischen und mafiösen Verästelung, in all diesen paradoxen Gleichzeitigkeiten.
Die Schauspielerin und Autorin Goliarda Sapienza, ihre das 20. Jahrhundert umfassende Familiengeschichte und vor allem ihre Bücher gehören zu diesem Mycel aus Ideen, Leidenschaften und politischen Widersprüchen; die Geschichte ihrer kurzen Inhaftierung im Frauengefängnis Rebibbia und ihrer dort entstandenen Freundschaften mit anderen gefangenen Frauen bilden die Basis für Mario Martones jüngsten Film.
Fuori heisst Martones faszinierender Tauchgang in die 1980er Jahre in Rom. Das Drehbuch hat er gemeinsam mit seiner Frau Ippolita di Mayo geschrieben, auf der Basis von Sapienzas Romanen «L’universitá di Rebibbia» and «Le certezze del dubbio». Und der Film zeichnet sich nicht zuletzt über das aus, was er gezielt alles nicht ist, obwohl er es hätte sein können.

Zum Beispiel ist das kein Frauengefängnisfilm, obwohl das Exploitation-Genre in all den Szenen im Gefängnis nachhallt, so auch in der allerersten Einstellung, in der sich Valeria Golina in der Rolle der Goliarda sich der entwürdigenden Eintrittsuntersuchung unterziehen muss.
Entsprechend der zentralen Feststellung der Autorin, dass sie und ihre Freundinnen auch nach der Gefängnisentlassung sich auch «fuori», draussen, noch immer «drinnen» befinden, an jenem Ort, wo sie unerwartete Solidarität und Freundschaft gefunden haben, wird dafür das sommerliche Rom zu einem einzigen grossen Gefängnis, mit vielen kleinen, freundschaftlichen Fluchten.

Fuori ist auch nicht Thelma & Louise, obwohl es durchaus Szenen gibt, die auf genau diesen modernen Klassiker rekurrieren, etwa eine überschwängliche Ausfahrt im Cabrio.
Und Fuori ist auch nicht die barock-überschwängliche Feier der urbanen Schönheiten von La Grande Bellezza von Martones Zeitgenosse Paolo Sorrentino, auch wenn Kameramann Paolo Carnera ein sommerliches oder auch nächtliches Rom voller Schönheit in der Schäbigkeit und jenseits aller touristischen Hotspots regelrecht abfeiert.

In erster Linie ist Fuori ein Film über Freundschaft, Zusammengehörigkeit und Liebe in allen Schattierungen unter Frauen, der vielleicht gerade darum so stark wirkt, weil hier ein Mann diese Frauen inszeniert. Nicht etwa, weil Martones männlicher Blick dominieren würde, sondern eher, weil er aus dem Staunen über seine drei Hauptdarstellerinnen nicht mehr herauskommt.
Valeria Golina, die sich nach ihren internationalen Ausflügen als Eye Candy in US-Produktionen wie Rain Man (1988) oder Hot Shots! (1991) längst als engagierte Darstellering und als talentierte Regisseurin erwiesen hat, verkörpert die Goliarda Sapienza mit einer packenden Mischung aus Stärke, Wut, Leidenschaft und Zerbrechlichkeit, eine inverse Mamma Roma als Ausgestossene und Wiederauferstandene zugleich.

Ihr gegenüber nehmen die einnehmende Matilda De Angelis als drogensüchtige Gewohnheitsdelinquentin Roberta mit gut verstecktem politischem Hintergrund und Popsängerin Elodie als geerdet-statueske Schönheit Barbara das restliche Spektrum der integrierten Aussenseiterinnen auf.
Der Film verknüpft all die eingangs erwähnten Züge des paradox-exotischen Italien auf schon fast mühelose Weise, wie es die Biografie und wohl auch das schriftstellerische Werk der Hauptfigur tun.

Goliarda kommt aus den links-intellektuellen Kreisen, dem künstlerisch-avantgardistischen Rom mit seinen Denkern, Snobs und Karrieristen, stürzt ab über Depression, Schmuckdiebstahl aus Trotz und Entfremdung und findet zu einer unerwarteten Schwesterlichkeit, die ihr wiederum als Romantisierung des Elends angekreidet wird.
Der Film von Martone lässt das alles anklingen, oft fast nebenbei, indem er sich auf das Verhältnis der Frauen konzentriert, das Lebensgefühl zwischen Euphorie und Verzweiflung, Kampf und Widerstandsfähigkeit.
Nach all den Mafiafilmen, den Aufarbeitungen der Zeiten der Brigate rosse, den politisch-nostalgischen Chroniken aus dem nach wie vor engagiert-intellektuellen Italien, den Zeitsprüngen von Paolo Sorrentino, Andrea Segre, Nanni Moretti, Marco Bellocchio oder auch Martone selbst, mit Nostalgia, führt Fuori in ein perspektivisch weiblicheres Italien, jenes, in das wir auch dank den Filmen von Alice Rohrwacher in den letzten Jahren Einblicke bekommen haben. Dabei ist es wohl eher ein Zufall, aber ein passender, dass mit Loredana Buscemi die gleiche Frau für die Kostüme in Fuori zuständig war wie bei den meisten Filmen von Alice Rohrwacher.
Fuori ist ein schöner Film ohne Beschönigungen, eine weitgespannte Momentaufnahme eines Italien, das wohl im Begriff ist, zu verschwinden, in Wirklichkeit und in den Köpfen. Und damit ein Film, der unweigerlich Lust macht, Goliarda Sapienzas postum erschienenes Hauptwerk «L’arte della gioia» («Die Kunst der Freude») zu lesen. Und natürlich auch bald wieder ins Kino zu gehen.
Im Kino ab 18. Juni 2026
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