VON DEM, WAS BLEIBT von Lisa Blatter

Selma (Carla Juri) und Nori (Dashmir Ristemi) © Outside the Box

Nori findet sich verletzt und ohne Erinnerung an die letzten Stunden im Park wieder. Die Frühstücksgipfel, die er für sich und seine Freundin gekauft hat, sind bereits in der Wohnung. Und statt der schwangeren Selma findet er blutige Bettwäsche.

Amnesie-Geschichten und das Kino sind zweieiige Zwillinge; kein anderer Plot-Device ist näher an den Erzählmöglichkeiten der Montage. Und vom «Filmriss» reden wir im Alltag, um jenen Moment des Aussetzens der Erinnerungen zu bezeichnen.

Auch Nori wird den Ausdruck später benutzen, wenn er mit Selma zusammen zu rekonstruieren versucht, was geschehen sein könnte. Denn eigentlich hätte er nur Kleider holen sollen. Sagt sie.

Noris Amnesie ist zwar ein zentraler Angelpunkt in Lisa Blatters Von dem, was bleibt. Aber Noris «Filmriss» entpuppt sich im Lauf des Films eher als Metapher denn als Motor.

Selma (Carla Juri) und Nori (Dashmir Ristemi) © Outside the Box

Von dem, was bleibt ist ein Film über das Schweigen, beziehungsweise ein Film über all das, was nicht gesagt wird, oder wurde, ein Film über Erfahrungen, Traumata, Erinnerungen, die verschüttet bleiben unter dieser Decke des Schweigens.

Selma (Carla Juri) erfährt im Verlauf des Films Dinge über Noris (Dashmir Ristemi) Leben, über die er nie gesprochen hat. Und die beiden sprechen auch nicht wirklich über die Fehlgeburt, die sie eben erlitten hat.

Weil sich vieles im Verlauf des Films für die Zuschauenden erschliesst, spielt die Dramaturgie des Amnesie-Thrillers zwar eine Rolle. Aber zugleich bleibt die Unsicherheit über das Unausgesprochene bei den Figuren.

Und manchmal der Ärger des Publikums über die ausbleibende Kommunikation, vor allem dort, wo die Schweizer Alltagslogik auf der Strecke bleibt. Wenn etwa die Polizei Noris Telefon in einem Unfallauto findet und Noris Bruder dieses zu Selma in die Wohnung bringt, dann ist in der Realität kaum ein Szenario denkbar, in dem nicht direkt oder indirekt mit einem Polizisten über den Unfallhergang und seine Konsequenzen gesprochen werden müsste.

Dass Selma mit Nori zum vermuteten Unfallort fährt, um seine Erinnerungen zu triggern, ist zwar logisch, aber die Antworten wären zumindest teilweise wohl auch dem Polizeiprotokoll zu entnehmen. Falls der Unfall stattgefunden hat.

Nur geht es in diesem Film nicht in erster Linie um die Logik des Aufdeckens, sondern um das Schweigen. Und auch Filme um das Schweigen haben Tradition. Man könnte gar sagen, sie sind die Reaktion des Kinos auf die Quasseldramaturgie der Alltagserzählungen, auf all jene Filme im Kino oder im Streaming, die nicht zeigen, sondern erzählen lassen.

Ein Schweizer Beispiel für trotziges Schweigen oder kaschierendes Reden stellt Max Frischs «Stiller» dar, durchaus im Sinne der Schweigefilmdramaturgie aufbereitet, in der jüngsten Fassung von Stefan Haupt.

Ein anderes Beispiel wäre Michel Francos Sundown von 2021, in dem Tim Roth einen Engländer in Acapulco spielt, der partout nichts mehr von seinem alten Leben und dem Erbe der grossen Firma wissen will und auf die verzweifelten Fragen seiner von Charlotte Gainsbourg gespielten Schwester nach seinen Gründen oder gar Wünschen eisern schweigt.

Selma (Carla Juri) und Nori (Dashmir Ristemi) © Outside the Box

Ans Ende ihres Films stellt Lisa Blatter ein Zitat aus Arundathi Roys «Der Gott der kleinen Dinge»:

«Und die Luft war voller Gedanken und Dinge, die es zu sagen gab. Aber in Zeiten wie diesen werden immer nur die kleinen Dinge gesagt. Die grossen Dinge lauern unausgesprochen im Inneren.»

Auf dieser Ebene funktioniert Lisa Blatters Von dem, was bleibt ziemlich gut. Carla Juri und Dashmir Ristemi gelingt es durchgehend, Schmerz und Trauer, körperliche und seelische Leere und Entfremdung spürbar zu machen und auch die kleinen Momente der Verbundenheit, der gemeinsamen Erinnerungen.

Dabei helfen auch die doppelte Metaphorik des Verschweigens und der Bilder, die Traum- und Erinnerungssequenzen, ein Wolf, der immer wieder auftaucht, ein fröhliches Mädchen, Noris Mutter, der alles verschwiegen wird, der Bruder, der sich mit Nori wegen des Schweigens prügelt.

Und überhaupt die physische Präsenz der Körper. Carla Juri macht die körperliche Leere nach der Fehlgeburt, den physischen Schmerz, eben so spürbar wie die zeitweilige Nähe und Vertrautheit mit Nori. Und Nori, der mit seinem Bruder im Trainingsschuppen Kindern Selbstverteidigungskurse erteilt und sich seinen eigenen Frust bisweilen am Boxsack aus dem Körper schlägt, ist ohnehin mehr physisch präsent als emotional zugänglich.

Ein Problem hat der Film an den dramatischen Angelpunkten, bei der Plotmechanik. Denn die Frage danach, was «wirklich» passiert sein könnte, erhält das Grundinteresse des Publikums. Sie muss nicht komplett beantwortet werden, aber die Zuschauerfrustration über das, was der Film gezielt nicht oder verzögert aufklärt, darf nie grösser werden als die emotionale Einlassung.

Im Kino ab 18. Juni 2026
Spielorte und -Zeiten

VORPREMIEREN

Aarau, FFA, Di, 16.6. – 20:00 Uhr
Zürich, Riffraff Mi, 17.6. – 21:00 Uhr
Bern, Kino Rex So, 21.6. – 18:00 Uhr


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