COSMOS von Germinal Roaux

León (Andrés Catzín) © Sister Distribution

Es ist unglaublich, wie stark diese schwarzweissen Bilder leuchten. Als Fotograf ist Germinal Roaux in dieser essentiell reduzierten Welt zuhause, die nur auf der Netzhaut existiert und sich direkt ins Gefühl einbrennt. Das Bild dafür stellt er an den Anfang von Cosmos, einen Baum auf einem dschungelartigen Hügel, aus dessen Stamm von innen heraus kleine Flammen schlagen, flüssig tropfendes Licht.

Im ländlichen Yucatán, in dem dieser Auftaktbaum zu totemartigem Leben erwacht, wie eine Prélude zu einer Pastorale, werden sich die sterbenskranke Literaturprofessorin Lena und der indigene, illiterate Maya-Kleinbauer León im Verlauf der 152 fiebertraumruhigschönen Minuten von Cosmos finden, verbinden und verabschieden.

Licht und Schatten bedingen sich gegenseitig, niemand versteht das besser als der Fotograf. Und wohl auch darum setzt der Lausanner Germinal Roaux für seinen dritten Langspielfilm auf Kontraste, ausgeweitete Dualitäten, integrative Gegensätze und kontemplative Konzentration.

Im Mittsechziger Leon verbinden sich Maya-Spiritualität und christlicher Glaube; in seiner Existenz spiegelt sich die von kolonisatorischer Gewalt geprägte Geschichte der indigenen Kultur, unter anderem im Umstand, dass sein Adobe-Häuschen dem Bau einer Strasse weichen muss, vom Bagger in einer unmittelbar erschütternden Sequenz zerlegt und gefressen wird.

Lena (Ángela Molina) © Sister Distribution

Lena dagegen lebt alleine in einem alten Palast mit Säulenvorbau, mit einer Haushälterin, die jeden Morgen angeradelt kommt, mit einem Grammophon und einem Stapel Schallplatten, mit Schachteln voller unausgepackter Erinnerungen an ihr altes Leben in Mexiko-City und ihren vor langer Zeit verstorbenen Mann. Und mit ihrem Hund Bruno, der bei einem Spaziergang verschwindet und bei Leon wieder auftaucht – was die beiden schliesslich zusammenbringt.

Leon bringt die sterbende, innerlich zerrissene Frau über seine ruhige und fürsorgliche Anwesenheit zu sich selbst, versöhnt sie mit ihrem lebenslangen Kampf gegen den Glauben und für das Wissen; sie treffen sich in der Schönheit von Licht und Ideen, Musik und Natur, Geduld auf seiner Seite und Widersprüchlichkeit auf ihrer.

León (Andrés Catzín) am Grab seines Bruders © Sister Distribution

Cosmos weist auch auf der Figuren- und Handlungsebene für sich genommen Kontraste auf. So rutscht die idealisierte Darstellung des geduldigen Indigenen als Gegenpol zur intellektuell-abendländischen Frau bisweilen ins Driving Miss Daisy-Territorium ab, ähnlich wie die überhöhte Verbindung von kulturell raffinierter Musik oder Literatur mit spiritualisierter Naturmystik.

In seiner Wirkung aber wird der Film zu einem Ganzen, zu einem tragenden und getragenen Erlebnis, gerade auch darum, weil Roaux das Spiel von Licht und Schatten auf jeder Ebene dynamisch emotionalisiert. Nicht nur Hell und Dunkel erzeugen lebendige Zwischentöne, sondern auch die für sich genommen allzu simpel aufgestellt scheinenden Gegensätze Natur – Kultur, indigene Konstanz – kolonisatorischer Bruch, Glaube – Widerstand, ja, selbst Mann – Frau, wenn auch gerade in dieser Beziehung sublimiert jenseits jeder störenden Erotik.

Hilda (Erandeni Durán), Lena (Ángela Molina) und León (Andrés Catzín) © Sister Distribution

Die spanische Kinoveteranin Ángela Molina, mit ihrer umwerfend fragil gebliebenen Schönheit und ihrer permanenten Präsenz in der Kinogeschichte seit ihrem ersten Auftritt bei Buñuel im Jahr 1977, wird perfekt ergänzt und kontrastiert durch den León-Darsteller Andrés Catzín, dem Laiendarsteller aus einer Maya-Bauernfamilie in Yucatán.

Dass die beiden Figuren über ihre Namen an Büchners satirisch-romantische Leonce und Lena erinnern und dass Lenas Hund, ein belgischer Schäfer, den Namen Bruno trägt (vielleicht in Erinnerung an Bruno Ganz in Germinal Roaux’ letztem Film Fortuna von 2018, einer belgisch-schweizerischen Koproduktion) lässt im übrigen auf einen wohltuenden Sinn für Humor hinter dem ganzen spirituell erhöhten Unternehmen schliessen.

Cosmos ist ein Kunstwerk, ein Film, dessen in- und extrinsische Kontraste und Widersprüche sich in Schönheit zu einem nachwirkenden essentiellen Kinoerlebnis verbinden.

Im Kino ab 25. Juni 2026
Spielzeiten und -Orte


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