LA HIJA CÓNDOR von Álvaro Olmos Torrico

Clara (Marisol Vallejo Montaño) und Ana (María Magdalena Sanizo) © trigon

In den bolivianischen Anden, auf 3304 Metern über Meer liegt der Ort Totorani. Dort hat der bolivianische Filmemacher Álvaro Olmos Torrico auf einer seiner Reisen eine Quechua-Hebamme kennengelernt, die letzte ihrer Art, in einer kleinen Gemeinschaft, welche zunehmend kleiner wird. Er hat sie mehrfach besucht und konnte sich schliesslich mit ihr verständigen, obwohl er selber kein Quechua spricht. Als sie starb, nahm er das zum Anlass für seinen zweiten Spielfilm.

Die Ana des Films, die alte Hebamme mit ihrer Schülerin und Ziehtochter Clara, ist das Herz, ein Hort alten Wissens, und für viele in der kleinen Gemeinschaft der Mensch, dem sie als erstes in ihrem Leben begegnet sind. Ana verkörpert die verschwindenden Gemeinsamkeiten in einer Welt, die von aussen bedrängt und geöffnet wird.

Ana (María Magdalena Sanizo) Clara (Marisol Vallejo Montaño) © trigon

Das erfährt Clara, die junge Frau mit der wundervollen Stimme, welche von Ana nicht nur den Beruf lernt, sondern ihr und den Gebärenden auch mit den traditionellen Gesängen assistiert (was an die entsprechenden Szenen in Anka Schmids Dokumentarfilm Melodie erinnert).

Clara (Marisol Vallejo Montaño) ist es denn auch, die wir am ehesten mit der «Kondor-Tochter» vom Filmtitel verbinden. Zumal sie bald ihre Flügel ausbreiten und eine neue Welt erkunden wird, mit neuer Musik, in der nahegelegenen Stadt Cochabamba. Die erste Ahnung von moderner Musik und neuen Liedern vermittelt ihr dabei ein kleines Transistorradio, das ihr einer der jungen Väter nach einer Geburt zum Dank überreicht.

Den sich dabei anbahnenden Konflikt zwischen Neuzeit und Tradition, Generationen und Vorstellungen kündigt eine frühe Szene an, wenn Clara im grossen Vogel am Himmel einen Kondor vermutet, während Anna (María Magdalena Sanizo) meint, das sei bloss ein Geier.

Clara (Marisol Vallejo Montaño) und Ana (María Magdalena Sanizo) bei der Arbeit © trigon

Álvaro Olmos Torrico vermeidet jegliche New-Age-Sentimentalität. Stattdessen sind sorgfältige Recherchen und viel Verständnis für die Traditionen und vor allem die Zusammenhänge in diesen kleinen, einst weitgehend autarken Gemeinschaften in das Drehbuch und die Dreharbeiten eingeflossen. Anders als in den verklärenden Heimatfilmen europäischer Tradition trifft in La Hija Cóndor nicht die verkommene Moderne der Städte auf die Idylle des Landes.

Zwar tauchen tatsächlich Ärzte aus der Stadt auf, welche die Hebammen-Tradition mit moderner medizinischer Versorgung ablösen möchten und in Erfüllung irgendwelcher Regierungsprogramme sogar Subventionen und Stipendien verteilen, zur Belohnung für Klinikgeburten. Aber Torrico zeigt auch die Enge und zeitweilige Engstirnigkeit in der kleinen Berggemeinschaft, etwa mit der drakonischen Bestrafung einer jungen Frau, die es gewagt hat, «unangemessen» mit einem Mann zu flirten.

Ana (María Magdalena Sanizo Ana) hat eine neue Welt entdeckt © trigon

Für Claras Freundin Flora (Alisson Jimenez) ist diese Szene, in welcher der Dorfvorsteher der jungen Frau unter den anfeuernden Rufen der «Compañeros y Compagñeras» die langen Haare absäbelt, der endgültige Anlass, die Gemeinschaft Richtung Stadt zu verlassen. Und Clara folgt ihr, wenn auch innerlich zerrissen, nachdem Ana ihr das geliebte Radio zertrümmert hat.

Und nun greift Torrico zu einem erzählerischen Kunstgriff. Denn mit der Abreise von Clara wechselt die Perspektive des Films von ihr zur alten Ana. Bei ihr klagen die Dorfbewohner über all das Unglück, das über die Gemeinschaft hereingebrochen sei. Verendete Tiere, Trockenheit, schlechte Ernte – bis Ana sich entschliesst, Clara zurückzuholen und in die Stadt fährt, um sie zu suchen. In ihren Augen ist es Claras Bruch mit ihrer Berufung, welche den Sündenfall darstellt und die Pachamama, die Erdmutter verärgert.

Dionisia (Gregoria Maldonado) Ana (María Magdalena Sanizo Ana) © trigon

Anas Fahrt in die Stadt ermöglicht es Torrico, durch die Augen der alten Hebamme eine Welt zu entdecken, wie uns zuvor der Einblick in jene der Berggemeinschaft über den Blick Claras vermittelt wurde. Unter anderem stellt Ana in der Stadt erstaunt fest, dass Clara keineswegs mit ihrer Berufung gebrochen hat, sondern das Singen und die Musik in einer für sie neuen und unbekannten Art weiter entwickelt.

Álvaro Olmos Torrico schafft mit seinem Kameramann Nicolás Wong Diaz einen weitgespannten Bogen. Da gibt es Bilder vom unendlichen Andenhimmel, oder von wogenden Feldern, welche an die chinesischen Meisterwerke wie Rotes Kornfeld von Zhang Yimou erinnern. Aber auch Szenen, in denen die jungen Frauen des Dorfes Fussball spielen und schliesslich jene in der Stadt, etwa in einem Konzertlokal, wo Clara auftritt, welche gezielt kontrastieren.

Gerade mit diesen Gegenüberstellungen und dem Einbezug populärer Musik erinnert La Hija Cóndor überraschenderweise an einen anderen trigon-Film der letzten Monate, an DJ Ahmed von Georgi M. Unkovski. Während aber Unkovski die Kontraste zwischen traditioneller Ländlichkeit und der Welt von Social Media und Techno mit einem augenzwinkernden Effekt maximiert und zusammenführt, sucht Torrico die Versöhnung der Entwicklungen, die Möglichkeit, seine «Hija Cóndor» nicht einfach durch die Abgründe der Moderne zurück in den Himmel der Anden zu führen.

La Hija Cóndor ist ein schöner und zugleich ein realistischer Film, mit ethnografischer Genauigkeit und einem klaren Blick für all die unausweichlichen Verwerfungen und Verschiebungen in unserer Welt. Und mit zwei Hauptdarstellerinnen, die man nicht so schnell vergisst.

Im Kino ab 2. Juli 2026
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