NIGHTBORN (Yön lapsi) von Hanna Bergholm

Saga (Seidi Haarla) in ‚Nightborn‘ © Praesens

Mutterschaft ist nichts für Feiglinge. Vor einem Jahr hatte hier am NIFFF Johanna Moders Mother’s Baby seine Schweizer Premiere, die wunderbar auf dystopische Science-Fiction getrimmte weibliche Übernahme von Rosemary’s Baby. Gestern legte das NIFFF nach und zeigte – zur Eröffnung! – die radikal auf finnischen Troll-Wald getrimmte Bodyhorror Variation Nightborn von Hanna Bergholm.

Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) wollen im einsamen Waldhaus von Sagas Grossmutter mindestens drei Kinder grossziehen. Das erste zeugen sie mit animalischer Begeisterung unter den knorrigen Stämmen im Wald hinter dem Haus beim ersten Besuch der zerfallenden Liegenschaft.

Als neun Monate später dieser Sohn zur Welt kommt, ist er Saga vom ersten Moment an fremd und unheimlich. Konsequent redet sie von «it, the baby» und beim ersten Säugen beisst der haarige, grunzende Kleine ihre Brust blutig.

Saga (Seidi Haarla) ist gefrostet © Praesens

Hanna Bergholm beherrscht ihre Themen und ihr Handwerk. Vor vier Jahren zeigte das NIFFF ihren ausgesprochen originellen Coming-of-Age-Film Hatching. Auch der beschäftigte sich mit den Komplexen von Mutterschaft, dem Verhältnis Mutter-Tochter und vor allem mit dem komplexen Thema des sich verändernden Körpers. Alles anhand eines Teenagers, die heimlich ein riesiges Ei ausbrütet.

War Hatching vor allem eine überraschend zeitgenössische Körper-Fabel, rekurriert Nightborn viel stärker auf die traditionellen mythischen Ängste und die märchenhaften Elemente. Der Wald ist dunkel und gefährlich und nicht nur in Wald und Flora lauern biologische Gefahren. Die Welt ist Kreatur und überall, auch und gerade unter dem Stubenboden.

Saga (Seidi Haarla) mit Kuura © Praesens

Hanna Bergholm spielt eine Dichotomie nach der anderen aus. Das Verhältnis Mensch-Natur, wo die Idylle bloss den Horror des Unbekannten überdeckt. Die Vorstellungen von Elternschaft mit ihren Unterschieden zwischen dem Bild des Vaters und der körperlichen Realität der Mutter. Den Schrecken, der unter dem nie ganz harmonisierten Verhältnis der Mütter und der Töchter lauert.

Und sogar den archetypischen Konflikt zwischen Religion und Natur. Den nutzt Bergholm besonders raffiniert, ist doch der Vater von Jon ein Priester, der sich nicht nur indigniert zeigt darüber, dass das Kind nun doch nicht den Namen Christian trägt, wie abgesprochen, sondern einen von Saga spontan zu Ehren ihrer Grossmutter abgerufenen wörtlich frostig-heidnischen Namen Kuura.

Dem rückt der Grosspapa in einer nach allen Regeln der Kunst von Hanna Bergholm perfekt aufgebauten antiklimaktischen Szenenfolge mit Weihwasser auf den Pelz – bloss, um wenig später eine erst recht unerwartete Reaktion zu provozieren.

Saga (Seidi Haarla) und Jon (Rupert Grint) © Praesens

Auch aus den Koproduktionszwängen (Yön lapsi ist eine finnisch-litauisch-französisch-britische Koproduktion mit einem enormen Personalaufgebot hinter den Kulissen) macht Hanna Bergholm das Beste. Insbesondere Jon, vom Briten Rupert Grint mit seiner ganzen Harry-Potter-Ron-Weasley aufgeladenen Aura hinreissend verkörpert, ist perfekt als wohlmeinender, nichts verstehender und gerade dadurch noch oppressiverer Gatte und Vater. Und das in den ersten Minuten als verzichtbar gebrandmarkte «London» steht fortan für die urbane Zivilisation, die nichts weiss von der im Wald ungebändigt prosperierenden uralten Vitalität.

Nightborn ist zwar auch eine Variation auf Rosemary’s Baby, zugleich aber, wie Johanna Moders Mother’s Baby, ein kluges, perfides und ausgesprochen treffsicheres Spiel mit den Ängsten und Überforderungen rund um Mutter- und Elternschaft.

Gesehen am NIFFF 2026

Im Kino ab 6. August 2026
(22. Juli 2026 in der Romandie)


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