L’INCONNU DE LA GRANDE ARCHE von Stéphane Demoustier

Johan Otto von Spreckelsen (Claes Bang) und François Mitterand (Michel Fau) © filmcoopi

«Paris hat etliche unverbundene Wahrzeichen wie den Louvre, den Eiffel-Turm oder den Arc de Triomphe. Aber Paris hat noch keinen Kubus!» Der Mann, der das ändern will, heisst Johan Otto von Spreckelsen und er kommt aus Dänemark. Aber zunächst muss er vor der versammelten Presse die nicht ganz einfache Frage beantworten, wer er überhaupt sei…

Von Spreckelsen hat 1983 den Architekturwettbewerb gewonnen, den Präsident François Mitterand für das Herzstück des neuen Hochhaus-Quartiers «La Défense» ausgeschrieben hat. Der riesige offene Kubus – bald «La Grande Arche» genannt – steht am Ende der Achse vom Louvre über die Tuilerien, entlang der Avenue des Champs Elysées und Napoleons Arc de Triomphe und spiegelt diesen Triumphbogen in supermonumentaler Überhöhung.

Die reale Geschichte der «Grande Arche» und ihres Architekten hat Regisseur Stéphane Demoustier zum Anlass genommen, eine sehr französische, ziemlich eindrückliche und vor allem realistische Variation auf Brady Corbets The Brutalist zu drehen.

Als Feier (und Drama) der Kompromisslosigkeit erinnert L’inconnu de la Grande Arche an James L. Brooks Ella McCay, die Geschichte einer beispielhaft geradlinigen Politikerin in den USA. Und wie Brooks’ Film ist auch Demoustiers Adaption eines Romans von Laurence Cossé eine tief in der Realität verankerte Tragikomödie.

Liv (Sidse Babett Knudsen) und Johan Otto von Spreckelsen (Claes Bang) © filmcoopi

Claes Bang (ein Haushaltsname seit Ruben Östlunds The Square) spielt diesen Johan Otto von Spreckelsen mit fundamentalpuristisch protestantischen Zügen und einer ruppigen Geradlinigkeit, welche wunderbar kontrastiert mit den politischen Ränkespielen der französischen Beamten und Strippenziehern rund um den Sozialisten François Mitterand (Michel Fau).

Den Rücken frei hält dem Architekten, der ausser seinem eigenen Haus bloss ein paar kompromisslose Kirchen in Dänemark gebaut hat, seine (fiktive) Frau Liv, gespielt von der stets von neuem einnehmenden Sidse Babett Knudsen. Sie fungiert als kompetente Stellvertreterin bei Verhandlungen, ist seine Hausjuristin, entwirft seine Verträge, bremst diplomatisch seinen Furor und erfüllt damit im Drama des Films die nicht unwichtige Funktion des Realitätspuffers für Johan. Das ist einerseits eine klassische weibliche Hilfsfigur, andererseits aber auch – dank Knudsen und hervorragenden Dialogen in Dänisch, Französisch und bisweilen auch Englisch – eine sehr selbständige, unabhängige und bemerkenswert «nordische» Figur.

Paul Andreu (Swann Arlaud), Jean-Louis Subilon (Xavier Dolan) und Johan Otto von Spreckelsen (Claes Bang) © filmcoopi

Das zentrale Männerquartett des Films besteht neben Bangs von Spreckelsen aus dem von Fau jovial, zerknautscht und ähnlich geradlinig (für einen Politiker) gespielten Mitterand, dem Bauleiter, Sparringpartner (und Architekt des Flughafens von Roissy) Paul Andreu (Swann Arlaud) und dem für Machbarkeit und Bedenken zuständigen Chefbeamten Jean-Louis Subilon, welchen der kanadische Regisseur Xavier Dolan mit irrwitzig wurmigem Gusto spielt.

L’inconnu de la Grande Arche erfüllt gleich mehrere instruktiv-unterhaltsame Kriterien, die das französische Kino immer wieder auszeichnen: Das ist ein Film über den Geist der 1980er Jahre, ein Einblick in die einzigartigen französischen Politikverschraubungen, eine historische Rekonstruktion und eine scharfe Zeitanalyse auf der Basis der Gegenwart.

Jean-Louis Subilon (Xavier Dolan) und Paul Andreu (Swann Arlaud) © filmcoopi

Insofern ist auch dieser Film ein Produkt der französischen Kultursubventionspolitik und insbesondere der noch immer enorm starken Produktionsfinanzierung, die weltweit ziemlich einmalig dasteht. In Frankreich entstehen daher immer wieder «elitäre» Filme zu «elitären» Themen, die vom Pariser Zentralismus geprägt sind und andere Spielregeln beachten müssen als etwa das US-Indie-Kino. Eine vergleichbare Verbundenheit mit politischem und gesellschaftlichem Bewusstsein weist allenfalls noch das italienische Kino in seinen besten Momenten auf.

Womit wir wieder bei Corbets The Brutalist angelangt wären: Überraschend sind nicht zuletzt die Parallelen in den beiden Filmen, insbesondere der jeweilige Ausflug des jeweiligen Architekten in die Marmor-Steinbrüche von Carrara und die damit verbundenen Verweise auf künstlerische Traditionen und metaphorische Rückkehr in die Höhlen von Mutter Erde inklusive vollzogenem, bzw. puritanisch ausgeschlagenem Sex.

Die (digital rekonstruierte) Baustelle von «La Grande Arche» © filmcoopi

Während aber Corbet metaphorisch-fiktional weit ausgreifen muss, den jüdischen Einwanderer aus Europa auf das kapitalistisch-gnadenlose und gleichzeitig existenzialistisch mörderische System treffen lässt, kann Demoustier die politisch-gesellschaftliche Realität Frankreichs als Hinter- und Vordergrund einsetzen und sein Publikum mit all den bestehenden Anknüpfungspunkten von Mitterand bis zur Pariser Architektur dort abholen, wo es sich befindet. Das tut er im übrigen auch mit erstklassigen digitalen und ausstatterischen Effekten, die einen tatsächlich in die 1980er Jahre und auf die riesige Baustelle von «La défense» zurückversetzen.

L’inconnu de la Grande Arche ist ein Vergnügen, ein Drama, eine Geschichtslektion und ein Gedankenspiel zu Potential und Unmöglichkeit der Kompromisslosigkeit.

Im Kino ab 9. Juli 2026
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