
Nicht nur das Blut spritzt hier in meterhohen Fontänen, auch die Gedanken und Ideen zum klassischen US-Teenager-Horrorfilm spritzen über und von der Leinwand herab; das alles tropft und fliesst höchst vergnüglich über die schiefe Meta-Ebene des Genre-Kinos.
Ein Film wie gemacht für das NIFFF – auch wenn er im Frühling in Cannes schon eine globale Plattform hatte. Teenage Sex and Death at Camp Miasma von den nonbinären Jane Schoenbrun aus New York ist nicht nur im Titel horrorfilmmeta, sondern durchgängig. Der Film ist meta-meta, sozusagen Ubermeta.

Zentrale Heldin (und retardiert-invertiertes Final-Girl) ist die Jungregisseurin Kris (Hannah Einbinder), die nach ein paar Preisen und gutem Kritiker-Echo von den Produzenten einer einst erfolgreichen Slasher-Film-Serie den Auftrag für einen Reboot bekommt, die Origin-Story.
Dabei macht sich Kris keine Illusionen. Ihr ist klar, dass sie mit ihrer queeren Persönlichkeit vor allem dem woken Whitewashing des inhärenten Sexismus der alten Franchise dienen soll. Weil sie aber selbst geprägt ist vom ersten Film der Serie, sagt sie zu und macht sich auf, um das legendäre Final Girl von damals, die seither zurückgezogen lebende Billy (Gillian Anderson) zu einem Cameo-Auftritt zu überreden.
Zu Kris’ Überraschung lebt Billy im Camp Tivoli, der Sommerlager-Anlage, die jeweils als Drehort für Camp Miasma diente. Und auch sonst ist Billy gezeichnet und geprägt von der seinerzeitigen Dreherfahrung.

Hannah Einbinder und Gillian Anderson liefern sich über die 113 Minuten des Films einen wunderbaren Pas de Deux und helfen Jane Schoenbrun dabei, die Tropen und Klischees des Slasher-Films durchzuspielen und zu analysieren, und deren Wirkung und ihre Kraft jenseits der gängigen Klischees.
Dabei entstehen nicht nur die neu interpretierten Psychogramme der zwei Figuren, sondern auch neue Deutungen und vor allem die Betonung des «unguilty Pleasures», also die positive Interpretation jener «amoralischen» Horrorfilmeffekte, welche den Reiz des Verbotenen ausspielen und damit eine eigene Freiheit erzeugen.
Die sexuell verklemmte Kris (sie bezeichnet sich selbst als «prudish»), die sich mit ihrer akademischen Dauerinterpretation und dem kritischen Denken weitgehend von allen echten Erfahrungen abkoppelt, wird von der Heldin ihrer Jugend sanft und drängend zu sich selbst geführt.
Dabei entstehen auf jeder Ebene wieder ausgesprochen poetische neue Bilder.
Einerseits, wenn Schoenbrun die Szenen aus den alten Filmen liebevoll nachstellt und in orgasmischen Blutorgien kulminieren lässt. Dass dabei die absurde, Mike-Myers-artig unzerstörbare Killerfigur der Franchise als Maske einen Deckenventilationsschacht trägt und mit einem doppelseitigen Schwertspiess die Menschen umbringt, ist eben so sprechend wie seine liebevolle Bezeichnung als «Little Death», steht doch der «kleine Tod» seit dem 16. Jahrhundert poetisch für den Orgasmus.

Poetisch und iinovativ ist aber auch, wie Kris endlich die Bilder findet für das, was sie mit dem Genrekino seit der ersten verbotenen Begegnung als Zwölfjährige verbindet:
«At the bottom of the lake there is a hole. That’s where the movies come from.»
(Am Grund des Sees hat es ein Loch. Aus dem kommen die Filme).
Mit dieser poetischen Umschreibung stösst Kris bei einer Zoom-Konferenz ihren Produzenten vor den Kopf, erklärt aber gleichzeitig in einer absoluten Umkehrung der Horrorfilmlogik, dass nicht wir die Filme machen, sondern die Filme uns. Was unter anderem schon das Prinzip der Nightmare on Elm Street–Filme war, damals umgedeutet auf die Albtraumlogik.
Und diese Wechselwirkung wiederum mündet am Ende des Films in eine wahrhaft liebevolle, positive Interpretation der Faszination sogenannter «Exploitation», eine Art Horror-Positivity in Anlehnung (und Verwandschaft) zur Sex-Positivity.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma zielt dabei nicht auf die Ehrenrettung geldgieriger Franchisenverwerter und Schlock-Händler, sondern auf eine Absolution des (vor allem jugendlichen) Publikums. Und das wiederum erschliesst sich zum Glück erst den Erwachsenen, im Rückblick auf die eigene Entwicklung. Sonst hätten Teenager keinen Grund mehr, sich Horrorfilme anzuschauen.
Gesehen am NIFFF 2026
Im Kino ab 26. August
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