
Mit Ava von 2017 und mit Les cinq diables von 2022 drang die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Léa Mysius tief in die Beziehung junger Mädchen und Frauen zu ihrem Umfeld, ihrer Familien und vor allem ihrer Mütter ein. Offensichtlich hat sie auch dieser Aspekt am Roman Histoires de la nuit (2020) von Roman Mauvignier interessiert.
Oberflächlich ist Histoires de la nuit eine klassische Home Invasion Story, die im Genrekino hundertfach variierte Geschichte des Eindringens böswilliger Fremder ins Haus einer Familie.

Thomas Bergogne (Bastien Bouillon) lebt mit seiner Frau Nora (Hafsia Herzi) und der kleinen Tochter Ida (Tawba El Gharchi) auf dem abgelegenen Hof, den er von seinen Eltern übernommen hat. Im umgebauten Gebäude gleich daneben lebt Cristina (Monica Bellucci), eine Künstlerin, die für Thomas eine Art Ersatzmutter geworden ist.
Am Tag, an dem Thomas den 40. Geburtstag seiner Frau mit einem Überraschungsessen und Gästen feiern will, tauchen auf dem Hof drei bedrohliche Fremde auf, töten den Hund und halten Ida, Cristina und Thomas in Schach, während sie offenbar auf Nora warten.

Interessant am Home-Invasion-Genre ist in den meisten Fällen die psychologische Wechselwirkung zwischen den Eindringlingen und den Bedrängten, sowie die Gruppendynamik auf beiden Seiten. Insofern sind die besten Beispiele immer psychologische Kammerdramen, in denen Verdrängtes hochgespült und Vergangenheit aktiviert wird.
Damit spielt auch Léa Mysius, allerdings ist ihr Interesse stark auf Familiendynamik fokussiert und hier insbesondere auf das Verhältnis der kleinen Ida zu Vater, Mutter und «Tatie» Cristina.
Wenn Hafsia Herzi als Nora ihre Tochter anherrscht, ein Video, das sie mit Vater und Mutter beim fröhlichen Tanzen in der Küche zeigt, sofort vom Netz zu nehmen, ist das zuerst einfach eine doppelte Kränkung für die Tochter. Schliesslich wurde sie in der Schule schon gefeiert, weil eben dieses Video über 60’000 Views erzielt hat.

Dass die Mutter unbedingt verhindern will, dass ihr Gesicht im Netz auftaucht, kann die Tochter nicht wissen. Und die Mutter erklärt es auch nicht. Als dann der gesamten-bedrohliche Franck (Benoît Magimel) auftaucht und anfängt, die Vergangenheit ihrer Mutter in Andeutungen aufzudecken, ist Ida verständlicherweise verunsichert und fasziniert. Und schuldbeladen, hat doch ihr Video die Bedrohung erst ins Haus geholt.
Mysius ist eine erfahrene Autorin und Regisseurin und in ihren bisherigen Filmen hat sie jeweils auf eine konsistente Ensemble-Leistung ihrer sorgfältig gecasteten Schauspielerinnen und Schauspieler zählen können. Insbesondere die Mädchendarstellerinnen, Noée Abita in Ava und Sally Dramé in Les cinq diables waren eigentliche Entdeckungen.
Die junge Tawba El Gharchi ist als trotzige Ida mit ihren dunklen, glühenden Augen auch attraktiv besetzt, entwickelt aber nicht die Intensität ihrer Vorgängerinnen. Und die ganz grosse Enttäuschung in Histoires de la nuit ist überraschenderweise ausgerechnet die sonst so wandelbare Hafsia Herzi. Sie schlafwandelt durch diesen Film, sagt ihre harschen Sätze monoton und wie abgelesen in die Szenen hinein und bleibt damit eine eindimensionale Funktion.
Dabei wäre Nora eigentlich der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Ist es doch ihre History of Violence-Vergangenheit, welche die Zeit- und Famlienebenen verknüpfen sollte. Im Roman heisst sie Marion, ist blond, gross und sehr direkt. Hafsia Herzi spielt sie als Nora mit der ihr eigenen Verhaltenheit, schweigsam, verschwiegen, verstockt und leicht gehetzt – was theoretisch alles funktionieren sollte, zumal der Film und der Cast um sie herum gebaut wurde. Aber auf der Leinwand erscheint nun weder Hafsia Herzi noch Marion, sondern eine Nora, die mehr wie eine Idee wirkt denn wie ein Mensch.

Das wird vor allem darum augenfällig, weil Benoît Magimel den Film als höflich gefährlicher Franck vollständig dominiert. Er spielt diesen latent gewaltbereiten, charmanten, skrupellosen Manipulator dermassen flüssig, dass nicht nur die kleine Ida dem Trugbild eines möglichen alternativen Vaters erliegt.
Monica Bellucci schliesslich hat als Cristina einen Auftritt, der fast alles übertrifft, was sie an früheren Rollen angeboten bekam. Für einmal setzt die Regie nicht einfach auf ihre Schönheit. Léa Mysius gibt ihr Raum und Text und als resignierte ältere Frau zieht sie hier alle Register der alternativen mütterlichen Verführung, insbesondere im Spiel mit dem von Alane Delhaye (Le p’tit Quinquin) gespielten psychotischen Bègue, der von seinen Brüdern zu ihrer Bewachung abgestellt wird.
Histoires de la nuit ist ein verhalten atmosphärischer Thriller und weil Mysius im Gegensatz zum Roman auf Rückblenden ins früherer Leben von Marion/Nora verzichtet, ein ziemlich realistisch im ruralen Frankreich verankertes Zeitstück.
Die Figurenkonstellationen sind gut angelegt und hätten mehr Potential als der Film zu realisieren vermag. Aber es ist mehr als genug Atmosphäre und Konfliktmaterial vorhanden für einen erfüllenden Kino-Abend.
Gesehen am NIFFF 2026
Kinostart Romandie 16. September 2026
(Deutschweiz offen)
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