
Die Bedrohung in diesem Western sind keine Ureinwohner, kein machtgieriger Rinder-Baron, kein Revolverheld, sondern einzig die Umstände, die Natur in Form eines heranbrausenden Feuers und der Diphtherie.
A Prayer for the Dying ist ein Seuchenwestern, so man diesen Fiebertraum von einem Film überhaupt kategorisieren will.
«1870 Wisconsin» verortet ein kurzer Titel zu Beginn das rotstaubige Inferno, in dem ein einzelner Soldat desorientiert herumstolpert, im Hintergrund schemenhaft ein Pferd vorbeigallopiert und damit auch das Publikum gleich zum Einstieg in eine Orientierungslosigkeit schiebt, die sich erst allmählich und nie vollständig auflösen wird.

Denn die Szene ist bereits eine Rückblende in die Erinnerung von Jacob, der sein Trauma aus dem Sezessionskrieg noch immer mit sich herumträgt, obwohl er nun, 1870, in einer kleinen Siedlung gleichzeitig als Priester und als Sheriff um das Wohl seiner Gemeinde besorgt ist. Zusammen mit dem Arzt und defacto-Bürgermeister Doc, den der immer wieder grossartige John C. Reilly mit seiner Pokerface-Seriosität hinreissend verkörpert.
Jacob Hansen (Schauspieler und Musiker Johnny Flynn, von ihm stammt etwa auch die Themenmusik zu Detectorists, der schönsten britischen Serie aller Zeiten) ist ein liebevoller Ehemann für seine Marta (Kristine Kujath Thorp) und der hingerissene Vater ihrer kleinen Tochter.
Wenn er in einer der ersten Szenen vom Blockhäuschen mit dem Fahrrad zur Arbeit im Städtchen aufbricht und immer wieder nach wenigen Metern umkehrt, um dem Kleinkind auf den Armen seiner Frau mit dem Ruf «Rabbit» noch ein schnelles Lachen zu entlocken, wirkt die Idylle maximal.
Dann aber stösst er zuerst auf einen toten Hund am Wegrand und wenig später meldet ihm der Junge Thaddeus, hinter dem Bienenhaus seines Vaters hätten sie die Leiche eines Soldaten gefunden. Doc untersucht die Leiche und wird todernst: Diphtherie.
Sheriff und Arzt kommen überein, den Befund vorerst geheim zu halten, um keine Panik auszulösen. Zumal auch eine der Frauen aus der religiösen Kommune eines fanatischen Predigers am Rand der Gemeinde ebenfalls erkrankt ist und es Doc kaum gelingt, sie zu isolieren.

Der in Oslo lebenden New Yorkerin Dara Van Dusen ist mit ihrem ersten Langspielfilm ein grosser Wurf gelungen. Die in typisch europäischer Sammelarbeit auf die Beine gestellte norwegisch-schwedisch-britisch-griechische Koproduktion trägt den mythischen Atem des Western-Genres in Kombination mit den Auswanderer-Filmen und vereinigt europäisches Flair mit reduziertem Western-Pathos.
In mancher Hinsicht erinnert A Prayer for the Dying an First Cow von Kelly Reichardt. Da aber mit der zunehmenden Katastrophe für die kleine Gemeinde und ihren Priestersheriff zuerst die Quarantäne kommt, dann der schleichende Tod und schliesslich das Buschfeuer und die Isolation des Ortes von allen Nachbarorten, weht auch ein Hauch der mittelalterlich-europäischer Pest-Fatalität durch den Film.

Und schliesslich ist dieser aufrichtige, gutmeinende Jacob letztlich auch eine Hiob-Figur, ein geprüfter, gequälter, vom Schicksal bis zum Äussersten gepiesakter Mann, der sich weigert, seine Menschlichkeit zu verraten. Gespiegelt wird Johnny Flynns Jacob dabei von John C. Reillys Doc, den mehr als ein Hauch von Gary Coopers High Noon-Grandezza und -Tragik umweht.
Dara Van Dusen und ihre Kamerafrau Kate McCullough haben in einer minimalistisch-realistischen Ausstattung Bilder gefunden, welche Realität und Realitätsverschiebung gleichzeitig in sich tragen.
Dabei ergänzt Fredrik Morhedens Montage die fluide Solidität der Bilder, die mal halluzinatorisch wirken, dann wieder naturalistisch, mit zum Teil drastischen Effekten. Insbesondere die gezielte Desorientierung von Figuren und Publikum durch Achsensprünge und surreale Einschübe gibt dem Film bisweilen die mythische Dimension einer Reise ins Inferno.
A Prayer for the Dying ist ein weiteres Beispiel dafür, wie anpassungs- und tragfähig das Western-Genre geblieben ist. Wohl nicht zuletzt darum, weil schon der klassische US-Western sich stets schamlos darum bemüht hat, sich Mythologie und Tradition aus allen Ecken der Welt einzuverleiben. Als Erzählbasis funktioniert das Western-Konvolut darum wohl universeller als die meisten grossen Religionen.
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