
Da explodiert ein freundlicher junger Mann, mehrfacher Employee of the Month, hinter der Theke eines Burgerladens, als ein impertinenter Kunde partout einen Burger fordert, der nicht im aktuellen Angebot steht. Er prügelt den Mann tot und haut danach den eigenen Kopf so lange auf die Theke, bis er ebenfalls stirbt.
Marion Le Coroller demonstriert mit diesem furios montierten (und bei Joel Schumachers Falling Down geborgten) Einstieg, wie sehr wir uns alle nach einem Frust-Ventil für die Zumutungen des Arbeitsalltags sehnen.
Wie würde sich der Mensch verändern, wenn sich die permanente Überforderung, das Burnout, in genetischer Mutation niederschlüge? Wenn der Körper sich adaptiert und zu wehren beginnt?
Eine ideale Prämisse für zeitgenössischen Body-Horror, zumal das Subgenre seit der Goldenen Cannes-Palme für Julia Ducournaus Titane (2021) einen klaren Aufschwung erlebt.
Le Corroller packt ihr Mutationsdrama mit Zombie-Anleihen in einen weitgehend realistischen Spitalthriller. Die Hauptfigur ist Margot Loiseau (Mara Taquin), die nach erfolgreich absolviertem Medizinstudium nun unter der gnadenlosen Aufsicht von Hélène (Karin Viard) ihre Karriere als Assistenzärztin in der NOtfallabteilung eines riesigen Spitals beginnt. Sehr zum Stolz ihres Arbeiter-Vaters.
Der Arbeitstakt und die Anforderungen sind enorm, die Konkurrenz unter den Neulingen wird von der Chefin gefördert und bald zeigt Margot erste Stresssymptome, massive Blutungen an der Hautoberfläche, gefolgt von Geschwüren.
Ihre verständliche Panik wird nicht weniger, als sie mit medizinischer Akribie nach Ursachen und Symptomen sucht und gleichzeitig darauf aufmerksam wird, dass immer häufiger explosive Gewaltakte junger Menschen gemeldet werden, wie jener des Burger-Verkäufers.
Schliesslich kristallisiert sich ein Krankheitsbild heraus, das einem durchaus bekannt vorkommt. Denn auf die ersten Symptome, die Blutungen, die Geschwüre, die irgendwann abfallen, folgt eine Phase der kompletten Schlaflosigkeit und eine Art Hyperleistungsfähigkeit des veränderten Organismus. Bis dann der soziopathische Zusammenbruch mit Gewalttätigkeit und Autoexit erfolgt.
Filmisch ist das mit immersiven Montagen und gezielter farblicher Übersteigerung in der Ausstattung sehr mitnehmend und eindrücklich gebaut. Auch die unglaubliche Überforderung auf der stets übervollen Notfallstation erinnert an entsprechende Dokumentarfilme.
Auch Margots Recherchen und Selbstversuche, als sie den Genmutationen auf die Spur kommt, sind angemessen spannend und physisch hyperrealistisch inszeniert, mit grausamen Körpereffekten vom Feinsten.

Allerdings packt Marion Le Corroller dann doch zuviel in die 103 Minuten von Sanguine. Im Bemühen um gut gerundete Figuren kombiniert sie etliche Handlungsstränge um einen netten Kollegen und eine Bitch von Konkurrentin, externe Opfer, die knallharte, aber letztlich verantwortungsvolle Chefin, einen lesbischen Fling und etliche andere Standarddrehbuchelemente zu einem immer zäher werdenden Crescendo.
Die eigentliche Climax des Films läuft dann wiederum so genregerecht absehbar ab, dass man eher erschöpft als angeregt aus dem Kino stolpert.
Das ist schade, denn der Film zeigt in Ansätzen durchaus, wie gutes Genrekino seine Relevanz direkt aus gesellschaftlichen Nöten und Ängsten beziehen und fruchtbar machen kann.
Und für angehende Medizinstudentinnen und Medizinstudenten würde ich Sanguine dennoch zum Pflichtstoff im ersten Semester erklären, damit sie sich eine Vorstellung davon machen können, was auf sie zukommen wird.
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