SLEEP NO MORE (Monster Pabrik Rambut) von Edwin

Der Dämon und Ida (Lutesha) © Showbox Ent.

Wenn die zu Überstunden angehaltenen Arbeiterinnen und Arbeiter in dieser indonesischen Perückenfabrik den Gipfel der Übermüdung erreichen, passieren scheussliche Unfälle.

Die Mutter von Putri und Ida stürzt sich in den ersten Minuten kopfüber in ihren riesigen Kochkessel. Eine andere Frau schlägt mit dem Gesicht auf dem Stahlstachelbrett auf, welches zum Auskämmen der Perückenhaare dient.

Ida (Lutesha) © Showbox Ent.

Für die Betreiberin der Fabrik sind das bedauernswerte Suizide verschuldeter Angestellter. Für Ida dagegen ist klar, dass ihre Mutter sich nie freiwillig umgebracht hätte. Sie muss von einem Dämon getrieben in den Kessel gefallen sein, davon versucht sie, ihre Schwester Putri zu überzeugen. Indem sie sich selbst in der Fabrik verdingt und gezielt auf totale Erschöpfung hin arbeitet.

Der neue Film des Indonesischen Regisseurs Edwin ist, wie sein sein Locarno-Gewinner Vengeance is Mine, all Others pay Cash, Genrekino und Parodie, anthropologische Mythenstudie und Gesellschaftssatire auf einmal. Und ein perfektes Spiegelstück zu Sanguine, dem anderen NIFFF-Wettbewerbsfilm, der die professionelle Erschöpfung der modernen Arbeitswelt zu monströser Kenntlichkeit entstellt.

© Showbox Ent.

In diesem indonesischen Alltag, wie ihn Edwin zeichnet, stellt sich für die Menschen nie die Frage, ob Dämonen real seien. Sondern höchstens, welcher gerade sein Unwesen treibt und warum. Putri (Rachel Amanda), die ältere Schwester, arbeitet schon länger und schickt sich nun an, die Schulden ihrer Mutter abzuarbeiten.

Dazu angehalten wird sie von der mehr als seltsamen Patronne der Fabrik, der vom Tänzer Didik Nini Thowok hinreissend gespielten Maryati.

Putri (Rachel Amanda) und Ida (Lutesha) © Showbox Ent.

Putris jüngere Schwester Ida (Indonesiens Starschauspielerin Lutesha) hat derweil studiert und mit Bravour abgeschlossen. Putri meint, die Schulden der Mutter seien in die Idas Ausbildung geflossen, es stellt sich aber heraus, dass diese vor allem dem kleinen Bruder von Putri und Ida geholfen hat.

Denn dieser Bona (Iqbaal Dhiafakhri Ramadhan), von Putri bisweilen verächtlich als «Dämonenkind» bezeichnet, hat die unglückselige Fähigkeit, abgerissene Körperteile unter grässlichen Schmerzen zu regenerieren – was immer wieder dazu führt, dass er für alles mögliche missbraucht wird. Was sich im Verlauf des Films denn auch als zentraler Punkt erweist.

Edwin mischt mit spielerischer Leichtigkeit Mythologie und Alltag, Arbeitsethos und Solidarität, Geschwisterrivalität, hierarchisches und dynastisches Denken. Der Film zeichnet mit der alten Fabrik und der alten Patronne eine von Disziplin und Ritualen gezeichnete Arbeitswelt, die eine fast schon dokumentarische Vorstellung vermittelt.

Ida (Lutesha) und Maryati (Didik Nini Thowok) © Showbox Ent.

Und mitten drin häufen sich die dämonischen Erscheinungen, Haarstränge, die in Ohrmuscheln eindringen, körperliche Besessenheit Betroffener oder auch Gegenstände, die sich plötzlich bewegen. Was das – wohl vor allem für ein westliches Publikum – besonders eindrücklich erscheinen lässt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der alle auf diese Phänomene reagieren.

Von übernatürlichen Erscheinungen zu sprechen verbietet sich angesichts der Ungerührtheit dieser Menschen. Die staunen nicht über die Ereignisse, sie versuchen sie vielmehr ursächlich zu bekämpfen, ohne ihre Existenz zu bezweifeln.

Die im Vergleich zu Edwins früheren Filmen mit offensichtlich grossem Budget, einem riesigen technischen Stab und eindeutigen Stars inszenierte Produktion erhält sich gleichzeitig die Intimität, die Mischung aus ruppigem Alltagsumgang und übersteigertem Kollektivismus, der in Dauerkontrast steht zum aufgesetzten Egoismus. In diesem Film scheinen Jahrhunderte auf kolonialistisches Erbe zu prallen, Industrialisierung auf Tradition und Kapitalismus auf Gemeindesolidarität.

Dass Edwin gleichzeitig auch an der Genre- und Monsterfront mit Augenzwinkern und Ernsthaftigkeit zu liefern versteht, verleiht Sleep No More einen nachhaltigen und warmen Charme.

Gesehen am NIFFF 2026


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