
Den Menschen im italienischen Städtchen Remis steht das Lächeln im Gesicht. Es steht auch auf dem Schild am Ortseingang, das dem Film seinen Titel gibt. Und die Leute lächeln, obwohl fast jeder im Ort bei dem schrecklichen Zugsunglück vor 15 Jahren Angehörige verloren hat.
Den in seinem eigenen Unglück vergrabenen Aushilfssportlehrer und einstigen Judo-Champion Sergio Rosetti (Michele Riondino) kümmert das wenig. Tagsüber lässt er seine Schülerinnen und Schüler im Kreis laufen und abends besäuft er sich in Michelas Bar, bis diese ihn zum Geheimnis des Ortes führt: Dem 15jährigen Matteo, bei dem man durch eine Umarmung seinen Schmerz loswerden kann.
Dass dieses Wunder einen höllischen Preis hat, für die Ortsbewohner, aber auch für Matteo, das erkennt Sergio erst allmählich.

Genrekino, und insbesondere der Horrorfilm, lebt von der permanenten Transformation und Variation. Wenn ein Film alles richtig macht, sich an die Konventionen hält und sie überraschend kombiniert, ist das oft sehr befriedigend.
Aber alle paar Jahre gelingt es einem Filmemacher, über die reine Kombinatorik hinaus etwas neues zu erschaffen, eine selbsterklärende Weiterentwicklung des bestehenden Uhrwerks, mit neuen Komplikationen und neuen, raffinierten Implikationen.

La valle dei Sorrisi vom dreiunddreissigjährigen Paolo Strippoli ist so eine rundumerneuerte Wiederbelebung eines bestehenden Topos. Strippoli setzt beim bewährten Teufelskind von The Omen an und büschelt mehrere neue Perspektiven um die Prämisse, darunter auch jene des Jungen selbst, mit Zuneigung und Empathie.
Die Multiperspektivität bringt der Film schon beim Prolog ins Spiel und der schnelle Wechsel der Leitfigur danach bringt für das Publikum eine sanfte Dringlichkeit. Und die Notwendigkeit, allfällige Fragen erstmal aufzuschieben, weil sich gleich wieder neue stellen.

La valle dei sorrisi ist die Geschichte einer Heilung und ein Lehrer-Schüler-Drama, eine Kleinstadt-Tragödie, eine Sekten-Parabel und – im Hinblick auf das im Hintergrund stehende Zugunglück – auch ein Rühren in nationalen italienischen Traumata.
Die Horror- und Genre-Elemente stehen dabei weitgehend zurück; sie bilden eher die Klammer als das Herzstück der verflochtenen Geschichten.

Das holt den Film aus der Nische heraus und macht ihn breit zugänglich und damit zu einem Paradebeispiel der sich immer deutlicher abzeichnenden Renaissance des Genrekinos im Autorenfilm.
Gesehen am NIFFF 2026
Verfügbar auf AppleTV und Prime Video
Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


