
In Frankreich lebt die junge Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau). Aber vom Flughafen in Tunis fährt sie mit ihr zuerst zu einem Hotel in Sousse, bevor sie sich alleine aufmacht ins Haus ihrer Grossmutter, zum Familien-Abschied von Onkel Daly (Karim Remadi). Warum sie um Alice ein Geheimnis macht, erschliesst sich erst nach und nach.
Nicht nur die Todesursache von Daly ist unklar. Er wurde nackt auf der Strasse gefunden. Auch Dalys Homosexualität, ein offenes Geheimnis in der Familie, wird im Umfeld der Matriarchin Lilias Grossmutter Mamie Néfissa (Salma Baccar) tunlichst nicht erwähnt, weder von seinen Schwestern, Lilias Mutter Wahida (Hiam Abbass), und ihrer Tante Hayet (Feriel Chamari) und schon gar nicht von den übrigen Familienmitgliedern.

Mamie Néfissa (Salma Baccar), Lilia (Eya Bouteraa) und ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass) © cineworx
Leyla Bouzid macht mit ihrem dritten Spielfilm die für viele tunesische Filmemacherinnen und Filmemacher mittlerweile etablierte Schleife über Frankreich, um im postkolonialen und postrevolutionären Tunesien den Finger auf patriarchal-archaische Missstände zu legen, in diesem Fall auf die gesetzlich und gesellschaftlich nach wie vor tabuisierte Homosexualität.
Das mag wie eine neokolonialistische Inversion der Verhältnisse daherkommen, ergibt aber einen stimmigen und in der Zeichnung familiärer Traumata und Bewältigungsstrategien einleuchtenden und einnehmenden Spielfilm.

Faszinierend und erhellend ist dabei insbesondere die mehrfache Beinahe-Wiederholung der unseligen gesellschaftlich geprägten Zwangssituationen. Denn warum Lilia sich nicht traut, vor der ganzen Familie und insbesondere vor der Grossmutter zu ihrer Wahrheit und ihrer Lebensgefährtin zu stehen, wird bald ersichtlich angesichts des tragischen Lebens und Todes ihres Onkels.
Das Drehbuch ist konstruiert und geschichtet, aber auf raffinierte und, wiewohl offen didaktische, mitreissende Weise.

Denn zum Krimi um das Ableben des Onkels, in den sich auch die Polizei einschaltet, gesellen sich Lilias eigene Nachforschungen in die Familienvergangenheit und die dreifache Dynamik der familiären, staatlichen und gesellschaftlichen Heuchelei.
Dabei hilft der breit aufgefächerte Blick auf die Verstrickungen und Vorurteile. Leyla Bouzid lässt staatstreu homophobe Polizisten auftreten, aber auch einen Verkehrspolizisten, der überraschend eigenständig und für Leila und die Publikumserwartungen fast schon beschämend souverän agiert.

Das Verhältnis zwischen Lilia und Alice wird durch die familiäre Geheimniskrämerei ebenso belastet, wie das zwischen Lilia und ihrer Mutter, die sich im Gegensatz zur emanzipierten Tante nicht nur mit der Wahrheit schwer tut, sondern schliesslich auch mit der Erkenntnis, dass ihr Ex-Mann, Lilias Vater, im Gegensatz zu ihr das Geheimnis ihrer Tochter schon lange kennt – ein faszinierend einleuchtender Einblick in die komplizierte Dynamik jenseits aller äusserlichen und gesellschaftlichen Repressionen.
Die in Tunis aufgewachsene Leyla Bouzid hat in Sousse, im und um das Haus ihrer eigenen Grossmutter gedreht, und man darf annehmen, dass auch der Name der Hauptfigur nicht zufällig gewählt sein dürfte. Zumal sie den ganzen Film im Abspann ihrer Mutter widmet.

Bouzid ist sich klar darüber, dass sie sich selbst über das Ausbildungs- und Arbeitsexil in Frankreich den Blick für die tunesischen Verhältnisse aneignen konnte. Sie hat in Frankreich studiert und an der Fémis die Filmausbildung gemacht, ihren ersten Film dann in Tunesien gedreht und den zweiten in Frankreich:
«Ich war erschüttert, als ich entdeckte, dass es in nahezu jeder tunesischen Familie einen ‘Daly’ gibt: diesen Onkel, diesen Cousin, diese Bekanntschaft, deren Existenz unterdrückt wurde und die zu einer Art geisterhafter Figur geworden ist. Dieser schreckliche Tod von Daly musste Bedeutung haben. Er sollte es Lilia ermöglichen, sich selbst zu erkennen. Mit Lilias Entwicklung geht die Emanzipation einer Frau gegenüber ihrer Familie und ihrem Land einher. Wie kann sie den Mut und die Kraft finden, sie selbst zu sein? Wie kann sie ein Kind bekommen, ohne es ihrer eigenen Mutter zu sagen? Wie kann sie eine Zukunft aufbauen, wenn sie ihre Gegenwart nicht annimmt? Das erkennt Lilia zu Beginn des Films noch nicht. Sie glaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Doch genau hier, in Tunesien, in einem feindlichen Umfeld gegenüber dem, was sie ist, beginnt ihre Realität zu bröckeln.»
Neben den Einsichten in die Schwierigkeiten im Umgang mit abweichenden menschlichen Realitäten in der tunesischen Gesellschaft vermittelt À voix basse – mit leiser Stimme – auf einer verblüffenden Metaebene bewusst oder unbewusst die Interferenzen zwischen historischen und postkolonialen Vorstellungen. Das wirft ganz eigene Fragen auf, auch wenn sie für die unbestrittene Wirksamkeit und Stimmung des Films zunächst irrelevant scheinen.
Im Kino ab 17. Juli 2026
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