
Die Bilder des Habichts, der im bodennahen Flug durch das Unterholz ein Kaninchen verfolgt, sind von atemberaubend tödlicher Schönheit. Helen (Claire Foy) ihrerseits verfolgt ihren Vogel durch den Wald rennend, ohne Rücksicht auf zerkratzte Beine und ins Gesicht peitschende Zweige, mit dem gleichen monodynamischen Fokus, der den Raubvogel steuert.
Claire Foy (u.a. die junge Queen in The Crown) und Brendan Gleeson (der Lava-Gemütsbrocken in unzähligen grossartigen Rollen) sind schon je für sich genommen Grund genug, sich einen Film anzuschauen. Wenn dann noch Cambridge, Falknerei, ein Habicht und massive Depressionen mit noch massiverer british stiff upper lip ins Spiel kommen, dann gibt es – für mich zumindest – kein Halten mehr.

Vor der aktuellen Verfilmung war H is for Hawk ein mehrfach preisgekrönter autobiographischer Roman von Helen Macdonald. Die mit der Falknerei vertraute englische Autorin erzählt darin, wie sie mit dem Training eines Habichts über die schweren Depressionen nach dem Tod ihres Vaters hinweg kam.
Philippa Lowthorpe, die sich zuerst mit Dokumentarfilmen einen Namen machte und später auch als Drehbuchautorin und Spielfilmregisseurin (sie hat auch bei zwei Folgen von The Crown Regie geführt), hat in Oxford studiert. Das trägt nicht wenig dazu bei, dass ihr Blick auf die eigenartige Welt von Cambridge, wo die von Claire Foy gespielte Stipendiatin unterrichtet und forscht, einen zugleich exotischen und vertrauten Hintergrund bildet.

Die streng ritualisierte und der Exzentrik nicht abholde akademische Welt der Colleges der Universitätsstadt Cambridge wirkt in H is for Hawk bisweilen wie eine reale Harry-Potter-Umgebung, vor allem, wenn sich Helen nach der Nachricht vom Tod des geliebten Vater langsam ausklinkt und ihren Verpflichtungen nur noch wie in Trance und völlig verloren nachkommt.
Lowthorpe kann auf ihr Schauspielerensemble vertrauen. Brendan Gleeson als Vater taucht vor allem in Rückblenden und Erinnerungen von Helen auf und Claire Foy drückt dem Kinopublikum mit ihrem unglaublich ausdrucksstarken Blick im gezielt ausdruckslos gehaltenen Gesicht Stellvertretertränen in die Augen. Ohne je rührselig oder gar sentimental zu werden.

Im Gegenteil: Die britische Manie des Überspielens aller Emotionen, des schwarzen Humors und der leicht grotesken Reaktionen kommt in diesem Film mit einer unterkühlten Eindringlichkeit ins Spiel.
Dazu dient auch die aller Metaphorik zum Trotz detailreich und realistisch gefilmte Zähmung und Abrichtung des Habichts. Der Goshawk gilt als schwierigster und eigenwilligster Kandidat unter den traditionellen Beizvögeln. Und ausgerechnet so einen will Helen nach ihrem seelischen Absturz nun zähmen, ein Projekt, dem sie alles andere unterordnet: Freundschaften, Stipendium, akademische Karriere.
Helen lebt in ihrem temporären College-Apartment mit dem eindrücklich spitzhakenbeschnabelten und klauenbewehrten jungen Vogel, Zeitungen über dem Parkettboden ausgelegt, dreckiges Geschirr überall, und wird selbst allmählich zu einer halbwilden, rücksichtslos auf ihr Ziel fixierten Kreatur.
Der Film von Philippa Lowthorpe verdankt seine Faszination der dokumentarisch präzisen Präsentation der Aufzucht und Abrichtung des Beizvogels, stets im geschickt inszenierten paradox-traditionellen Kontrast zur englischen Mentalität und Lebensweise in einer der ältesten Universitätsstädte der Welt.

Gleichzeitig verleiht Claire Foy ihrer verwundeten, cleveren, trotzig unabhängigen und in ihrer Verlorenheit einnehmenden Helen die Glaubwürdigkeit, welche diesen Film weit von der mit Flipper oder Lassie schon vor Jahrzehnten abgetöteten Feelgood-Formel der anthropomorphen Mensch-Tier-Pseudo-Spiritualität distanziert.
«I have a goshawk», sagt Helen einmal auf die Frage, wie sie zurecht komme: «They are not very affectionate» – die sind nicht sehr zugeneigt.
H is for Hawk ist ein programmatischer Titel, schliesslich stand das H für Helens eigenen Namen, bevor sie sich in der Trauer verlor und sich im Umgang mit dem (Gos)Hawk wiederfindet. Das ist die zentrale Formel des Buches und das ist auch der Angelpunkt, an dem Philippa Lowthorpe ihren Film festmacht.
Aber das Wie und das Drumherum, das kombiniert gekonnt und einnehmend und rührend die britische Exzentrik, gespielte Distanz und heimliche Wärme, die ihren lakonischen Charme ausstrahlt, in Serien wie Detectorists, Filmen wie dem pragmatisch-romantischen I know where I’m Going von Powell & Pressburger oder eben auch The Crown in den wärmeren und menschlicheren Momenten.
Im Kino ab 23. Juli 2026
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