LE CITTÀ DI PIANURA von Francesco Sossai

Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla) © Outside the Box

Es gibt einen Optimismus, der ist der Jugend vorbehalten. Und den Betrunkenen. Für die beiden Endfünziger Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla), zwei endlos juvenile Söhne des Veneto, ist es die göttliche Vorsehung, die sie immer wieder mit neuen Gelegenheiten für ein «letztes Glas» versorgt.

Vordergründig besteht das Ziel ihrer langen Nacht im abgehalfterten Jaguar darin, den alten Kumpel Genio (Andrea Pennacchi) am Flughafen abzuholen, den Dritten im einstigen kleinkriminellen Bund, der aus dem langjährigen Exil in Argentinien zurückkehrt, in der Hoffnung, die einst vergrabene Tasche mit Beutegeld auszugraben.

Tatsächlich aber ist für die seit der für Italien besonders harten Finanzkrise von 2009 langzeitarbeitslosen Carlobianchi und Doriano jede Nacht eine Nacht auf der Suche nach dem letzten Glas. Und nach dem ersten und all den hoffnungsvoll erschnorrten und ergaunerten dazwischen.

Die Feier der ArchitekturstudentInnen© Outside the Box

In dieser Nacht treffen sie zufällig auf die Abschiedsparty einiger Architekturstudentinnen und -Studenten. Nach ein paar durch fröhliches Mitfeiern ergatterten Drinks nehmen sie den hoffnungslos in eine Kommilitonin verliebten, sehr ernsthaften jungen Mann unter ihre Fittiche.

Dieser Giulio (Filippo Scotti) ist sozusagen die Antithese der beiden Lebenskünstler. Statt weiter zu feiern oder, wie sein Konkurrent, mit der Angebeten die eine oder andere Linie zu ziehen, will er lieber früh ins Bett, schliesslich hat er am nächsten Morgen eine wichtige Prüfung.

Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla) mit Giulio (Filippo Scotti) © Outside the Box

Fortan setzen Carlobianchi und Doriano alles daran, dem trockenen Jüngelchen ihre eigene trunkene Lebenslust zu vermitteln und das Vertrauen in die göttliche Vorsehung, der man durchaus auch mit Eigeninitiative auf die Sprünge zu helfen weiss.

Le città di pianura (wörtlich: Die Flachlandstädte) von Francesco Sossai ist zum einen ein lokales Roadmovie, angesiedelt im teils bergigen, teils trostlos flachen, verarmten Umland von Venedig.

Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla) mit Giulio (Filippo Scotti) © Outside the Box

Andererseits aber steht der Film in einer Reihe überraschender Traditionen. Da sind thematische Anklänge an die italienischen Klassiker I vitelloni von Federico Fellini oder I basilischi von Lina Wertmüller, aber auch mehr als nur ein Hauch von Kaurismäki und – im Hinblick auf den Optimismus – eine Verbeugung vor Thomas Vinterbergs Druk, dem dänischen Neo-Saufklassiker mit Mads Mikkelsen.

Dazu kommt eine witzige Verwandtschaft mit dem in den letzten Jahren aufgeblühten Genre der Architekturfilme, weil Student Giulio nicht nur eine echte Begeisterung für sein Metier mitbringt, sondern auch die Kenntnisse, um diverse Stationen des Films faktisch und anekdotisch anzureichern. Notabene das Schloss eines Adeligen, in das sich das Trio trickreich selbst einlädt und Carlo Scarpas Grabmal Tomba Brion in San Vito d’Altivole.

‚Le città di pianura‘ di Francesco Sossai. © Outside the Box

Und schliesslich macht das Sounddesign, zusammen mit den rockig-folkigen Songs von Krano, insbesondere einer sehnsüchtig morgentrunkene Version von Merica Merica, den Brückenschlag zur amerikanischen Neo-Roadmovie-Tradition, wie sie Jim Jarmusch etwa mit Permanent Vacation oder Stranger than Paradise geprägt hat.

Le città di pianura rührt in seinen besten Momenten an jene sentimentale Sehnsucht älterer Männer nach der vermeintlichen Sorglosigkeit ihrer verlorenen Jugend, jene Jahre, in denen – im Rückblick – alles noch möglich schien, die eigene Zukunft im Einklang mit den eigenen Kräften. Und weil Sossai das alles ohne Zynismus, aber mit klarem Blick für die tatsächlichen Verhältnisse auf die Leinwand bringt, erzeugt der Film auch tatsächlich einen  lebensfreudig trunkenen Optimismus.

Im Kino ab 6. August 2026
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