LA VÉNUS ÉLECTRIQUE von Pierre Salvadori

Titus (Gustave Kervern) und seine elektrische Vénus Suzanne (Anaïs Demoustier) © frenetic

Suzanne (Anaïs Demoustier) verkörpert für den ausbeuterischen Schausteller Titus (Gustave Kervern) in Paris in den 1930er Jahren die «elektrische Venus». Die Jahrmarktsattraktion besteht darin, dass sie für 30 Centimes auf der offenen Bühne Männer küsst, während sie die zwei grossen Entlade-Kugeln eines Funkeninduktors berührt. Dabei werden sie und der erstaunte Kunde vor dem staunenden Publikum regelrecht elektrisiert. Eine intensive Erfahrung für die Männer, aber ein strapaziöser Job für die junge Frau, die danach regelmässig Brandwunden an den Füssen und Handflächen versorgen muss.

Auch darum nimmt sie die Chance wahr, als sie hinter den Wohnwagen vom völlig betrunkenen Kunstmaler Antoine Balestro (Pio Marmaï) für das Jahrmarkts-Medium Madame Claudia gehalten und um Kontaktaufnahme mit der verstorbenen Geliebten des Malers gebeten wird – gegen grosszügiges Entgelt.

Kunsthändler Armand (Gilles Lelouche) © frenetic

Weil sie psychologisch geschickt vorgeht, wird sie bald von Armand (Gilles Lelouche), dem Kunsthändler und Freund des Malers, beauftragt, dem tödlich deprimierten Mann mit weiteren Séancen in dessen Haus die Lebensfreude und vor allem die malerische Produktivität zurückzugeben. Als sich Suzanne dann allerdings in den charmanten Maler verliebt, wird die Tote, welche sie als Medium zu spielen hat, plötzlich zur Nebenbuhlerin.

Es ist eine fantastische Geschichte mit viel Potential, welche Schauspieler und Regisseur Pierre Salvadori mit La Vénus électrique erzählt. Da steckt einerseits der ganze trickreiche Jahrmarktszauber mit seinem romantischen Täuschungspotential drin – eine eigentlich vielversprechende Metapher für das Kino schlechthin.

Camille (Madeleine Baudot) und Suzanne (Anaïs Demoustier) lesen gefesselt Irènes Tagebücher wie einen Fortsetzungsroman © frenetic

Und weil Suzanne die Tagebücher der Verstorbenen Frau und Muse des Malers findet und sie heimlich liest, um überzeugender wirken zu können, kann der Film in die 1920er Jahre zurückblenden und eine dieser Pariser Bohème-Geschichten aus dem Künstlermilieu parallel zum psychologisierenden Séancen-Theater erzählen.

Und schliesslich wird Suzanne mit ihrer Verkörperung, beziehungsweise trostreichen Vermittlung der verstorbenen Irène (Vimala Pons) zur Stimme ihrer Konkurrentin, eine fantastische Cyrano de Bergerac-Variation.

Der unglückliche Maler Antoine Balestro (Pio Marmaï) © frenetic

Der Plot mit all seinen psychologisch-metaphorischen Möglichkeiten geht denn auch auf eine Idee der Regisseurin Rebecca Zlotowski (Vie privéeLes enfants des autres) zurück. Als Pierre Salvadori in ihrem Planetarium (2016) einen Filmregisseur verkörperte, wollte er wissen, was das denn für ein Film sei, den er da drehe? Worauf sie ihm in wenigen Sätzen diesen eigentlich typischen, psychologisch vertwisteten Zlotowski-Plot skizzierte, vom falschen Medium, das zu seiner eigenen Konkurrenz wird.

Salvadori war so angetan von der Idee, dass er sie zehn Jahre später tatsächlich als Regisseur umsetzte. Zlotowski und Planetarium-Co-Autor Robin Campillo sind denn auch in den Credits von La Vénus éléctrique als Autoren der Ursprungsidee aufgeführt.

Irène (Vimala Pons) und Kunsthändler Armand (Pio Marmaï) © frenetic

Nicht nur darum ist es jammerschade, dass sich Salvadori und seine Produktion dem Potential der Geschichte nicht im Geringsten gewachsen zeigen. Oder schlicht andere Zielsetzungen hatten.

Anstelle des doppelbödigen Spiels mit den romantischen und psychologischen Möglichkeiten der Täuschung und des zielgerichteten Erzählens präsentiert sich La Vénus éléctrique als halbwegs charmanter, aber stilistisch inkohärenter Kostümschinken, als unentschlossene Mischung aus Augenzwinkern, chargierendem Augenrollen und Overacting, und wenig überzeugender Ausstattung auf fast allen Ebenen, ergänzt durch ein paar computergenerierte Pariser Stadtansichten, die ihrerseits fast so fake theatralisch wirken wie der Budenzauber auf dem Jahrmarkt.

© filmcoopi / © frenetic films

La Vénus éléctrique ist bisweilen unterhaltsam, manchmal charmant, und in wenigen Augenblicken sogar einigermassen rührend. Aber es tut weh, sich vorzustellen, was Rebecca Zlotowski selbst aus dieser potentiell so irrwitzigen Anlage hätte machen können. Oder ein handwerklich weniger schnell zufriedengestellter Regisseur wie François Ozon, an dessen in der gleichen Zeit angesiedelte Krimisatire Mon crime nicht nur die ausstatterischen Ambitionen von La Vénus éléctrique erinnern, sondern auch das Plakat.

Im Kino ab 13. August 2026
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