
Mario ist sechzehn Jahre alt, Sohn eines Tankstellenbetreibers im Sopraceneri, unglücklich am Gymnasium, unsicher bei den Mädchen und unmöglich in den Augen seiner Lehrer. Bis ihn sein Vater den Sommer über zu einer Bergbauernfamilie in den Höhen des oberen Maggiatals verbannt. Auf dass der vermeintliche Faulpelz lerne, was arbeiten heisst.
Für Kinogängerinnen und Kinogänger meiner Generation – Boomer aus den 1960ern – ist dieser Film aus dem Tessin eine doppelte Zeitreise: Ein Trip zurück in die eigenen unsicheren Teenager-Jahre mit ihren kleinen Peinlichkeiten und ihren grossen Entdeckungen. Und das Echo einer oderer mehrerer Reisen ins Tessin, sei es mit dem Zug, dem Töffli oder gar einem Velosolex, wie ihn der leicht orientierungslose Teen Mario Zanetti (Francesco Tozzi in einer prägenden Erstlingsrolle) des Films fährt.

Der Tessiner Filmemacher Erik Bernasconi ist mit Jahrgang 1973 noch einmal eine Generation jünger als die Hauptfigur seines jüngsten Films. Für ihn und den grössten Teil seiner Crew dürfte die Ausstattung der Produktion ein nostalgisches Tauchen in Stil und Stimmung der Kindheit gewesen sein.
Von den eigenartigen T-Shirts mit den farbigen Akzenten um Halsausschnitt und Ärmel über die Che-Guevara- und Bob Marley-Poster, die Gazosa-Flaschen im Grotto, über den erwähnten Velosolex bis hin zum Oldtimer-Postauto mit Fahrersitz rechts und Ausstieg links haben sie alles zusammengetragen, was die 1970er Jahre im Rückblick unverwechselbar und seltsam zugleich erscheinen lässt.

Dabei ist die hinreissende Ausstattung viel mehr als bloss ein nostalgischer Trumpf des Films. Denn «Il Becaària», wie die Romanvorlage heisst, der 2010 erschienene Tessiner Bildungsroman von Giorgio Genetelli, hat Erik Bernasconi auch darum fasziniert, weil er diese 1970er Jahre klar als Zeit des Umbruchs begreift.
So sind es nicht nur die Kontraste zwischen dem traditionell geprägten Bergbauerndorf und der unbestimmten Aufbruchsstimmung der Jugend, welche 1968 aus der Kindheitswarte erlebt hat, sondern auch jene zwischen den bürgerlich wohlwollenden Vorstellungen von Marios Eltern und den für den Jungen tatsächlich revolutionären Ideen, denen er ausgerechnet am Rande der ihm bekannten Welt begegnet, da oben, wo er bloss Kühe, Ziegen und Bauern erwartet hätte.

Die erste Erkenntnis für Mario besteht darin, dass er sich im Dorf und bei den Bauern zuerst beweisen muss. Er, der von seinem Vater sozusagen strafversetzte Faulpelz aus der Stadt, ist für die hart arbeitenden Bergler ein «Becaària». Und als ob dies, reputationsmässig, nicht schon schlimm genug wäre, wahrscheinlich, verweigern ihm die Männer auch noch die Aufklärung darüber, was der Begriff überhaupt bedeutet.
Die Erklärung muss er sich verdienen, und er bekommt sie denn auch gegen Ende seines Aufenthaltes mit der Anerkennung, dass er zwar als «Becaària» gekommen sei, nun aber als echter Mann nach Hause gehen könne. (Wenn Sie tatsächliche Bedeutung des Dialektbegriffes interessiert: Gehen sie ins Kino)

Wichtiger und einschneidender aber sind zwei weitere Begegnungen für Mario.
Da ist Prisca (Sinéad Thornhill), die nur unwesentlich ältere Tochter des Bauernpaares, welche zwar in Locarno eine Ausbildung zur Kindergärtnerin macht, für den Sommer aber ins Bergdorf zurückkommt und den Grünschnabel über Punk, freie Liebe, Lidia Raveras Schweine mit Flügeln und überhaupt «la revolucion» aufklärt. Mit ihr erlebt er seinen ersten Sex, aber auch seinen ersten Liebeskummer – gerade weil sie betont, Männer und Frauen könnten einander nicht besitzen.
Der andere ist der Arzt im Dorf, zu dem ihn die Bäuerin schickt, nachdem er am Telefon über «Pfeiffersches Drüsenfieber» geklagt hat, um sich aus aus einer vorherigen Verabredung herauszuschwindeln. Der Herr Doktor durchschaut den jungen Mann mit dem Vaterproblem nicht nur, er erkennt sich im orientierungslosen Teen auch wieder und nimmt ihn fürsorglich und diskret unter seine pädagogischen Fittiche.

Becaària ist ein fast schon phänotypischer Coming-of-Age-Film und gleichzeitig durchaus originell und vor allem verwurzelt in der Zeit und in der Gegend, in der er spielt, in diesem Tessin der Tessiner, das sich als verblüffend wirkmächtig auch in Deutschschweizer Erinnerungen entpuppt.
Klar sind einzelne Elemente der erzählerischen und der filmischen Tradition aus männlicher Optik geschuldet, allen voran der freigeistige Teenager-Traum Prisca, aber auch Luigina (Sara Drago), die freie Frau im kleinen Dorf, die mit jedem Mann schläft, der ihr gefällt. Aber es gelingt Erik Bernasconi überraschend gut, auch die weiblichen Figuren glaubwürdig und überzeugend in das paradoxe Gezerre zwischen Tradition und Revolution, bzw. Freiheit und Konvention einzubetten.

Dass Becaària im Januar an den Solothurner Filmtagen den Publikumspreis bekommen hat, lässt zwar durchaus auch Rückschlüsse auf das Durchschnittsalter des treuen Solothurner Stammpublikums zu – wir sind die Boomer. Aber der Film hat nicht nur einen immensen Charme, sondern auch eine klare Identität, seine ganz selbstverständlichen, unaufgesetzten Tessiner Wurzeln.
Insofern ist Becaària nicht nur eine feinfühlige Coming-of-Age-Geschichte, sondern im besten Sinne des Wortes ein zeitgemässer Heimatfilm.
Im Kino ab 20. August 2026
Spielorte und -Zeiten
Vorpremieren mit Erik Bernasconi (Regie):
- So, 16.08., 18:20, Kino Riffraff, Zürich
- Mo, 17.08., 20:30, Kino Bourbaki, Luzern
- Di, 18.08., 17:45, Kino Rex, Biel
- Di, 18.08., 20:15, cineMovie, Bern
- Mi, 19.08., 18:30, Schloss Cinema, Wädenswil
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