
Während in einem Spital in Beirut Raketenbeschuss die Fenster bersten lässt und die Menschen panisch durch die Gänge rennen, werden im Abstand von nur einer Minute zwei Kinder geboren. Nino um 17.05 Uhr, Yasmina um 17.06 Uhr.
Der Tag des Massakers ist auch der Tag, an dem das letzte noch funktionierende Eisenbahngleis im Land zerstört wird. Und der des hoffnungsvollen Starts einer libanesischen Weltraumrakete. Dies alles rekonstruiert Yasmina Jahre später im Voice-over zu einer Mischung aus inszenierten und dokumentarischen Filmszenen.
Es ist der furiose Auftakt zu einer drei Dekaden umspannenden Liebesgeschichte, welche Cyril Aris vor dem Hintergrund seiner Heimat erzählt, dem Libanon, dauergeschüttelt von Krieg, Krisen und Katastrophen.

Nino und Yasmin finden sich in der gleichen Primarschulklasse, aus der spontanen Kinderfreundschaft wird die erste Liebe, sie verlieren sich aus den Augen, bloss, um vom Schicksal Jahre später wieder zusammengeführt und weiter geprüft, erschüttert und beschenkt zu werden.
Der arabische Originaltitel Nujum al’amal w al’alam (نجوم الأمل والألم) bedeutet wörtlich offenbar «Sterne der Hoffnung und des Schmerzes».

Der internationale Verleihtitel gibt das nicht nur sehr passend wieder, er ist auch ein Filmzitat. Es stammt aus Down by Law (1986) von Jim Jarmusch. Es wird dort von Roberto, gespielt von Roberto Benigni, mit seiner unvergesslichen Begeisterung dem besoffenen Tom Waits verkündet: «It’s a sad and beautiful world».
In beiden Titeln steckt die erklärte Absicht des Filmemachers Cyril Aris, der Versuch, diese unfassbare Mischung aus Verzweiflung und Lebensfreude abzubilden, welche die Existenz der Menschen im Libanon seit Jahrzehnten bestimmt.
Aris hat mit der Regisseurin Mounia Akl als Yasmina und dem erfahrenen und vielseitigen Schauspieler Hasan Akil als Nino ein charismatisches, explosives und nie konventionelles Leinwandpaar gefunden.

Yasmina ist die Realistin, das Scheidungskind, durchgeschüttelt, intelligent und strebsam. Als sie und Nino sich als Erwachsene wieder begegnen, arbeitet sie für eine Consulting-Agentur, welche Aufbau- und Entwicklungspläne für die libanesische Regierung entwirft – im klaren Bewusstsein, das kaum etwas davon zu mehr als Imagepflege für die korrupten Politiker dienen wird.
Nino dagegen hat das von seinen verstorbenen Eltern und seinem noch lebenden Grossvater geerbte Restaurant in Beirut mit seinem Freund und Berserker-Koch Chafic (Tino Karam) und dessen Frau Leila (Nadyn Chalhoub) zum Feinschmeckerlokal «Chez Nino» ausgebaut, mit Hingabe, Begeisterung und seiner impulsiv-optimistischen Energie.

Die urkomisch chaotischen Einführungsszenen im Lokal und vor allem in der Küche, mit dem unnachgiebig kompromisslos agierenden Küchenmeister, dem Nino nicht den geringsten Kompromiss zugunsten seiner kulinarisch nicht immer gleich beschlagenen Klientel abringen kann, erinnern in ihrer irrwitzigen Dynamik an die Serie The Bear – ein inszenatorischer Kniff des Regisseurs, der sich auszahlt.
Nino ist stets Feuer und Flamme, und seine Liebe zu Yasmina ist so absolut und so unerschütterlich wie sein hochenergetisches Werben um die wiedergefundene Frau seines Lebens, die zu dem Zeitpunkt, als Nino mit seinem Auto ins Haus ihrer Mutter kracht, eigentlich daran ist, auszuwandern – Flug gebucht, Stelle zugesichert.

Der Film packt das Paradox des libanesischen Lebens in der Dauerkatastrophe nachvollziehbar und mit bisweilen frenetischer Energie in die Paardynamik seiner Protagonisten. Yasmina will weg, will keine Kinder, hält Beirut für verloren und das Leben dort für zunehmend unmöglich. Nino trotzt allem, hält Yasmina mit seiner Entschlossenheit bei sich und im unsicheren Leben, sie bekommen eine Tochter, bald frühreif und abgeklärt wie die Mutter, aber auch begeisterungsfähig und verträumt wie der Vater.
Und wieder zerrt die Vernunft an der Beziehung, als Yasmina ihren Job verliert und eine Stelle im sicheren Dubai angeboten bekommt; wohin auszuwandern sich wiederum Nino nicht vorstellen kann.
Cyril Aris hält seinen unglaublich energiereichen Film von Anfang an gekonnt in der Schwebe zwischen Irrsinn und Optimismus. Mit einer durchgehenden lyrischen Verträumtheit zwischen den beiden Hauptfiguren, einem erzählerischen Talent bei Yasmina, welche ihrem bisweilen zynischen Realismus zum Trotz Briefe schreibend und redend eine Insel beschwört, einen Traumort für sich und die ihren, auf den sie Nino schon in den ersten Tagen der Kindheitsbegegnung eingeladen hat.
Es ist in der Tat A Sad and Beautiful World, welche dieser Film uns vor dem Hintergrund des realen, dieser Tage einmal mehr unter Angriffen und Katastrophen leidenden Libanon vermittelt, überzeugend, mitreissend und trotz allem nie eskapistisch.
Im Kino ab 20. August 2026
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