
«Unsere Geisterbeschwörung», nennt Regina Schilling ihr Ingeborg-Bachmann-Dokumentarfilmprojekt mit Sandra Hüller, als es endlich losgeht: «Unsere Séance».
Es ist eine Kollaboration, eine Rekonstruktion mit Passion, mit Schalk und mit Respekt. Die Einstellungen, in denen Sandra Hüller die blonde Perücke montiert bekommt, in der Wohnung in Rom, welche jener von Ingeborg Bachmann gleicht, ist das Portal. Sie legt sich eine Hand an die Stirn, darauf erfolgt der Schnitt auf ein Foto von Ingeborg Bachmann mit genau dieser Geste.
Sandra Hüllers ersten Schritte in der Wohnung, ihr noch zögerndes, aber entschlossenes Platznehmen am Schreibtisch hinter der Schreibmaschine, der anerkennende Satz: «Sieht alles aus, als wärs schon immer so gewesen». Und die Verwandlung ist vollzogen.
Schilling und Hüller stellen sich einen Tag im Leben der Dichterin vor, in Rom, in ihrer Wohnung, in den letzten Monaten vor ihrem Tod, als sie alleine war, tabletten- und alkoholabhängig, arbeitend an ihrem letzten Projekt, den «Todesarten».

Dabei sind diese Szenen, deren gezielte Gemachtheit stets offen zutage tritt, der Kunstgriff, welcher das dokumentarische Material, die Film- und Tonaufnahmen, Fotografien und die von Hüller gelesenen Textpassagen zu einem flüssigen, zügigen, fast schon hypnotischen Ganzen verbinden.
Bisweilen drehen Hüller und Schilling das illustrative Mimikry, die schnitt- und passgenaue Hinführung zum Archivmaterial mit fast schon komischer Verspieltheit auf. Aber das hilft dem weitgehend chronologisch der Biografie folgenden Film und dem Publikum immer wieder einen Schritt zurück zu machen und zu reflektieren.
In die gleiche Richtung gehen die gezielten Anachronismen in diesen imaginierten, rekonstruierten Momenten im Leben von Ingeborg Bachmann. Etwa wenn Bachmann/Hüller auf dem Balkon beim Pflanzengiessen von einer Panikattacke überwältigt wird, sich flach auf den Boden legt und das Mobiltelefon hervorzieht, um sich mit vorgesprochenen Atemübungen zu beruhigen. Oder wenn Hüller/Bachmann souverän auf einem Elektrotrottinett durch die römischen Altstadtgassen kurvt.

Der Film ist entstanden im Hinblick auf den 25. Juni 2026, da jährte sich der Geburtstag der am 17. Oktober 1973 in Rom verstorbenen Autorin zum hundertsten Mal.
Regina Schilling (Kulenkampffs Schuhe, 2018) erweist sich dabei einmal mehr als begnadete Vermittlerin komplexer Lebensumstände in süffigem Gewand.
Das hat auch damit zu tun, dass sie es immer wieder darauf anlegt, ihre eigene, heutige, subjektive Perspektive zutage treten zu lassen. Wenn Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann in der Römer Wohnungskulisse Originalaudios hört, tut sie das via Plattenspieler oder mit Hilfe eines Koffertransistorradios. So hat das Kinopublikum stets zwei filmische Zeuginnen vor Augen, die Original-Bachmann und die Hüller-Bachmann, was zwangsläufig zu einem faszinierenden Oszilieren zwischen Dokumentarmaterial und heutiger Wahrnehmung führt.

Das Bild dafür steht im Titel des Films und es stammt von Ingeborg Bachmann selbst. In «Malina» erinnert sich die Erzählerfigur daran, wie sie als kleines Mädchen auf einer Brücke zwei Buben traf. Einer meinte, er habe etwas für sie und gab ihr völlig unerwartet eine Ohrfeige. Danach ging nicht mehr sie nach Hause, sondern «Jemand, der einmal ich war».
Diese Aufteilung der Persönlichkeit, welche Ingeborg Bachmanns Texte und Dasein durchzieht, arbeitet Sandra Hüller nicht nur beim Lesen von Textpassagen wie dieser schlagend heraus.
In der Minute 35 des Films gelingt Hüller und Schilling dabei ein echter Gänsehautmoment. Hüller/Bachmann tippt konzentriert auf der Schreibmaschine die Mansplaining-Passage aus der Erzählung «Simultan», während Hüllers Stimme auf der Tonspur den Text vorliest: «Und sie, mit ihren riesigen, kindlich aufgerissenen Augen, hatte getan, als hörte sie zu». Mit dem Setzen des Punktes hebt Hüller den Blick von der Schreibmaschine direkt in die Kamera. Darauf folgt eine Schwarzblende.

Es sind Momente wie dieser, oder die aberwitzig montierte Sammlung herablassend misogyner Kritikerreaktionen auf Bachmanns Texte kurz davor, welche von diesem wunderbaren filmischen Bachmann-Kompendium am unmittelbarsten in Erinnerung bleiben.
Hommage und Einführung, Biografie-Abriss und Interpretationshilfe, Einstiegsdroge und Reminiszenz: Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ist alles auf einmal und dabei erfreulich offen.
Im Kino ab 20. August 2026
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