SOUDAIN von Ryūsuke Hamaguchi

Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira) mit der unerschütterlichen Micheline (Geneviève Emanuelli) im Rollstuhl © frenetic

Marie-Lou (Virginie Efira) leitet ein Pflegeheim in Paris und versucht, gegen alle Widerstände, das «Humanitude»-System für menschenwürdig zugewandte Pflege zu etablieren. Mari (Tao Okamoto) ist Theaterregisseurin, gastiert in Paris mit einem Stück über die positiven Erfahrungen mit der offenen Psychiatrie in Italien, und sie ist unheilbar an Krebs erkrankt.

Was klingt wie ein vorhersehbarer Kinokampf um positives Denken angesichts der Widrigkeiten des Lebens, wird in den sorgfältigen Händen des Japaners Ryūsuke Hamaguchi (Drive My CarWheel of Fortune and FantasyHappy Hour) zu einem weiteren seiner redseligen, übermenschlich-menschlichen Glücksfeste.

Marie-Lou ist knapp vor dem Burnout, aufgrund ihres permanenten Kampfes gegen die wirtschaftlich denkenden Betreiber ihres Pflegeheims und die internen Widerstände von Teilen des Pflegepersonals, das die zusätzliche Ausbildung vor allem als zusätzliche Ausbeutung empfindet.

Als sie das von Mari inszenierte Ein-Personen-Stück mit dem japanischen Schauspieler Goro (Kyôzô Nagatsuka) besucht, ist sie überwältigt. Von der Thematik – es geht darin um die Öffnung der geschlossenen «Irrenanstalten» wie sie in Italien Franco Basaglia (1924-1980) durchgesetzt hatte –, aber auch und vor allem vom ganz selbstverständlichen Einbezug von Goros autistischem Sohn Enkel Tomoki (Kodai Kurosaki).

Goro (Kyôzô Nagatsuka) und Enkel Tomoki (Kodai Kurosaki), auf der Bühne © frenetic

Dieser ist stets in der Nähe des älteren Mannes, und wenn es ihm danach ist, kommt er auch auf die Bühne und versetzt damit die deklamierten theoretischen und anekdotischen Momente der Integration für alle spür- und erfahrbar in unmittelbare Realität um.

Da Marie-Lou einst in Japan studiert hatte und sich im Anschluss an die Vorstellung beim Publikumsgespräch mit Regisseurin und Schauspieler auf Japanisch einbringt (zur Frustration des damit definitiv nicht integrierten restlichen Publikums), treffen sich die beiden Frauen danach zu einem gemeinsamen Spaziergang, der schliesslich in den frühen Morgenstunden im Personal-Aufenthaltsraum von Marie-Lous Pflegeheim endet.

Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira), Mari Morisaki (Tao Okamoto) © frenetic

Und genau hier, etwa eine Stunde in den FIlm hinein, platziert Hamaguchi eines seiner eloquenten, unfilmischen, grossartigen Plädoyers, beziehungsweise eben die sozioökonomisch-philosophischen Erläuterungen der Regisseurin Mari. Mit Flipchart und Stiften weit ausholend erklärt sie der hingerissenen Marie-Lou, wie sich die kapitalistischen Gesetzmässigkeiten in der japanischen Gesellschaft exemplarisch rigide manifestiert hätten, genau die gleichen Mechanismen, welche auch in Frankreich und dem Rest der westlichen Welt zum heutigen inhumanen Pflegenotstand geführt haben.

Dabei sind nicht nur die Ausführungen atemberaubend einleuchtend und ihre Präsentation durch Mari Ted-Talk-mässig mitreissend, Hamaguchi setzt auch einen fein hingetupften Moment des comic relief in Gestalt eines Pflegers, der kurz in den Raum hineinschaut und sich völlig perplex wieder zurückzieht.

Die ganze Szene, die an die Schlussplädoyers us-amerikanischer Gerichtsfilme erinnert, ist eben so lang wie unterhaltsam, für die Darstellerinnen allerdings ein absoluter Parforce-Ritt, nicht nur wegen der Mischung aus Japanisch und Französisch, sondern auch, weil Hamaguchi gerne in langen Plansequenzen dreht. Ein Textfehler und die Übung beginnt von vorne.

Mari Morisaki (Tao Okamoto) und Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira) am Seine-Ufer © frenetic

Virginie Efira, die für diesen Film intensiv Japanisch lernte, und Tao Okamoto, welche ihrerseits einen ähnlichen Aufwand treiben musste, sind in der Annäherung der beiden Frauen über die mehr als drei Stunden dieses Films hinweg mitreissend natürlich. Das hat nicht nur mit der dokumentarischen Kamera zu tun und den langen, ungeschnittenen Einstellungen, sondern auch mit dem Umstand, dass sich auch die Darstellerinnen Efira und Okamoto einander in Echtzeit annäherten.

Die goldene Schauspielerinnen-Palme von Cannes 2026 Ex aequo für die beiden wirkt denn auch für einmal vollkommen angemessen und nicht wie die übliche Verlegenheitslösung geteilter Preise.

Tomoki Kubodera (Kodai Kurosaki), Goro (Kyôzô Nagatsuka), Mari Morisaki (Tao Okamoto) und Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira) © frenetic

Der Titel Soudain (plötzlich) bezieht sich zwar auf die plötzliche Verschlechterung mancher Krankheitsverläufe. Er ist aber auch schön paradox, weil der Film ja eigentlich das pure Gegenteil zelebriert. Da kommt kaum etwas plötzlich; jede Szene, jede Sequenz ergibt sich organisch aus den vorangehenden.

Das Pflegeprinzip der Humanitude ergibt sich im Zusammenhang mit all den anderen präsentierten gesellschaftlichen Momentaufnahmen in Frankreich und in Japan als ein möglicher Gegenentwurf. Maris Schilderung der sozio-ökonomischen Entwicklungen in Japan als Vorwegnahme des heute auch in Europa grassierenden Pflegenotstandes integriert Hamaguchi mit zwingender illustrativer Logik aus den Gegensätzen zwischen seiner Heimat und seinem Produktions-Gastland.

Dass Hamaguchis jüngster Film als französisch-japanische Koproduktion entstanden ist, habe zunächst vor allem mit dem knallharten japanischen Filmgeschäft zu tun, sagt er. Die Umstände würden aber auch unmittelbar die Verhältnisse spiegeln, die der Film aufgreift:

«Ich wollte auf keinen Fall einen Propagandafilm über die Humanitude drehen. Jedoch, sobald es darum ging, den Film als Koproduktion zwischen Frankreich und Japan zu realisieren, kam die Frage tatsächlich auf, denn die Arbeitsbedingungen im japanischen Filmgeschäft sind extrem hart. Hier erlaubt es das wirtschaftliche System der Filmbranche nicht immer, Cast und Crew wirklich menschlich zu behandeln. In dieser Sicht ermöglichte mir das Drehen in Frankreich den Zugang zu besseren Arbeitsbedingungen. Das französische System, seine Finanzierung, die Organisation der Arbeitszeit, die Regeln bezüglich Nachdreharbeiten und Überstunden – all das hat mir enorm viel beigebracht».

Mit Soudain gelingt Hamaguchi ein weiterer grossartiger Coup zwischen theoretischem Theater und gelebter Erfahrung. Dass seine Hauptdarstellerinnen diesem Abenteuer gewachsen sind, hilft dabei, die 196 Minuten zu einem dichten, überzeugenden und in keiner Sekunde anstrengenden Erlebnis zu machen.

Im Kino ab 26. August 2026
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