SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? von Nicolas Steiner

Ana Paluja (Saga Sarkola), seine Liebe von einst, konfrontiert den alten Drowak (Karl Markovics) © Sister Dist.

Das «Amt für Ruhe und Ordnung» schickt seine Agenten. Der alte Säufer Hugo Drowak empfängt sie mit selbstabgefüllten Kondom-Pissbomben und einem Ascheregen aus dem Fenster seiner Sozialwohnung, hoch oben in der brutalistischen Mietskaserne.

«Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» ist die entwaffnende erste Frage, welche die von ansteckender Begeisterung nur so sprudelnde Studentin Lena Jakobi (Luna Wedler) dem unflätigen Drowak (Karl Markovics) am nächsten Tag stellt.

Hugo Drowak (Karl Markovic) und Lena (Luna Wedler) © Sister Dist.

Lena soll den lebensmüden alten Alkoholiker über einen massgeschneiderten kreativen Schreibkurs resozialisieren. So hat es der Vorsteher vom «Amt» (Schaubühnenstar Lars Eidinger) verordnet. Lena, in ihrer literarischen Begeisterung, ist die einzige Freiwillige – und natürlich findet sie den steinigen Weg ins verbitterte Herz des Alten.

Dieser Weg ist allerdings gesäumt von initialen Beleidigungen und Bösartigkeiten des Alten, von Batterien leerer Schnapsflaschen in seiner versifften Wohnung und von unbeirrt optimistischen Narrengängen durch das zur Abschreckung verstellte Treppenhaus im «Amt», in dem Etagen-Pagen mit Höhenangst zitternd ihrer Strafpflicht nachkommen.

Hugo Drowak (Karl Markovic) © Sister Dist.

Es ist eine kafkaeske Welt, in welcher die auf den ersten Blick vermeintlich absehbare Geschichte von der Rejuvenation des verstockten Alters durch die optimistische Jugend angesiedelt ist.

Allerdings bildet dieser Erzählstrang nur eine der vielen rankenden Erzählwindungen in diesem ratten- und amtsschimmelverseuchten Kreativalptraum.

Einen weiteren bilden Drowaks schmerzliche Erinnerungen an die grosse, verspielte Liebe seiner Jugend, die sich aufgrund der Bemühungen Lenas in Drowaks plötzlich wieder erwachter Schreibwut manifestiert.

Der Amtsleiter (Lars Eidinger) © Sister Dist.

Ausgedacht haben sich das Bettina Gundermann und Pascal Nothdurft. Aber zum stilistisch einzigartigen Leinwandleben erweckt wurde das Ganze durch den monumental ungezügelten Gestaltungswillen des Walliser Regisseurs Nicolas Steiner.

Vor fünfzehn Jahren verblüffte Nicolas Steiner die Filmwelt mit einem bildmächtigen Dokumentarfilm über die traditionellen Kuhkämpfe in seiner Heimat.

Kampf der Königinnen zeigte das Kräftemessen der tonnenschweren Tiere in Schwarzweiss und extremer Zeitlupe, nach dem Vorbild von Martin Scorseses berühmtem Boxerfilm mit Robert De Niro. Brave Walliser Kühe als «Raging Bulls»; ein Heimatfilm mit globalem Punch.

Nicolas Steiner ist ein Meister der Assemblage, er baut aus bekannten Bildern und Elementen der Film- und der Architekturgeschichte Traumwahrheiten, Erzähl- und Bildwelten, in welche die Realität hineinragt wie Berggipfel ins Wolkenmeer.

Das gilt für seine frühen Kurzfilme (etwa Ich bins Helmut von 2009), seine Dokumentarfilme (neben den Walliser Kühen hat er auch Menschen ins eigenwillige Bild gerückt, etwa mit Above and Below von 2015) und ganz besonders jetzt für seinen ersten Langspielfilm.

Lena Jacobi (Luna Wedler) mit ihren Fingerpuppen © Sister Dist.

An Luna Wedler in Schwarzweiss ist nichts, aber auch gar nichts auszusetzen, das wissen wir spätestens seit Ildikó Enyedis Silent Friend.

Steiner bettet seine ganze schauspielerisch unwiderstehliche DACH-Meistertruppe ein in dieses kafkaesk-düstere Umfeld in satt kontrastierendem Schwarzweiss. Und weil er seine Assoziationen, Anleihen und Hommagen offensichtlich nicht verstecken will, sondern stolz hervorstreichen, taucht als einziger Freund des saufenden Drowak auch der Franzose Dominique Pinon auf, das Knautschgesicht aus Delicatessen (1991), Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain (2001) und anderen Jean-Pierre-Jeunet-Filmen.

Aber auch die Kulissen seiner Filmwelt sind Assemblagen aus realen Landschaften. Die expressionistisch erschlagend heruntergekommene Stadtlandschaft hat Steiner als Meister der dokumentarischen Reduktion aus unzähligen brutalistischen Architektursünden, Bauten und Orten von Basel über Freiburg, Rottweil und Köln bis Paris zusammengesetzt.

Das Neruda-Mädchen (Soraya Efe) mit Lena (Luna Wedler) © Sister Dist.

In diesen an Fritz Langs Metropolis und Orson Welles‘ Kafka-Verfilmung Der Prozess gemahnenden Kulissen kann auch schon mal die Farbe aus einer in Schwarzweiss auf Rot stehenden Ampelleuchte auslaufen, wie eine zähflüssige weisse Träne, oder ein neunjähriges Mädchen zitiert den Dichter Pablo Neruda wie andere die Sendung mit der Maus.

Wenn Lenas Bemühungen dann allerdings fruchten, und der alte Drowak schreibend in die Erinnerungen an seine tragische Jugendliebe eintaucht, dann fliesst plötzlich auch die Farbe in die schwarzweissen Filmbilder und ein schmerzliches Glücksgefühl durch die Herzen des Publikums.

Engel von damals: Ana Paluja (Saga Sarkola) © Sister Dist.

Sie glauben an Engel, Herr Drowak? ist alles andere als eine rührselige Rettungsgeschichte. In der konsequenten Düsternis der Existenz, in der selbst die Schönheit künstlerischer Kreativität mehrheitlich den Schmerz und die Trauer und die Unfähigkeit zum Glück beschwört, ist Luna Wedlers Lena der naheliegendste Engel.

Und selbst sie bestätigt Drowak ungewollt das von ihm zitierte Rilke-Diktum aus den Duineser Elegien: «Ein jeder Engel ist schrecklich».

Der junge Drowak (Nikolai Gemel) und Ana (Saga Sarkola) © Sister Dist.

Allerdings bleibt einem auch Lenas Replik auf Drowaks Abschreckung mindestens so sehr im Gedächtnis als zentrale Beschwörung des Films:

«Nur weil ich mein Herz auf der Zunge trage, bin ich noch lange nicht bekloppt!»

Sie glauben an Engel, Herr Drowak? ist einer jener Filme, die sich im Gedächtnis festsetzen wie eine jener schön-schrecklichen Kindheitserinnerungen, von denen man nie mit Sicherheit sagen kann, ob man sie selbst erlebt hat, oder sie erzählt bekam.

Kinostart 10. September 2026
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