SALVATION (Kurtuluş) von Emin Alper

Ein Höhlengleichnis. Mesut (Caner Cindoruk) übernimmt © trigon

Die ersten Einstellungen deuten auf einen Polit- oder Drogenthriller hin. Kolonnen von Geländefahrzeugen auf einer staubigen Strasse. Ein Bild, das Filme wie Sicario (2015) oder Three Kings (1999) standardisiert haben. Allerdings spielt Salvation nicht an der mexikanisch-us-amerikanischen Grenze und auch nicht in Afghanistan oder Irak.

Ober-Pingan und Unter-Pingan heissen die zwei Hälften eines Bergdorfes in Südostanatolien. In Ober-Pingan lebt der Clan der Hazeran; Unter-Pingan war das Territorium der Bezari. Jedenfalls so lange, bis die Hazeran sich vom türkischen Staat in den bewaffneten Kampf gegen die «kurdischen Terroristen» einbinden liessen, als sogenannte «Dorfwächter».

Die Bezari dagegen entschieden sich gegen die Parteiname und verliessen ihre Felder und Häuser.

Final Girl (Tuğba Kartal). Ein Zwilling kommt selten allein. © trigon

Jetzt aber kommen die ersten Familien zurück. Und das passt insbesondere jenen Bauern der Hazeran nicht, welche in der Zwischenzeit das Land der Bezari genutzt, bewirtschaftet, bewässert und fruchtbar gemacht haben.

Was klingt wie eine mittelalterliche Landesfehde, oder eine potentiell mörderische dürrenmattsche Dorfposse, wird unter der erfahrenen Regie von Emin Alper zu viel mehr. Und auch etwas weniger.

Noch hat er die Gemeinschaft im Griff: Scheich Ferit (Feyyaz Duman) © trigon

Alper packt seine Parabel auf all die genozidalen Konflikte der gegenwärtigen Welt in einen mörderischen Dorfthriller. Er siedelt das Geschehen klar in unserer Gegenwart an. Kommunikationsmittel, Waffen und Autos entstammen dem aktuellen Technologie-Arsenal.

Die Konflikte dagegen, die gestaltet er so universal metaphorisch, dass sie von der Steinzeit übers Mittelalter und den Wilden Westen bis nach Gaza reichen.

Fatma (Naz Göktan) bedient Mesuts Ängste und Phantasien © trigon

Religion und Clan-Denken, Rivalität, Angst vor den «Anderen», Gier, Dummheit und Manipulation der Naiven durch die Raffinierten, das spielt Salvation durch mit dem jahrhundertealten Standard-Personal. Dabei helfen im Oberdorf alle mit, die Wut auf und die Vernichtungsfantasien gegen die Unterdörfler zu steigern. Die Frauen, die Kinder, die Machtlosen und die Machthungrigen.

Gleichzeitig skizziert Emin Alper, der sein eigenes Drehbuch verfilmte, die Doppelungen und Splits, die Spaltungen und die Spiegelbilder über alle gestalterischen Ebenen hinweg.

Scheich Ferit (Feyyaz Duman) und sein Bruder Mesut (Caner Cindoruk) © trigon

Da sind zunächst die Brüder Ferit (Feyyaz Duman) und Mesut (Caner Cindoruk). Scheich Ferit ist Clan-Oberhaupt und religiöser Führer zugleich, ein besonnener, gebildeter und auf Frieden und Koexistenz drängender Mann.

Mesut dagegen ist einer der Anführer im bewaffneten Kampf gegen die vom türkischen Staat designierten «Terroristen», frustriert, traumatisiert und in seiner Ehe mit der schönen, aber einst im Dienste eines Bezari stehenden Gülsüm (Özlem Taş) zutiefst verunsichert.

Getrieben und entschlossen: Mesut (Caner Cindoruk) © trigon

Als er erfährt, dass Gülsüm mit Zwillingen schwanger ist, fällt ihm eine Ermahnung seines Grossvaters wieder ein, welche besagte, dass der jeweilige Zwilling der Versuch des Teufels sei, Gottes Kindern sein eigenes Abbild zur Seite zu stellen.

Auf paradoxe, unerwartete und wahrhaft archaische Art wird er darin schliesslich bestätigt – wenn auch anders als erwartet und befriedigender für uns als Publikum.

Zu all dieser Gespaltenheit und Doppelung zwischen Ober- und Unterdorf, den ungleichen Brüdern, den Zwillingen (von denen es auch im Unterdorf ein Paar gibt) gesellt sich der prophetisch raunende Wahnsinn in Form von Mesuts Träumen und Visionen, welche ihn allmählich dazu bringen, seinen Bruder aus dem Amt zu verdrängen und alle Dämme brechen zu lassen.

Manipuliert geschickt: Yılmaz (Berkay Ateş) © trigon

Man darf Emin Alper vorbehaltlos zugute halten, dass er seine hyperrealistische Parabel mit wahrhaft dürrenmattscher Konsequenz ihre schlimmstmögliche Wendung nehmen lässt. Schliesslich beruft er sich auf einen realen Fall in seiner Heimat im Jahr 2009, den er zum Anlass genommen hat für seinen ebenso naturalistischen wie dramaturgisch zielgerichtet und effizient kunstgedrechselten Film.

Man mag sich andererseits aber auch innerlich wehren gegen die unabwendbare Abwärtsspirale aus Dummheit, Aberglauben, Fremdenhass, Machtgier und Manipulation welche ungebremst und sehr absehbar im Abgrund mündet.

Aber dann ruft man sich den realen Horror unserer Gegenwart in Erinnerung, die genozidalen Vorgänge in Gaza und im Sudan, den Krieg Putins gegen die Ukraine, den Völkermord des IS an den Jesiden im Irak, die systematische Unterdrückung der Rohingya in Myanmar oder der Uiguren in China – oder auch nur die rassistische Fremdenangst, welche grosse Teile Europas immer schneller nach Rechts rücken lässt – und der innere Widerstand gegen Emin Alpers vielleicht doch nicht wirklich allzu simple Parabel sinkt seufzend zusammen.

Im Kino ab dem 10. September 2026
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