TRISTAN FOREVER von Tobias Nölle

Loran Bonnardot und Freund © Anderdog

Der Pinguin mit den gelben Büscheln am Kopf ist einfach da. Niemand erwähnt ihn. Er ist wohl Lorans Totem, Spirit animal, oder einfach sein filmisches Alter ego. Anders als Loran wirkt er immer fröhlich.

Loran ist ein Brüter, ein Mann der Widersprüche. Ein einsamer Liebender. Und Tobias Nölles Ko-Autor und Ko-Regisseur bei diesem gezielt fiktiv unterfütterten Dokumentarfilm.

Der Mann aus Paris ist Arzt, er heisst Loran Bonnardot, und er reist seit dreissig Jahren immer wieder nach Tristan da Cunha, die abgelegenste bewohnte Insel der Welt. Mit ihren rund 260 Bewohnerinnen und Bewohnern ist Tristan da Cunha sein Utopia, seine Traumheimat, sein Fluchtpunkt.

Für ihren gemeinsamen Dokumentarfiktionsfilm Tristan Forever hat ihn Tobias Nölle auf die Insel begleitet, auf die Reise, die anders sein sollte als die vorhergehenden: Loran hat beschlossen, auf der Insel zu bleiben, sich bei den 260 Bewohnerinnen und Bewohnern um Aufnahme in ihre Gemeinde zu bewerben. Sich niederzulassen.

© Anderdog

Der Schweizer Tobias Nölle (u.a. Aloys, 2016) witterte wohl einen Seelenverwandten, als ihm Bonnardot von seiner langen Geschichte mit Tristan Da Cunha erzählte:

«Loran hegte schon lange den Wunsch, einen Film über seinen Zufluchtsort zu machen und suchte nach einem Regisseur. Wir entschieden, dass ich ihn mit meiner Kamera begleiten würde bei seinem Versuch, sich auf Tristan da Cunha niederzulassen. Schon früh erzählte er mir, dass er sich manchmal fragt, ob Tristan wirklich existiert oder ob es nur eine Erfindung seiner Fantasie sei. Wir einigten uns, Dokumentation und Fiktion so zu verweben, dass sich dieses Gefühl der Ambivalenz überträgt. Während den Dreharbeiten fühlte ich mich auch selbst in einer Zwischenwelt; mitten im endlosen Atlantik auf dieser winzigen Insel, wie gestrandet zwischen Traum und Wirklichkeit».               (Verleiher-Interview in den Presseunterlagen)

Loran Bonnardot © Anderdog

Zwischenwelten sind integraler Teil von Nölles Filmografie. Sein Privatdetektiv Aloys phantasiert sich hartnäckig in die Welten, die sich hinter seinen Videoaufnahmen öffnen. Und im «Science Fiction Dokumentarfilm» Das letzte Königreich (2024) sucht ein Androide aus der Zukunft den schönsten Klang, den das Universum je hörte.

Die unsichtbare Trennwand zwischen Welt und Utopie ist immer auch eine Spiegelachse. In der Geschichte von Loran und Tristan da Cunha hat Nölle gleich mehrere solcher Spiegelachsen gefunden.

Loran Bonnardot, Glenda Rogers © Anderdog

Da ist etwa der Vulkanausbruch von 1961 auf der Insel, der zur Evakuation der Inselbewohner nach Southampton in Grossbritannien führte. Und die spätere Rückkehr der meisten Tristanier gegen den Widerstand der britischen Regierung. Britische Reportage- und Dokumentarfilme aus jenen Tagen bilden einen Teil von Tristan Forever.

Einen anderen Teil bilden die Videotagebücher von Loran Bonnardot, mit denen er nach seinen ersten Besuchen den Kontakt mit den Insulanern aufrecht erhalten wollte.

Die grösste Verwerfung aber geht durch Loran selbst hindurch.

Nach der langen, von heftiger Seekrankheit geprägten Überfahrt ab Kapstadt landet er mit seinem geliebten Klavier und findet die erste Unterkunft bei einem langjährigen Freund. Er sucht und findet Arbeit im lokalen Laden, gibt Klavierunterricht und hilft mit seinen medizinischen Kenntnissen aus. Auch wenn er, wie er antönt, aufgrund nachhaltiger Traumatisierung über seine Arbeit mit den Ärzten ohne Grenzen davon absehen will, auf der Insel als Arzt Verantwortung übernehmen zu müssen.

Schon bald aber sucht er sogar auf der Insel noch mehr Abgeschiedenheit und renoviert sich bei den Kartoffelfeldern, fern von der Hauptsiedlung, ein altes Häuschen, erkundet auf nicht ungefährlichen Solotrips gegen die Warnung seiner Freunde die Natur in den Küstenfelsgebieten, stets gefangen zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Bedürfnis nach Rückzug.

NN mit Loran Bonnardot © Anderdog

Tristan Forever ist einerseits ein faszinierender Dokumentarfilm, der ganz klassisch und souverän unaufdringlich historische und gegenwärtige Fakten über die Insel und ihre Geschichte vermittelt. Gleichzeitig aber ist das eine wunderbar melancholische Allegorie auf die faktische Unstillbarkeit des menschlichen Fernwehs, der Sehnsucht schlechthin.

Auch wenn die dokumentarischen Elemente überwiegen, versteckt der Film seine gezielte Inszeniertheit nie. So ist etwa die Kamera bereit, als in einer Nacht die Unwägbarkeit des Schicksals Lorans Pläne ändert. Und sie blickt auf diese Unwägbarkeit nicht nur durch das Dunkel vor Ort, sondern auch von weit draussen auf See – ein grossartig filmischer Gänsehaut-Moment in einem einzigartig verschroben zugewandten Dokumentarprojekt.

Im Kino ab 17. September 2026
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