
Zwei schmale Gedichtbände hat Oscar Restrepo in seiner Jugend veröffentlicht und dafür Preise, flüchtige Anerkennung und ein nicht sehr tragfähiges Selbstbild bekommen. Unterdessen ist er ein schwer depressiver, in Selbstmitleid ertrinkender Alkoholiker. Ohne Arbeit und Einkommen lebt er bei seiner Mutter, nimmt hin und wieder an Lesungen bei seinen alten Kumpels im Haus der Poesie teil und hat sein letztes Geld einem windigen Freund für eine todsichere Anlage überlassen.
In seinem Zimmer hängt ein Jugendfoto seines grossen Vorbildes Gabriel García Márquez, der nicht nur die Welt erobert hat, sondern auch die kolumbianische 50’000-Peso-Note.
In lichten Momenten erkennt Oscar zwar die Notwendigkeit, sein Leben neu zu organisieren. Aber im Suff fühlt er sich dann doch eher wieder überlebensgross und missverstanden und näher bei Charles Bukowski als beim Nobelpreisträger Márquez.

Als er sich schliesslich doch und widerwillig als Lehrer verdingt, entdeckt er unter seinen Schülern ein wahrhaft begabtes dichterisches Talent in Gestalt der mehr an glitzernden Fingernägeln interessierten Yurlady (Rebeca Andrade) aus einer unterprivilegierten Grossfamilie.
Simón Mesa Soto unterläuft mit seinem zweiten Langspielfilm gezielt und verspielt die erzählerischen Klischees des einschlägigen Kinos und den gängigen Kult um die hehre Kraft der Kunst.

Das Bild vom gescheiterten Künstler, der nicht von seinem erhöhten Selbstbild lassen mag, zeichnet Mesa Soto mit der fast schon masochistischen Selbsterkenntnis eines Filmemachers, der schon mehrfach davor stand, den Kampf um die nächste Produktion in seinem Heimatland aufzugeben.
Weil auch Un poeta weder die einschlägigen lokalen noch die globalen Erwartungen an einen Film aus Kolumbien erfüllt, erfolgte die Finanzierung als Koproduktion mit Deutschland und Schweden (u.a. ZDF und ARTE) – was möglich wurde dank früherer Einladungen des Regisseurs ans FIlmfestival in Cannes – mit Leidi hat er 2014 die goldene Kurzfilmpalme gewonnen.

Die zweite Klischeestufe zündet Mesa Soto mit Oscars Entdeckung der lyrisch begabten Yurlady. Oscars Stellvertretertraum, das unterprivilegierte Mädchen zur Preisträgerin des Nachwuchsdichterwettbewerbs zu pushen, weckt, zusammen mit seinen nicht unbedingt tragfähigen Ratschlägen an andere Schüler in seiner Klasse, Erinnerungen an Hollywood-Schnulzen wie Dead Poets Society (1989) mit Robin Williams oder Dangerous Minds (1995) mit Michelle Pfeiffer.
Allerdings ist Yurlady keineswegs das Schattenpflänzchen, das auf die dichterisch erleuchteten Sonnenstrahlen aus dem Künstlermilieu gewartet hat. Und Oscar nicht einmal ansatzweise der vom harten Leben geadelte, ebenso attraktive wie selbstlose Lehrer.
Unter anderem, weil Oscar-Darsteller Ubeimar Rios seinem (realen) Charisma zum Trotz offensichtlich körperlich kleinwüchsig und verwachsen gegen alle Attraktivitätsforderungen antritt, erinnert die Figur an den deutschen Namensvetter, den blechtrommelnden Oskar Matzerath. Zumindest beim europäischen Publikum. In Lateinamerika dürften andere Assoziationen überwiegen.

In erster Linie aber stellt Simón Mesa Soto den erhöhten Vorstellungen von Kunst und Dichtung die gesellschaftlichen und sozialen Realitäten gegenüber. Un poeta ist ein Film über das, was von Kunst angeblich erwartet wird, und über das, was Kunstbetrieb und Kunstmarkt tatsächlich fordern und begünstigen. Oscars erfolgreichere Dichter-Kumpane sind arrivierte Arrangeure im medialen Vermarktungsbetrieb, bis hin zu den thematischen Forderungen, welche der Veranstalter des Nachwuchsdichterwettbewerbs an die Eröffnungslyrik stellt, welche Yurlady erzeugen soll – abweichend von ihren ehrlich harmlosen, aber gerade dadurch eindringlichen tatsächlichen Texten.
Gedreht hat Simón Mesa Soto mit Laiendarstellern in den beiden Hauptrollen, in seiner Heimatstadt Medellín und auf 16mm-Film, mit gezielt ins Bild gerückter staubiger Randblende. Schnitt, Tonspur und die Unterteilung in programmatisch betitelte Kapitel sorgen mit gezielten Brüchen und abrupten Szenen- und Tonabrissen für eher geschüttelte als gerührte Aufmerksamkeit und brutal verhinderte Sentimentalität.

Je tiefer Oscar stürzt, je übler ihm die Welt und ihr Unverständnis mitspielen, desto klarer wird seine Sicht auf die Dinge und auf sein Selbstbild. Und das gleiche gilt für Yurlady, die wenig Neigung zeigt, die Rolle des von der Poesie und der arrivierten Oberschicht beflügelten Gossenpflänzchens zu erfüllen – ganz zu schweigen von ihrer Familie.
Un poeta ist ein rücksichtslos ehrlicher Film, der Selbstmitleid mit Masochismus austreibt und dabei nicht nur Klischees unterläuft, sondern alles, was wir im Kino allenfalls an eingeübten Verteidigungsstrategien aufbringen. Am Ende stehen ein paar echte Gefühle und Einsichten, die sich als tragfähiger erweisen als alle romantischen Vorstellungen von der transformativen Kraft der Kunst.
Im Kino ab 24. September 2026
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