
«Eine Frau zu küssen ist schön. Schön und zart», sagt Klara Rensing, und streichelt dazu einen Broccoli. «Männer sind auch schön!» wirft Tatjana Bollhalder ein. «Männer zu küssen ist so wäh!» entgegnet Klara und streckt mit einem Würgegeräusch einer Zitrone die Zunge raus.
Die beiden Frauen improvisieren an einem Tisch voller Gemüse, springen vom persönlichen Austausch zu spontanen Szenen für eine imaginierte TV-Koch-Sendung. Das ist so eigenartig und lustig wie wenige Minuten zuvor die Runde von Christiane Meier, Martin Bigler und Christian Sonderegger, die sich darüber austauschen, ob es angebracht wäre, oder doch eher unanständig, jetzt einfach «ungetrunken» wieder wegzugehen, weil Juri Elmer, der offenbar einen Barkeeper spielt, etwas gar lange gewartet hat, um ihre Bestellung aufzunehmen.

Das Setting in einem grossen Raum voller Requisiten, der gelegentliche Kamerablick auf die Beleuchtungseinrichtung oder Maskenbildnerin Aline Akhdar beim Pudern einer Nase lassen darauf schliessen, dass hier gespielt wird. Darauf verweist auch der ganz zu Beginn eingeblendete Hinweis, dass jedes Wort, jeder Satz, jede Bewegung der Auftretenden unmittelbar im Moment des Drehs entstanden sei.
Der neue Dokumentarfilm von Kaspar Kasic dokumentiert sich selbst. Das unendliche Jetzt ist ein Experiment und sein Resultat zugleich. Und damit ein Paradox, wie seine ganze Anlage.

Wer sich den Film nicht vollkommen zufällig anschaut, weiss zwar, dass hier Menschen mit Frühdemenz agieren. Wer von den Protagonistinnen und Protagonisten aber tatsächlich dement ist, oder es zunehmend wird, das bleibt zunächst gezielt offen. Das erzeugt eine permanente Neugier, eine gespannte Aufmerksamkeit und eine anregende Verunsicherung beim Kinopublikum.
Kaspar Kasic ging für seine filmische Versuchsanlage von der Methode von Franz Dängeli und seinem act back-Improvisationstheater aus. Dängeli war auch beim Dreh als Spielcoach dabei

Ganz allmählich schälen sich in den improvisierten Szenen und Gesprächen die Biografien der zwei Frauen und zwei Männer heraus, die sich trotz oder wegen ihrer Diagnose auf das Spiel eingelassen haben. Schauspielerin Rensing und Schauspieler Elmer sind dabei nicht die einzigen, welche Rollenwechsel bravourös bewältigen.
In der zweiten Hälfte des Films ergibt es sich zum Beispiel, dass Tatjana Bollhalder und Christian Sonderegger sich in der Rolle der Partnerin bzw. des Partners des jeweils anderen intensive Szenen einer Ehe liefern, unter den Vorzeichen des Gedächtnis- und Identitätsverlustes und den dabei entstehenden Ängsten.

Manche dieser von einer definierten Ausgangslage aus spontan improvisierten Spielszenen bleiben genau dies. Etwa, wenn Christiane Meier dem Schauspieler, der den Part ihres Sohnes auf Besuch übernimmt, ihre Frustration über die ihrer Meinung nach völlig verfrühte «Abschiebung» in die Almacasa-Institution entgegen schleudert. Eine Spielanlage zur Frustbewältigung und Selbstversicherung. Allerdings mit einer durchaus zu Herzen gehenden Coda.

Andere dagegen holen weit mehr aus den zugrunde liegenden Dynamiken heraus und führen zu ebenso befreienden wie erschreckenden Erkenntnissen – gerade auch für das Publikum im Kino.
Zum Beispiel der enorm mitnehmende Ausstausch zwischen Christian Sonderegger und Klara Rensing in der Rolle seiner Tochter, welche ihm unter Tränen vorwirft, seine Demenzrealität nicht wahrnehmen zu wollen, seine Probleme zu überspielen, beim Lesen eines Buches zu reinen Showzwecken irgendwo in der Mitte anzufangen. Worauf er bloss entgegnet, dass das doch keine Rolle spiele, dass er Freude habe am Lesen.
Zwei, drei Szenen weiter leuchtet plötzlich die Erkenntnis auf, dass die Sorge um die Tochter, welche die Situation nicht erträgt, tatsächlich wohl die grösste Belastung für den Mann sein könnte. Und das mögliche Vergessen der Existenz der Tochter in seiner Zukunft eine Befreiung.
Es sind solche Paradoxe, welche durch diesen Dokumentarfilm und seine experimentelle Anlage greifbar werden. Ebenso deutlich, wie das sichtliche Engagement, welche die Spielsituation bei den Demenz-Erkrankten erzeugt, die Wachheit, die unerwartete Unerschrockenheit und Ehrlichkeit, die situative Intensität in der Gegenwart, welche die lähmende Angst vor der möglichen Zukunft scheinbar mühelos verdrängt.
Das unendliche Jetzt ist nicht zuletzt ein Mutmacher, eine Aufforderung, sich einer Demenz-Diagnose mit mehr Neugier und weniger Panik entgegenzustellen, auch und gerade für die Angehörigen. Denn die Neugier gilt auch in diesem Fall idealerweise dem Menschen, nicht der Krankheit.
Im Kino ab 24. Sept. / 1. Oktober 2026
Spielorte und -Zeiten
Premierentour in Anwesenheit von Kaspar Kasics und Protagonist:innen sowie Cast & Crew:
- Sonntag 27.09., Dienstag 29.09 & Mittwoch 30.09., 12.15 Uhr, Cinema Odeon, Lunchkino Vorpremieren ohne Gäste
- Montag, 28. September, 18.00 Uhr, Kino Sputnik, Liestal
- Mittwoch, 30. September, 20.00 Uhr, Kinok. St. Gallen, in Anwesenheit von des
- Regisseurs Kaspar Kasics und Tatjana Bollhalder
- Sonntag, 4. Oktober, 12.30 Uhr, CineMovie, Bern, Filmtrialog mit anschiessendem Gespräch zum Thema Demenz mit Kaspar Kasics, Christian Sonderegger (Protagonist) und Dr. Markus Bürge (Leiter Memory Clinic BESAS)
- Sonntag, 11. Oktober, 11.00 Uhr, Kino Wildenmann, Männedorf
- Sonntag, 11. Oktober, 18.00 Uhr, Schlosscinema, Wädenswil
- Sonntag, 18. Oktober, 11.00 Uhr, Kino Riffraff, Zürich
- Sonntag, 18. Oktober, 18.00 Uhr, Orion, Dübendorf
- Mittwoch, 24. Oktober, 20.00 Uhr, Cameo, Winterthur
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