
Der ganze Titel dieses ungewöhnlichen Dokumentarfilms lautet: Kalari Kid – She hits back. Sie schlägt zurück. Und selbstverständlich wird hier der Ermächtigungsklassiker Karate Kid (1984) referenziert. Zusammen mit dem Zusatz «sie schlägt zurück» ist der Titel nicht nur Ankündigung, sondern Programm. Und wie!
Zunächst lernen wir zwei kleine Mädchen im indischen Kerala kennen. Die neunjährige Arushi und ihre Schwester leben liebevoll umsorgt in einer komfortablen Familienumgebung. Vor allem Arushi widmet sich mit Verve und Hingabe dem Kalari-Training.

Kalari, kurz für Kalarippayattu, ist eine alte Kampfsportart, die ihre Wurzeln in der matriarchalischen Nair Gesellschaft Keralas hat. Während der britischen Kolonialherrschaft war sie verboten, unterdessen aber blüht sie offenbar vor allem in den ländlichen Gegenden wieder auf.
Für Arushi und ihre Schwester gelten die Ermahnungen ihrer Eltern, es sei richtig und wichtig, sich zu wehren – gerade und erst recht für Mädchen in der misogynen indischen Klassen- und Kastengesellschaft.
Warum sie sich allerdings nicht immer und nicht gegen alle wehren soll, ist für Arushi nicht so ganz klar. Schliesslich gehört sie zu den Kalari-Talenten und hat die Reflexe drauf. So sehr, dass sie nach ein paar spontanen Wutausbrüchen mit Zuschlagen von den Eltern auf Kalari-Diät gesetzt wird. Sie verbieten ihr die Teilnahme an der kommenden Meisterschaft und pochen auf eine Kampfpause zur Disziplinierung.

Für die 21jährige Milena John gibt es einen anderen Grund, das Kampftraining zurückzufahren. Sie ist zwar eine Meisterin des Faches und unterrichtet leidenschaftlich und erfolgreich, auch junge Männer. Aber sie beginnt eine Ausbildung zur Krankenpflegerin in der Stadt, da wird kaum Zeit bleiben für regelmässiges Training.
Das Ehepaar Maria Kaur-Bedi und Satindar Singh Bedi packt viel in diesen durchaus kampfsportartig sprungkräftigen Dokumentarfilm. Denn natürlich geht es hier nicht um die Kampfkunst Kalari als Selbstzweck, sondern um die grosse und schwierige Frage, wie Selbstbestimmung, Verteidigung und Kampfbereitschaft sozialverträglich integriert werden – auch und gerade in der extrem frauenverachtenden, misogyn-gewalttätigen, von Kastendenken, Religionsspannungen und massiv ungerechten gesellschaftlichen Prosperitätschancen bestimmten indischen Gesellschaft.

Durch die historischen und sozialen Aspekte führt die vierunddreissigjährige Dr. Malavika Binny, Geschichtsprofessorin an der Universität in Kannur. Ihre Ausführungen zum inhärenten und expliziten historischen Sexismus, ihre Arbeit mit Studentinnen und Studenten und ihr ruheloses Engagement gegen Diskriminierung bilden das filmische Gegengewicht zu den praktischen Einblicken in den Lebensalltag von Arushi und Milena.
Dazu kommen direkt eingebundene Nachrichten zum grassierenden mörderischen Alltags-Sexismus, wie etwa dem Fund von 19 toten weiblichen Föten in einem Kanal.

Die ganzen Aspekte fliessen zusammen bei Milena John, die auf dem Nurse-Ausbildungs-Campus in der Gesellschaft anderer junger Frauen nicht nur mit Geschichten von systematischer Diskriminierung in Berührung kommt, sondern auch mit solchen von direkten mörderischen Übergriffen auf Pflegerinnen. Worauf sie ihre Kommilitoninnen mit Kalari-Grundlagen zur Selbstverteidigung zu ermächtigen beginnt.
Kalari Kid – She hits back ist – positiv ausgedrückt – formal und ästhetisch ausgesprochen vielseitig. Zu den teilweise mit schneller News-Ästhetik gedrehten dokumentarischen Szenen und tatsächlichen News-Auszügen gesellen sich sorgfältig ausgeleuchtete und nachinszenierte Alltagsszenen. Und schliesslich, durchaus begeisternd, die hochstilisierten, mit Spielfilm-Anmutung angereicherten Kampfkunst-Choreografien, die mit ihrem Ermächtigungs-Pathos international anschlussfähiges Flair transportieren.

Das ist ein thematisch vielseitig einsetzbarer Dokumentarfilm, der «lokale» Gegebenheiten zu universellem Verständnis aufbereitet und zugleich genügend exotischen Reiz einbindet, um ein diverses und breit gestreutes Publikum anzuziehen. Entsprechend listet die offizielle Webseite zum Film auch eine eindrückliche Reihe einschlägiger PromotionspartnerInnen: Aggarwal, UNIGE Culture, Solidarité femmes fribourg – Centre LAVI, Espace F, Women’s Hope International, Kalari Schule Basel und F-Information.
Im Kino ab 1. Oktober 2026
Spielorte und -Zeiten
Spezialvorstellungen mit Gästen:
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- 29.09.2026 | 18:00 Bern, Kino Rex Bern Vorpremiere – mit Maria Kaur Bedi und Dr. Malavika Binny
- 30.09.2026 | 18:30 Zürich, Kino RiffRaff Vorpremiere – mit Maria Kaur Bedi und Dr. Malavika Binny
- 01.10.2026 | 18:00 Winterthur, Kino Cameo Premiere – mit Maria Kaur Bedi
- 06.10.2026 | 18:00 St.Gallen, KinoK Premiere – mit Maria Kaur Bedi
- 07.10.2026 | 18:30 Wattwil, Kino PasserellePremiere – mit Maria Kaur Bedi
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