WHILE THE GREEN GRASS GROWS (Parts I-VII) von Peter Mettler

Ich brauchte eine Weile, um zu merken, dass ich nicht wirklich über Nacht die Fähigkeit entwickelt habe, die Sprache der Krähen zu verstehen. Als lebenslanger Kinogänger lese ich Untertitel meist unbewusst. Und so war ich zunächst nicht erstaunt darüber, dass mir der Dialog dieser Vögel im dritten Teil von Peter Mettlers filmischem Tagebuch einfach so zuflog. Erst als einer von ihnen nach einem Glas Gin verlangte, wurde ich stutzig:

«Wozu all das Krächzen?»
«Um die Leute vor dem Tod zu warnen.»
«Das wird ihnen nicht helfen oder sie glücklich machen.»
«Wozu sie glücklich machen? Warum sollen wir sie nicht erschrecken?»
«Dann fallen sie doch den Priestern in die Hände.»

‚While the Green Grass Grows -Part 3: Truth and Consequence‘ © Maximage (Screenshot-Montage Sennhauser)

Über mehrere Jahre hinweg hat der Kanada-Schweizer für dieses Projekt gefilmt, ab 2019, dem Jahr, in dem seine Mutter starb. Im April 2023 zeigte er an den Visions du réel in Nyon die Teile 1 und 6 von While the Green Grass Grows als Work in Progress, nicht zuletzt in der Hoffnung, die Mittel aufzutreiben, um die vollen 420 Minuten aller sieben Teile fertigzustellen.

Das 166minütige amuse bouche gewann den Grand Prix des renommierten Schweizer Dokumentarfilmfestivals, und mein Blogtext von damals funktioniert immer noch bestens als Einführung in ein einzigartiges filmisch-poetisches Erlebnis.

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Letztes Jahr, an Peter Mettlers 67. Geburtstag am 7. September, feierte das Gesamtkunstwerk schliesslich seine Weltpremiere am Toronto International Film Festival und nun, ein knappes Jahr später, werden alle sieben Teile endlich auch in der Schweiz gezeigt, am Stück (mit Pausen), an mehreren Orten, an sorgfältig organisierten Anlässen (Liste und Daten am Ende des Textes).

Und was gibt es nun tatsächlich zu erleben? Ein monumentaler Dokumentarfilm? Ein episches Opus Magnum? Zum Glück nicht. All diese Begriffe, die von der schieren Filmlänge oder der investierten Zeit und Arbeit ausgehen, wirken lächerlich angesichts dieses ebenso sanften wie beharrlichen Kunstwerkes.

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Peter Mettler organisiert sein «filmisches Tagebuch» locker, aber insistent und konsequent anhand einiger Beobachtungen, die er zugleich hinterfragt und als roten Faden benutzt.

Da ist zunächst die Binsenwahrheit, dass für uns Menschen das Gras auf der anderen Seite oft grüner erscheint. Fernweh als Hoffnung und Versprechen, aber auch als Wahrnehmungsblockade, als Scheuklappe gegen das Hier und Jetzt, das Erleben im Moment.

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Der Film bedient beides, mit Aufnahmen von Kanada, New Mexico, aus der Schweiz, La Gomera, Kuba, aus dem Garten hinter dem Haus von Mettlers Eltern in Toronto und vielen anderen Orten. Schliesslich ist Peter Mettler nicht bloss Dokumentarfilmer, sondern auch ein exzellenter und obsessiver Kameramann, seit vielen Jahrzehnten. Alte Filmrollen aus dem Keller bringen vergangene Begegnungen in die filmische Gegenwart, mit dem Dalai Lama, mit der Mutter, dem Vater von früher.

Ein zweites Organisationsprinzip von WTGGG ist der Weg des Wassers. Den Weg des geringsten Widerstandes nennt es Mettler, im ersten Teil, angesichts der vielen Rinnsale, Bäche, Wasserfällchen im Rheintal, welche sich seit tausenden von Jahren unaufhaltsam ihren Weg suchen, dabei Spektakel formen wie den Rheinfall bei Schaffhausen (wo Peter Mettler einen Namensvetter besucht, der seit Jahrzehnten Rheinfallgemälde sammelt). Zugleich befindet sich das Wasser dieser Welt im permanenten Kreislauf.

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Auch Fehler sind Organisationshilfen. Nur wer sich ab und zu täuscht, findet überhaupt neue Wege oder Ideen. Das demonstriert Mettler mehrfach, am deutlichsten mit einem Fehlgriff am Klavier, am persönlichsten mit dem eindringlichen Erlebnis einer neurologischen Störung, die ihn zuerst in ein Schweizer Spital führt und dann in die Reha in Valens, wo ihn der Arzt davon überzeugt, dass das menschliche Gehirn de facto unfähig ist, Zufall zu generieren.

Dafür erzeugen wir andauernd «meaning», Bedeutung, aus allen unseren Wahrnehmungsverknüpfungen, weil wir nur darüber miteinander kommunizieren können. Und wenn der gleiche Arzt mit Begeisterung und schweren Steinen im Gebirgsbach das Wasser ein wenig umleitet, kommen gleich wieder alle Mettlerschen Film-Organisationsprinzipien beispielhaft zum Vorschein, vom Weg des geringsten Widerstandes bis zum ewigen Kreislauf.

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«There are no endings» ist einer der Schlüsse, die Mettler im letzten Teil mit dem Titel «Tiny Speck» – winziges Pünktchen – aufgehen. Nachdem er sich in Teil eins von seiner Mutter verabschiedet hat, und in mehreren der Teile den Vater beim Altern und schliesslich in den Tod begleitet hat.

Auch hier ist WTGGG sein eigener Zirkelschluss, Illustration, These und Beweis zugleich. Die früheren Aufnahmen mit den Eltern tauchen wieder auf, Mettler spielt sie dem sterbenden Vater im Spitalbett via Laptop vor, die Vergangenheit mischt sich mit der Zukunft des nahenden Todes zu einem Hier und Jetzt, das für uns im Kino wiederum Erlebnisgegenwart und festgehaltene (fremde) Vergangenheit erzeugt.

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Peter Mettler verweist im Film mehrfach darauf, dass das Filmen seine Art sei, mit der Welt umzugehen. Er verknüpft Ideen und Technik, spielt mit 3D-Modellen, etwa vom Inneren des Elternhauses, das wir in belebten Zeiten mit den Eltern zu sehen bekommen, aber auch als geräumte Leerstelle, mit den Abdrücken der abgehängten Uhren und Bildern an den Wänden. Oder mit der KI-generierten Stimme seines Vaters, die einen Text vorliest, welchen dieser in jungen Jahren geschrieben hat, und den Mettler beim Räumen des Hauses entdeckt hat.

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Technik ist Hilfsmittel, wie die Kamera, mit der sich Mettler seit seiner Jugend die Welt einverleibt und auf Distanz hält. Er spielt auch einen Ausschnitt aus seinem ersten Film ein, mit dem Hinweis, dass es wohl zutreffe, dass jeder Filmkünstler im Grunde immer wieder den gleichen, seinen, Film mache.

Mettler projiziert und provoziert, er spielt, er taucht ein, er lässt eine Kollegin in Kuba unter Wasser durch einen Pool gehen und er stellt sie später, trickreich oder real, an den vereisten Waldrand.

Und zu allem, über allem, steht die Tatsache, dass Peter Mettler auch ein grossartiger Kameramann ist, ein Bilderfinder und Bilderzauberer, der sich so gut wie immer dem künstlichen Pathos entzieht, der durchaus zugelassenen Esoterik, dem Raunen, den Andeutungen, den Vermutungen.

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Die wahrhaft atemberaubenden Momente in diesem Film sind nicht gemacht, sondern gefunden, eingefangen, erkannt und ins Bild gerückt.

Denn, wie es Mettler im letzten Teil handschriftlich kurz quer über die Leinwand schreibt: «And the green grass grows all around».

Wer sich also in den nächsten Tagen einen Tag freihält, um die 420 Minuten dieses siebenteiligen, kurzweiligen, ernsthaft ironischen, suchenden, findenden, bescheiden egozentrisch allgemeingültigen Leinwandbilderbuches einzuverleiben, die oder der sitzt über kurz oder lang mitten im grünen Gras der eigenen Spielwiese. Staunend, kopfschüttlend, bisweilen schläfrig verträumt. Vor allem aber: Gut aufgehoben.

(Mausklick) Die Kinotourneedaten von Peter Mettler mit WTGGG

WHILE THE GREEN GRASS GROWS: A Diary in Seven Parts, ein siebenstündiges filmisches Tagebuch in sieben Kapiteln. Es wird auf einer Special Event Tour in acht Arthouse Kinos in der gesamten Schweiz gezeigt.

Der Film wird an einem Tag in zwei Blöcken gezeigt, zwischen den Blöcken gibt es eine Stunde Pause. Peter Mettler wird die Vorführung begleiten und in der Pause und am Ende des Films im Gespräch sein mit dem Publikum.

  • Rex, Bern: 3.10., 12.30-21.30
  • Cinématographe, Lausanne: 4.10., 11-20
  • Xenix, Zürich: 10.10, 12.30-21.30
  • Kinok, St.Gallen: 25.10, 10.30-19.30
  • Royal, Sainte Croix: 1.11., 11-20
  • Stadtkino, Basel: 7.11., 14.15-23
  • Stattkino, Luzern: 14.11., 12.30-21.30
  • Korso, Fribourg: 28.11., 12.30-21.30


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