LA HIJA CÓNDOR von Álvaro Olmos Torrico

Clara (Marisol Vallejo Montaño) und Ana (María Magdalena Sanizo) © trigon

In den bolivianischen Anden, auf 3304 Metern über Meer liegt der Ort Totorani. Dort hat der bolivianische Filmemacher Álvaro Olmos Torrico auf einer seiner Reisen eine Quechua-Hebamme kennengelernt, die letzte ihrer Art, in einer kleinen Gemeinschaft, welche zunehmend kleiner wird. Er hat sie mehrfach besucht und konnte sich schliesslich mit ihr verständigen, obwohl er selber kein Quechua spricht. Als sie starb, nahm er das zum Anlass für seinen zweiten Spielfilm.

Die Ana des Films, die alte Hebamme mit ihrer Schülerin und Ziehtochter Clara, ist das Herz, ein Hort alten Wissens, und für viele in der kleinen Gemeinschaft der Mensch, dem sie als erstes in ihrem Leben begegnet sind. Ana verkörpert die verschwindenden Gemeinsamkeiten in einer Welt, die von aussen bedrängt und geöffnet wird. „LA HIJA CÓNDOR von Álvaro Olmos Torrico“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 26 – 2026

Das innere Feuer von ‚Cosmos‘ © Sister Distribution

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Cosmos von Germinal Roaux. Begegnung der Gegensätze in Yucatán, in leuchtend eindringlichem Schwarzweiss. Leben und Sterben in Schönheit.
  2. Fuori von Mario Martone. Ein faszinierender Tauchgang in Frauenfreundschaften im Rom der 1980er, nach Goliarda Sapienza.
  3. Solomamma von Janicke Askevold. Um ihren kleinen Sohn besser zu verstehen, sucht Edith den unangebrachten Blick auf den anonymen Samenspender.
  4. Love on Trial von Koji Fukada. Eine J-Pop-Sängerin verliebt sich und wird darauf wegen Vertragsbruchs von ihrer Music-Corporation verklagt. Einblicke in eine durchgetaktet sexistische Welt.
  5. Sonderfall – En terrain neutre von Stéphane Goël & Mehdi Atmani. Eine amüsante und instruktive dokumentarische Enquête in das Wesen, die Geschichte, Möglichkeiten und Grenzen der Schweizer Neutralitätspolitik.

COSMOS von Germinal Roaux

León (Andrés Catzín) © Sister Distribution

Es ist unglaublich, wie stark diese schwarzweissen Bilder leuchten. Als Fotograf ist Germinal Roaux in dieser essentiell reduzierten Welt zuhause, die nur auf der Netzhaut existiert und sich direkt ins Gefühl einbrennt. Das Bild dafür stellt er an den Anfang von Cosmos, einen Baum auf einem dschungelartigen Hügel, aus dessen Stamm von innen heraus kleine Flammen schlagen, flüssig tropfendes Licht.

Im ländlichen Yucatán, in dem dieser Auftaktbaum zu totemartigem Leben erwacht, wie eine Prélude zu einer Pastorale, werden sich die sterbenskranke Literaturprofessorin Lena und der indigene, illiterate Maya-Kleinbauer León im Verlauf der 152 fiebertraumruhigschönen Minuten von Cosmos finden, verbinden und verabschieden. „COSMOS von Germinal Roaux“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 25 – 2026

Elodie, Valeria Golino und Matilda De Angelis in ‚Fuori‘ © xenix

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Fuori von Mario Martone. Ein faszinierender Tauchgang in Frauenfreundschaften im Rom der 1980er, nach Goliarda Sapienza.
  2. Solomamma von Janicke Askevold. Um ihren kleinen Sohn besser zu verstehen, sucht Edith den unangebrachten Blick auf den anonymen Samenspender.
  3. Le lac von Fabrice Aragno. Mann, Frau, See, Boot. Reduced to the Max.
  4. Love on Trial von Koji Fukada. Eine J-Pop-Sängerin verliebt sich und wird darauf wegen Vertragsbruchs von ihrer Music-Corporation verklagt. Einblicke in eine durchgetaktet sexistische Welt.
  5. Sonderfall – En terrain neutre von Stéphane Goël & Mehdi Atmani. Eine amüsante und instruktive dokumentarische Enquête in das Wesen, die Geschichte, Möglichkeiten und Grenzen der Schweizer Neutralitätspolitik.

VON DEM, WAS BLEIBT von Lisa Blatter

Selma (Carla Juri) und Nori (Dashmir Ristemi) © Outside the Box

Nori findet sich verletzt und ohne Erinnerung an die letzten Stunden im Park wieder. Die Frühstücksgipfel, die er für sich und seine Freundin gekauft hat, sind bereits in der Wohnung. Und statt der schwangeren Selma findet er blutige Bettwäsche.

Amnesie-Geschichten und das Kino sind zweieiige Zwillinge; kein anderer Plot-Device ist näher an den Erzählmöglichkeiten der Montage. Und vom «Filmriss» reden wir im Alltag, um jenen Moment des Aussetzens der Erinnerungen zu bezeichnen. „VON DEM, WAS BLEIBT von Lisa Blatter“ weiterlesen

FUORI von Mario Martone

Roberta (Matilda De Angelis), Goliarda (Valeria Golino) © xenix

Auch wenn die Italianità für das nördliche Europa einst eher ein Lebensgefühl bezeichnete: Heute steckt die historische Exotik des Landes in seiner durchgängigen intellektuellen, linken, antifaschistischen, faschistischen, terroristischen und mafiösen Verästelung, in all diesen paradoxen Gleichzeitigkeiten.

Die Schauspielerin und Autorin Goliarda Sapienza, ihre das 20. Jahrhundert umfassende Familiengeschichte und vor allem ihre Bücher gehören zu diesem Mycel aus Ideen, Leidenschaften und politischen Widersprüchen; die Geschichte ihrer kurzen Inhaftierung im Frauengefängnis Rebibbia und ihrer dort entstandenen Freundschaften mit anderen gefangenen Frauen bilden die Basis für Mario Martones jüngsten Film.

Fuori heisst Martones faszinierender Tauchgang in die 1980er Jahre in Rom. Das Drehbuch hat er gemeinsam mit seiner Frau Ippolita di Mayo geschrieben, auf der Basis von Sapienzas Romanen «L’universitá di Rebibbia» and «Le certezze del dubbio». Und der Film zeichnet sich nicht zuletzt über das aus, was er gezielt alles nicht ist, obwohl er es hätte sein können. „FUORI von Mario Martone“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 24 – 2026

‚Solomamma‘ Edith (Lisa Loven Kongsli) mit Niels (Herbert Nordrum) © frenetic

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Solomamma von Janicke Askevold. Um ihren kleinen Sohn besser zu verstehen, sucht Edith den unangebrachten Blick auf den anonymen Samenspender.
  2. Le lac von Fabrice Aragno. Mann, Frau, See, Boot. Reduced to the Max.
  3. Love on Trial von Koji Fukada. Eine J-Pop-Sängerin verliebt sich und wird darauf wegen Vertragsbruchs von ihrer Music-Corporation verklagt. Einblicke in eine durchgetaktet sexistische Welt.
  4. Sonderfall – En terrain neutre von Stéphane Goël & Mehdi Atmani. Eine amüsante und instruktive dokumentarische Enquête in das Wesen, die Geschichte, Möglichkeiten und Grenzen der Schweizer Neutralitätspolitik.
  5. Renoir von Chie Hayakawa. Eine Elfjährige bekämpft die eigenen Nöte um das Sterben ihres Vaters, indem sie andere aus der Verdrängung holt. Ein liebevoll furchtloser Film aus Japan.

LE LAC von Fabrice Aragno

Dieser Blogbeitrag ist eine erweiterte und überarbeitete Version meiner kurzen Filmbesprechung für die Schweizer Seiten von DIE ZEIT vom 11. Juni 2026

© adok films

Mann, Frau, Boot, See. Dokumentarische Fiktion. Ein maximal minimalisiertes Konzept.

Im Gefolge des letzten grossen 3D-Hypes im Kino, ausgelöst durch James Camerons Avatar und eine beispiellose Studiokampagne, die für ein paar Jahre sogar 3D-Fernseher in die Läden brachte, hat sich nicht nur Wim Wenders um einen sinnvollen Einsatz der Technik bemüht. Auch Jean-Luc Godard hat für eine Weile mit den Möglichkeiten – und vor allem den Unmöglichkeiten – des Präsentationsformates gespielt. „LE LAC von Fabrice Aragno“ weiterlesen

SOLOMAMMA von Janicke Askevold

Edith (Lisa Loven Kongsli) © frenetic

Die Suche von Teenagern oder jungen Erwachsenen nach einem unbekannten biologischen Elternteil ist ein dramatischer und cinematischer Topos, von allen Varianten auf Kästners doppeltes Lottchen bis zu Mike Leighs Secrets & Lies (1996), oder auch Stoff für Komödien wie Flirting with Disaster von David O. Russell (ebenfalls 1996).

Die in Paris ausgebildete norwegische Schauspielerin und Regisseurin Janicke Askevold hat nun die komplexen menschlichen Sehnsüchte hinter diesem Wunsch nach definierter Herkunft in einen sehr erwachsenen Film gepackt. „SOLOMAMMA von Janicke Askevold“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 23 – 2026

‚Love on Trial‘: Ein Moment der Solidarität für Mai © trigon

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Love on Trial von Koji Fukada. Eine J-Pop-Sängerin verliebt sich und wird darauf wegen Vertragsbruchs von ihrer Music-Corporation verklagt. Einblicke in eine durchgetaktet sexistische Welt.
  2. Sonderfall – En terrain neutre von Stéphane Goël & Mehdi Atmani. Eine amüsante und instruktive dokumentarische Enquête in das Wesen, die Geschichte, Möglichkeiten und Grenzen der Schweizer Neutralitätspolitik.
  3. Renoir von Chie Hayakawa. Eine Elfjährige bekämpft die eigenen Nöte um das Sterben ihres Vaters, indem sie andere aus der Verdrängung holt. Ein liebevoll furchtloser Film aus Japan.
  4. Plüss von Martin Albisetti. Eine Hommage an  die Stadt Biel / Bienne in lyrischem Schwarzweiss, voll mit zeitlos zufriedener Melancholie. Und Max Rüdlinger.
  5. Rose von Markus Schleinzer. Sandra Hüller als Frau, die sich als heimkehrender Soldat ausgibt, im 30jährigen Krieg. Atmosphärisch, metaphorisch, konkret gegendert und emotional bestechend.