Der personifizierte Service public
BZ – ZEITUNG FÜR DIE REGION BASEL vom 21. Januar 2026
Von Alfred Schlienger
Der Basler Filmkritiker Michael Sennhauser wird an den Solothurner Filmtagen mit dem Prix d’honneur 2026 ausgezeichnet. Eine hochverdiente Ehrung für einen Filmenthusiasten der Sonderklasse.
Es gibt wohl nicht viele Menschen, die mehr Filme gesehen haben als Michael Sennhauser. Es sind mehr als 300 pro Jahr. In über 30 Berufsjahren als Filmkritiker sind da gut und gern um die 10’000 Filme zusammengekommen. Und sicher gibt es nur wenige Menschen, die in so vielen und verschiedenen Medien Filme besprochen haben, in Tages- und Wochenzeitungen, in Fachpublikationen und über viele Jahre hinweg sehr prägend vor allem auch im öffentlichen Radio und Fernsehen.
Aber nicht die Masse macht’s. Es ist die Qualität, die Freude, ja, die Leidenschaft, mit der hier einer sein ganzes Berufsleben der siebten Kunst widmet, die einen staunen lässt. Michael Sennhauser wirkt nie belehrend, besserwisserisch oder vernichtend in seinen Kritiken. Er teilt vielmehr seine Freude am fantastischen Medium Film einfach mit seinem Publikum und bietet dazu kluge, kritische Einordnungen, Bezugspunkte, Hintergründe. Michael Sennhauser ist so zu einer Institution der Verlässlichkeit in allen Fragen um Film und Kino geworden.
Erstaunlich war schon sein Einstieg ins Filmmetier. Nach zwei Jahren freier Mitarbeit erkämpfte er sich als Jungspund, kaum dem Studium entronnen, bei Mathis Lüdin, dem damaligen Verleger der bz, eine wöchentliche Filmseite, die bald weit über die Region hinaus Beachtung fand.
Die erste bz-Filmseite erschien am 4. September 1992, und die Druckplatte dafür hängt seither in Sennhausers Büro. Noch erstaunlicher, was diese erste Seite alles enthält: Der Haupttext ist Tarantinos erstem Film «Reservoir Dogs» gewidmet, darin schon alle Sennhauser-Merkmale: Der Kennerblick aufs ganz freche Neue und mit viel Witz und Ironie gespickt. Und darüber hinaus bietet die Seite elf weitere Kurzbesprechungen samt Hinweisen aufs Stadtkino-Programm und das Neue Kino in Kleinhüningen. Was waren das für Zeiten!
Kurz: Michael Sennhauser ist so etwas wie der personifizierte Service public. Es geht in seiner Arbeit nicht um ihn, sondern um die Sache – und ums Publikum, dem er zuverlässige, aber durchaus persönlich geprägte Informationen und Einschätzungen liefern will. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich über zwei Jahrzehnte lang gut aufgehoben gefühlt hat bei einer Institution wie SRF, die sich in ihren Ressorts immer noch spezialisierte Fachredaktoren leistet.
Im vorletzten Herbst hat sich der Filmenthusiast vorzeitig bei SRF pensionieren lassen. Aber seinen persönlichen Sennhauser-Filmblog führt er glücklicherweise unverdrossen weiter. Das hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem wahren Archiv von unschätzbarem Wert mit Tausenden von Filmbeiträgen entwickelt und generiert heute täglich Hunderte von Aufrufen. Auch die junge Kulturplattform «Cültür» bezieht sich in Fragen des Films auf die Expertise des Basler Filmkritikers im Unruhestand.
Michael Sennhauser, was hat Sie als jungen Menschen ins Kino getrieben – und dann einen lebenslangen beruflichen Filmliebhaber aus Ihnen gemacht?
Ich bin als Akademiker-Kind mit Büchern aufgewachsen und ohne Fernseher. Film und Kino-Besuch boten mir mit beginnender Pubertät die Chance, die Weltlust der Lektüre auf ein Medium zu transferieren, das ich mir ganz zu eigen machen konnte, an allen elterlichen Massstäben vorbei.
Wie hält man sich bei diesem Quantum an Filmgeschichten, die Ihnen permanent durch die Sinne rauschen, die Neugier wach?
Wenn die Filme gut sind, verweben sie sich mit allen anderen zu dem Stoff, mit dem ich mir die Welt erkläre. Und wenn sie nicht so gut sind, funktionieren sie als Erinnerung an die Guten.
Welches sind für Sie die drei wichtigsten Kriterien zur Beurteilung eines Films?
Funktioniert der Film? Erreicht er seine eigenen Ziele und das angepeilte Publikum?
Tut er das auf originelle oder überraschende Art? Oder zumindest handwerklich solide?
Fordert er mich heraus, befriedigt er mich oder lässt er mich indifferent?
Und wenn ich noch mehr reduziere und auf die Gegenseite des filmischen Austauschprozesses wechsle: Welches der zahllosen filmischen Gestaltungsmittel betrachten Sie als das entscheidende, das wirkungsmächtigste?
Zuerst die Bildgestaltung. Von manchen Filmen brennt sich in die Erinnerung ein einzelnes Bild ein, fast wie ein Gemälde. Dann aber gleich die Montage, der Schnitt, die Steuerung meiner Wahrnehmung.
Gibt es Filme und Handschriften, für die Sie besonders brennen?
Filme, die ihren eigenen Mythos gleichzeitig schaffen und reflektieren. Man könnte auch sagen: Filme, denen ich unter die Motorhaube blicken kann. «C’era una volta il West» von Sergio Leone, «Apocalypse Now» von Francis Ford Coppola, «Le magnifique» von Philippe de Broca, «Melancholia» von Lars von Trier, «Andrej Rublow» von Andrei Tarkowski.
Man kann den berechtigten Anspruch haben, anders aus einem Kino rauszukommen als man hineingegangen ist. Können Sie uns in diesem Sinn vielleicht drei Filme nennen, die sie besonders geprägt oder sogar verändert haben?
John Boormans «Excalibur», «Stellet Licht» von Carlos Reygadas und «Apocalypse Now».
Haben Sie Lieblingsschauspieler:innen und worauf achten Sie bei ihnen am meisten?
Isabelle Huppert, Jennifer Lawrence, Emma Thompson, Jean-Paul Belmondo, Albert Finney, Josh O’Connor : Sie kombinieren Charisma und Schauspielkunst, sind auf der Leinwand Chimären aus der dargestellten Figur und ihrer öffentlichen Persona.
Die französische «Nouvelle vague» war dadurch geprägt, dass renommierte Filmkritiker wie Godard und Truffaut ins Regiefach gewechselt haben. Hat Sie ein solcher Seitenwechsel nie gereizt?
Nein. Ich könnte meine Ansprüche an mich da nie erfüllen. Auch, weil ich im Alltag bei der Arbeit auch mit mir sehr nachsichtig umgehe.
In vielen Medien degeneriert die Filmberichterstattung zum reinen Star-Hype. Warum lassen sich das auch qualifizierte Fachleute gefallen, solche der reinen Promotion dienenden Texte zu verfassen?
Kein kommerzielles Medium bezahlt Filmjournalisten die Festivalspesen, damit die über unbekannte Filme berichten.
Sie sagten kürzlich mal, die grossen Medienhäuser hätten gar kein Interesse, dass eine solide Kultur- und Filmberichterstattung funktioniert. Woraus leiten Sie das ab?
Ich meine damit den Klickzahlenfetischismus moderner Redaktionen. Alle jagen Frontpage-Aufmerksamkeit per Beitrag. Dabei wäre mit solider, zuverlässiger Berichterstattung über Jahre hinweg ein Publikum aufzubauen und zu halten. Viele Fachredaktionen mit kleinem, aber treuem Publikum aggregieren über Monate und Jahre Klicks. Mein Blog zieht mit seinen 3500 über 17 Jahre hinweg publizierten Artikeln selbst dann ein tägliches Grundpublikum an, wenn ich eine Weile nichts Neues publiziere.
Andrerseits wirft man dem Kulturjournalismus manchmal auch vor, er sei zu anwaltschaftlich, kämpfe also quasi parteiisch für das kritisch zu betrachtende Kunstprodukt und seine Wahrnehmung. Ist das ein echtes Dilemma?
Gemessen an den Kriterien des Newsjournalismus: ja. Als Filmjournalist hat mich das allerdings nur dann betroffen, wenn ich beim Benennen institutioneller Missstände gezögert habe, um den Kulturfeinden keine Munition zu liefern. Das kam selten vor.
Sie sind bekannt dafür, dass Sie kaum Verrisse schreiben. Ich versuche es mal so: Welches ist für Sie der am meisten überbewertete Film?
Über die Filmgeschichte hinweg betrachtet: «Citizen Kane» von Orson Welles. Der blieb jahrzehntelang Kritikerfavorit, weil er zu seiner Zeit innovativ und originell war. Kanonbildung nach literarischen Kriterien ist heikel bei einem vergleichsweise jungen Medium, das sich rasend schnell weiterentwickelt.
Unter den beliebten Publikumsfilmen: «Forrest Gump». Weil der rührende Simplizissimus-Effekt ein reaktionäres Drehbuch kaschiert.
Ein anderer Filmkenner hat mal gesagt, «Netflix» sei ein schwarzes Loch, das durch die schiere Masse und Unübersichtlichkeit Filme verschlucke. Ein realistisches Bild oder eine zu düstere Vision?
«Netflix» war in den USA für kurze Zeit Klassiker-Mediathek und Innovationstreiber zugleich. Bei uns nie, weil der ganze Klassikerkatalog in Europa für keinen Anbieter erschwinglich ist (anders als bei den Musik-Streamern). Heute ist «Netflix» global das schwarze Loch, das überall mehr vom Gleichen in lokalisierten Varianten produziert.
In welche Richtung wird sich der Film und das Kino in Zukunft entwickeln? Und können Sie uns da vielleicht vor etwas warnen?
Das Kino als Ort driftet in drei Richtungen: Spektakel-Stätten für ein paar wenige möglichst grosse Gemeinschaftserlebnisse pro Jahr. Die Studio-Miniplexe für ein kleiner und älter werdendes Stammpublikum. Und schliesslich die subventionierten kommunalen Kinos mit Cinémathèque-Anbindung und institutionellem Auftrag zur Bewahrung des Filmerbes.
Gleichzeitig explodieren die neuen kommerziellen Heim- und Handheld-Videospielformate der Streaming-Plattformen. Die Langformate werden auf Hintergrundtauglichkeit getrimmt, also für minimierte Aufmerksamkeit. Und Plattformen wie Tiktok werden seit ein paar Monaten mit aufwändig gemachten asiatischen Fortsetzungsformaten in pendlerfreundlichen Kurzportionen geflutet, die an die Frühzeit der Fernseh-Soaps erinnern.
Deuten Sie damit eine Ende des generationenübergreifenden Kinos als Treffpunkt des gemeinsamen Sinnen- und Erlebnisrausches zu ästhetisch und gesellschaftlich wichtigen Fragen des menschlichen Zusammenlebens an, ähnlich wie auch die Theater dabei sind, diese Funktion zunehmend zu verlieren?
Ganz so pessimistisch sehe ich das nicht. Einerseits gehören im kommerziellen Kino die sogenannten Familienfilme, also etwa Disney-Kisten wie aktuell «Zootopia 2» nach wie vor zu den lukrativsten Produktionen. Und auf der anderen Seite sehe ich gerade in Spielstätten wie dem Basler Stadtkino, dem Rex in Bern oder dem Filmpodium in Zürich viele jüngere Menschen, welche sich nach wie vor für die Geschichte des Kinos interessieren, auch im Austausch mit der älteren Generation. Zudem ist der Begeisterungstransfer zwischen den neuen Small-Screen-Kurzformaten und dem maximalen Kinoerlebnis noch immer möglich. Wohl auch darum, weil Film und Kino viel weniger als Literatur und Theater zu bildungsbürgerlichen Zwangsinstitutionen geworden sind.



