BOWLING SATURNE von Patricia Mazuy

Bowling Saturne © Ex Nihilo – Les Films du fleuve

Du meine Güte, diese Symbolik! Da haben wir den Polizisten Guillaume, der von seinem verstorbenen Vater die Bowling-Alley geerbt hat, in der sich immer noch dessen Grosswildjäger-Kumpane treffen.

Guillaume bietet die Geschäftsführung der Kegelbahn seinem Halbbruder Armand an. Weil er ein schlechtes Gewissen hat, weil der Vater den unehelichen Sohn ignoriert hat. „BOWLING SATURNE von Patricia Mazuy“ weiterlesen

NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição

© Terratreme Films

Chiaroscuro – dunkle Bilder mit leuchtenden Farbtupfern darin… das portugiesische Kino unterscheidet sich nicht nur durch die Sprache vom restlichen Filmschaffen der Welt. Es arbeitet auch härter an der historischen Vergangenheit als jede andere Cinématographie.

Carlos Conceição kam 1979 in Angola zur Welt, fünf Jahre nachdem die Portugiesen mit der Nelkenrevolution nicht nur die Diktatur beendet hatten, sondern auch die Zeit der Kolonialmacht Portugal. „NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição“ weiterlesen

STONE TURTLE von Ming Jin Woo

Zahara (Asmara Abigail) und ihr Wicker Man © Greenlight Pictures

Eine Rache-Geschichte in Endlosschleife. Nicht traditionell, sondern fast wörtlich. Denn wenn Zahara im Boot liegend von ihrer kleinen Nichte geweckt wird, fängt der Tag wieder an, der Ausflug von der Insel aufs Festland, um dem Waisenmädchen die Papiere für den Schuleintritt zu verschaffen.

Warum die papierlose Zahara mit der Kleinen auf dieser winzigen malaysischen Insel lebt, und wer die anderen Frauen sind, die manchmal auftauchen, oft aber auch nicht, das erklärt sich erst nach etlichen Schleifen. „STONE TURTLE von Ming Jin Woo“ weiterlesen

ARIYIPPU von Mahesh Narayanan

Divyah Prabha, Kunchacko Boban

Ein sozial engagiertes indisches Drama, das in seiner moralischen Anlage an die Filme der Dardenne Brüder erinnert. Vor vierzig Jahren wäre das ein doppelt unsinniger Satz gewesen.

Weil da einerseits noch kaum jemand die Dardennes kannte. Und weil anderseits auch in den Schweizer Studiofilm-Kreisen nicht Bollywood und Hindi-Melodram dominierten, sondern, zum Beispiel, Satyajit RayMrinal Sen oder Ritwik Ghatak. „ARIYIPPU von Mahesh Narayanan“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 31 – 2022

Virginie Efira, Romain Duris ‚En attendant Bojangles‘ © Pathé Films

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. En attendant Bojangles von Régis Roinsard. Begeisternd manisch, bestürzend depressiv, wunderbar melodramatisch: Achterbahnkino um eine grosse Liebe.
  2. Hatching von Hanna Bergholm. Die 12jährige Tinja brütet etwas aus. Ein augenzwinkernder Horrorfilm, der Influencer-Satire mit wild aufblühender Weiblichkeit kombiniert.
  3. Pushing Boundaries von Lesia Kordonets. Die Mitglieder des ukrainischen Paralympics-Teams möchten an ihre Grenzen gehen – aber Russland zieht eine Grenze zwischen ihnen und ihrem Trainingszentrum. Die Folgejahre der Krim-Annexion erzählt dieser CH-Dok als leidenschaftliches Wettkampf-Drama mit einer Prise Galgenhumor.
  4. Men von Alex Garland. Toxische Männlichkeit, erlebt von einer Frau, als Horrortrip inszeniert von einem Mann. Und die «Men» des Titels werden alle von einem einzigen gespielt. Raffiniert, kunstvoll, plakativ.
  5. Illusions perdues von Xavier Giovannoli. Frei nach Balzac. Die grandiose Gesellschaftssatire spiegelt unsere Medien-Welt im 19. Jahrhundert.

BULLET TRAIN von David Leitch

Brian Tyree Henry und Brad Pitt © Sony

Das laute Knallen über der Piazza Grande von Locarno war dem diesjährigen Eröffnungsfilm zu verdanken. Ja, Bullet Train ist ein pyro- und kampftechnisches Feuerwerk mit genügend ballistischen Einlagen, um die Ausgaben von rund 90 Millionen Dollar für die Produktion wieder einzuspielen.

Aber der grösste Knall zum Auftakt dieser 75. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno war dann wohl doch das Platzen der Seifenblase – denn mehr ist Bullet Train beim besten Willen nicht. „BULLET TRAIN von David Leitch“ weiterlesen

EN ATTENDANT BOJANGLES von Régis Roinsard

‚En attendant Bojangles‘ Virginie Efira, Romain Duris © Pathé Films

Warten auf Bojangles – «En attendant Bojangles» – war der Debutroman von Olivier Bourdeaut, ein sofortiger Bestseller in Frankreich. Jetzt tanzt die leichtfüssige Geschichte einer depressionsgefährdeten grossen Liebe über die Leinwand. Der Film von Régis Roinsard ist grosses Kino, weil er den emotionalen Absturz achterbahnmässig aufbaut.

«Mr. Bojangles», der traurige Clown im Gefängnis, der mit seinen Sprüngen alle zum Lachen bringt, wurde seit den 1960er Jahren von allen Grossen besungen, von Sammy Davis jr. über Bob Dylan bis zu Nina Simone.

Bojangles steht nicht nur im Titel des Romans von Olivier Bourdeaut, er ist auch das perfekte Bild für himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, das die Geschichte einer ganz grossen manisch-depressiven Liebe prägt. In dieser Geschichte ist die von Virginie Efira gespielte Camille eine Art Bojangles.

Virginie Efira, Romain Duris © Pathé Films

Régis Roinsard beginnt seinen Film auf dem absoluten manischen Höhepunkt. Der von Romain Duris gespielte Garagenbesitzer Georges Fouquet verliebt sich in Camille, als diese an einem mondänen Fest voll bekleidet ins Wasser springt. Beide lieben das Spiel mit dem Schein; sie spielen für sich gegenseitig die verrücktesten Figuren, mit den absolutesten Ansprüchen an das Leben, die Liebe und die Leidenschaft.

Vor allem Camille will nichts wissen von den banaleren Seiten des Alltags. Die beiden heiraten, bekommen einen Sohn und leben im permanenten Rausch des Feierns und Tanzens.

Natürlich geht es nicht lang, bis man sich als Zuschauer fragt, wo denn die Realität im Leben dieses Paares bleibt. Camille ist die Königin des Ausblendens, was nicht passt, wird ignoriert, seien es die Rechnungen, die sich in der Wohnungsecke stapeln oder die geregelten Ansprüche der Schule an die Erziehung des Sohnes – aus dessen Perspektive die Geschichte auch zunehmend erzählt wird.

Virginie Efira, Solan Machado-Graner, © Pathé Films

Camilles charmante Verrücktheit ist mitreissend, nicht nur für ihren Mann und ihr Kind.

Er habe die Verrücktheit immer als etwas Fantastisches begriffen, sagt Regisseur Roinsard.

Und so präsentiert sich denn auch die erste Hälfte seines Films als mitreissende Utopie, als Feier der Liebe und der Lebensfreude. Bis Vater und Sohn bei Camille immer mehr Anzeichen heimlicher Trauer oder gar Verzweiflung bemerken.

Virginie Efira, Solan Machado-Graner, Romain Duris © Pathé Films

Camille ist, nüchtern betrachtet, manisch-depressiv. Und ihre Abgründe reissen ihren Mann und ihren Sohn schliesslich genauso mit, wie ihre Höhenflüge.

Diese Gefühlsachterbahn hat nicht nur den Roman getrieben, sie eignet sich auch perfekt für das Kino. Das ist in seiner intensivsten Ausprägung als Melodram ja grundsätzlich manisch-depressiv.

Den Kontrast von himmelhochjauchzend zum Absturz fängt im Film wie im Roman der Blick des erzählenden Sohnes auf. Er nimmt uns, im Rückblick, als Erwachsener, mit auf die Reise, die er überlebt hat, indem er auch die Höhenflüge seiner Eltern in Erinnerung behält.

En attendant Bojangles ist als Film darum mindestens so stark wie das Buch, weil Regisseur Roinsard das Kino hier ganz grundsätzlich als Achterbahn der Gefühle laufen lässt. Lachen und Weinen, das eine befeuert das andere.

Kinostart Deutschschweiz: 4. August 2022

Die Unverpassbaren, Woche 30 – 2022

‚Hatching‘ (Pahanhautoja) von Hanna Bergholm © Präsens Film

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Hatching von Hanna Bergholm. Die 12jährige Tinja brütet etwas aus. Ein augenzwinkernder Horrorfilm, der Influencer-Satire mit wild aufblühender Weiblichkeit kombiniert.
  2. Pushing Boundaries von Lesia Kordonets. Die Mitglieder des ukrainischen Paralympics-Teams möchten an ihre Grenzen gehen – aber Russland zieht eine Grenze zwischen ihnen und ihrem Trainingszentrum. Die Folgejahre der Krim-Annexion erzählt dieser CH-Dok als leidenschaftliches Wettkampf-Drama mit einer Prise Galgenhumor.
  3. Men von Alex Garland. Toxische Männlichkeit, erlebt von einer Frau, als Horrortrip inszeniert von einem Mann. Und die «Men» des Titels werden alle von einem einzigen gespielt. Raffiniert, kunstvoll, plakativ.
  4. Il buco von Michelangelo Frammartino. Die dialoglose Rekonstruktion einer italienischen Höhlenexpedition im Jahr 1961. Der Kinosaal wird zur Höhle. Man sieht im Dunkeln. Reine cineastische Immersion, visuell und akustisch betörend.
  5. Illusions perdues von Xavier Giovannoli. Frei nach Balzac. Die grandiose Gesellschaftssatire spiegelt unsere Medien-Welt im 19. Jahrhundert.

HATCHING von Hanna Bergholm

Siiri Solalinna in ‚Hatching‘ (Pahanhautoja) von Hanna Bergholm © Präsens Film

Mehr Regisseurinnen, das bedeutet auch mehr weibliche Perspektiven im Kino. Und dies nicht nur im progressiven Autorenfilm, sondern auch bei den grossen Disney-Kisten und im Genre-Kino. Jetzt läuft mit Hatching von der Finnin Hanna Bergholm ein augenzwinkernder Horrorfilm an, der Influencer-Satire mit aufblühender Weiblichkeit kombiniert. „HATCHING von Hanna Bergholm“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 29 – 2022

Rory Kinnear in ‚Men‘ von Alex Garland © Ascot-Elite

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Men von Alex Garland. Toxische Männlichkeit, erlebt von einer Frau, als Horrortrip inszeniert von einem Mann. Und die «Men» des Titels werden alle von einem einzigen gespielt. Raffiniert, kunstvoll, plakativ.
  2. Il buco von Michelangelo Frammartino. Die dialoglose Rekonstruktion einer italienischen Höhlenexpedition im Jahr 1961. Der Kinosaal wird zur Höhle. Man sieht im Dunkeln. Reine cineastische Immersion, visuell und akustisch betörend.
  3. Illusions perdues von Xavier Giovannoli. Frei nach Balzac. Die grandiose Gesellschaftssatire spiegelt unsere Medien-Welt im 19. Jahrhundert.
  4. Rien à foutre von Emmanuel Marre Julie Lecoustre. Adèle Exarchopoulos als Stewardess einer Billig-Airline: Always on the Run, schnell, ungebunden, ziellos und traurig.
  5. Dear Memories von Nahuel Lopez. Der alzheimerkranke Magnum-Fotograf Thomas Höpker fährt mit seiner Frau ein letztes mal im Wohnmobil quer durch die USA. Ein ungewöhnlicher Dokfilm über einen der grossen Fotoreporter des letzten Jahrhunderts.