NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter

Autor Martin Walder (mit Journalistenkollegin Ewa Hess und Matthias Lerf) an den Solothurner Filmtagen 2007; Foto © sennhauser

Am zwölften Februar 2025 ist Richard Dindo gestorben. Da war Martin Walder schon längst an der Arbeit, sein Buch über den Schweizer Dokumentarfilmer war nicht als Nachruf geplant. Morgen (Dienstag, 27. Januar 2026), also nicht ganz ein Jahr später, stellt Walder den Band im Rahmen einer Dindo-Hommage an den 61. Solothurner Filmtagen vor.

Einen «Streifzug durch seine Filme» nennt Martin Walder seinen knapp 150 Seiten starken Dindo-Band, und das löst er auf durchaus ein- und mitnehmende Art auch ein. Aber das Buch ist dann doch auch viel mehr. Denn Walder hat nicht nur einen guten Teil der noch immer erstaunlich spärlichen Sekundärliteratur zu Richard Dindos Werk auf- und eingearbeitet, er leistet auch selbst und sehr persönlich die Erinnerungsarbeit, deren Mechanik und Grundlagen er anhand von Dindos Œuvre zu systematisieren versucht. „NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter“ weiterlesen

À BRAS-LE-CORPS (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo

Paul (Thomas Doret) und Emma (Lila Gueneau) © outside-the-box

Schweizer Jura, 1943. Emma leidet unter der Schande, dass ihr Vater ihre Mutter nach einem Seitensprung aus dem Haus verbannt hat. Sie kümmert sich um die zwei kleinen Schwestern und arbeitet nebenbei im Pfarrhaus. Sie hat sich zögernd um den «Tugendpreis» der Kirchgemeinde beworben, um mit dem Geld in Genf eine Krankenschwesterlehre zu machen.

Dann wird sie bei einem Picknick-Ausflug von einem Genfer Freund der Pfarrersfamilie vergewaltigt. Sie ist so überrascht, dass sie sich nicht wehrt, und niemand von den anderen bemerkt etwas. „À BRAS-LE-CORPS (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo“ weiterlesen

Kino Cappuccino – Der Filmtagepodcast

Podcastaufnahme im Landhaus mit Martina Monzeglio Foto: Milena Re

Die Solothurner Filmtage honorieren die Filmkritik und öffnen gleichzeitig ein Fenster für Dialog und Förderung des Kulturjournalismus. Mit einem täglichen Podcast während der 61. Solothurner Filmtage schaffen sie einen Denkraum für Filmkritik und Austausch.

Michael Sennhauser diskutiert gemeinsam mit jungen Gesprächspartner:innen über das Kino, Kulturjournalismus und aktuelle Filme. Der Podcast wird in Kooperation mit Radio Bern RaBe ausgestrahlt und versteht sich als Beitrag zur Förderung unabhängiger Stimmen und zur Sichtbarkeit des Schweizer Films.

Zu hören sind die Folgen hier auf Spotify

Die Unverpassbaren, Woche 04 – 2026

Tony (Tony Leung Chiu-Wai) in ‚Silent Friend‘ © filmcoopi

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Silent Friend von Ildikó Enyedi. In drei verschiedenen Zeitperioden bemühen sich an der Universität Marburg Frauen und Männer um ein erweitertes Verständnis der Welt. Immer im Hintergrund: ein prächtiger Ginkgo-Baum.
  2. Jeunes mères von Jean-Pierre & Luc Dardenne. Vier junge Mütter kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Zukunft. Der erste Ensemblefilm der Dardennes packt dokumentarisch sozialdramatisch verdichtet wie eh und je.
  3. Eureka von Lisandro Alonso. Das Slow-Western Triptychon dekonstruiert Mythen indigen gespiegelt in eine süd- und eine nordamerikanische Gegenwart.
  4. Nacktgeld von Thomas Imbach. Schnitzlers Fräulein Else heisst jetzt Lili, und soll sich noch immer ausziehen, um ihren Vater zu retten. Ein empathischer, neugieriger, innovativer Film über 100 Jahre Lektüre hinweg direkt ins Herz.
  5. Father Mother Sister Brother von Jim Jarmusch. Familie ist alles. Das Schlimmste, das Beste. Eine schlitzohrige Abrechnung mit versöhnlichem Ausgang.

THE NARRATIVE von Martin Schilt & Bernard Weber

Kweku Mawuli Adoboli © moviebizfilm

Im September 2011 trat Oswald Grübel als CEO der UBS zurück (und machte Platz für Sergio Ermotti), nachdem der Bank der Skandal um ihre riesigen Verluste im Londoner Investmentbanking um die Ohren geflogen war. Aber es war ein anderer Name, der in den Medien zum Synonym des «Rogue Trader», zum skrupellosen Systemspekulanten gemacht wurde: Kweku Adoboli, ein freundlicher, wohlerzogener Ghanaer, der seine Schul- und Studienzeit in England absolviert hatte und mit 21 Jahren zur UBS gestossen war.

Adoboli wurde der Prozess gemacht, er wurde verurteilt, kam ins Gefängnis und wurde 2018 nach Ghana abgeschoben – obwohl sich im UK über 50’000 Menschen, die ihn eher als Whistleblower und Bauernopfer sahen, über eine Petition für ihn eingesetzt hatten.

Ein skrupelloser Einzeltäter hat das System ausgehebelt, der Bank war höchstens die Verletzung der Aufsichtspflicht vorzuwerfen. Das war die offizielle Story, The Narrative, welches der Dokumentarfilm von Martin Schilt und Bernard Weber einer detaillierten Überprüfung unterzieht. „THE NARRATIVE von Martin Schilt & Bernard Weber“ weiterlesen

SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi

Tony (Tony Leung Chiu-Wai) und der (die) Ginkgo Biloba © filmcoopi

Babies nähmen alle Umweltimpulse und Sinneseindrücke gleichzeitig wahr und würden sie auch so verarbeiten. Sie seien im Prinzip dauernd high, erklärt der von Tony Leung Chiu-Wai gespielte Neuro­wissen­schaftler bald nach Beginn des neuen Films der ungarischen Leinwandpoetin Ildikó Enyedi. Sehr zum Vergnügen seiner Studentinnen und Studenten an der Universität Marburg. Ein erwachsenes Gehirn müsste psychoaktiv stimuliert werden, etwa mit LSD, um von der antrainierten Monofokussierung wegzukommen.

Mit Stille Freundin (der Film ist eine deutsch-französisch-ungarische Koproduktion und wurde zum grössten Teil auf Deutsch in Deutschland gedreht) nimmt Ildikó Enyedi ihr Publikum behutsam mit auf so einen unwiderstehlichen Trip der aufgefächerten Perspektiven, in ein staunendes, lachendes, fröhlich-trotziges Baby-High.

Die Stille Freundin des Titels, ein prächtiger, riesiger Ginkgo-Baum im botanischen Garten von Marburg, ist das verbindende Element sich ergänzender Geschichten aus drei Jahrhunderten. «Ginkgo Biloba, 1832» steht auf dem Schildchen am Stamm des Baumes. „SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 03 – 2026

Randall (Rafi Pitts) in ‚Eureka‘ © Sister

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Jeunes mères von Jean-Pierre & Luc Dardenne. Vier junge Mütter kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Zukunft. Der erste Ensemblefilm der Dardennes packt dokumentarisch sozialdramatisch verdichtet wie eh und je.
  2. Eureka von Lisandro Alonso. Das Slow-Western Triptychon dekonstruiert Mythen indigen gespiegelt in eine süd- und eine nordamerikanische Gegenwart.
  3. Nacktgeld von Thomas Imbach. Schnitzlers Fräulein Else heisst jetzt Lili, und soll sich noch immer ausziehen, um ihren Vater zu retten. Ein empathischer, neugieriger, innovativer Film über 100 Jahre Lektüre hinweg direkt ins Herz.
  4. Father Mother Sister Brother von Jim Jarmusch. Familie ist alles. Das Schlimmste, das Beste. Eine schlitzohrige Abrechnung mit versöhnlichem Ausgang.
  5. Rebuilding von Max Walker-Silverman. Nichts bleibt, wie es ist. Nach der Brandkatastrophe findet der verschlossene Rancher Dusty Trost und Zukunft in der scheuen Öffnung zu anderen. Ein unsentimentaler Mutmacher.

DER MANN AUF DEM KIRCHTURM von Edwin Beeler

© Calypso Film AG

Edwin Beelers letzter grosser Kinodokumentarfilm war Hexenkinder von 2020. Daran erinnern die ersten Sätze und Bilder im neuen Film des Innerschweizers: «Im Haus des Kaminfegers wohnten drei Brüder. Es hiess, sie hätten schwarze Magie betrieben». Dazu zoomt die Kamera auf die eindrückliche Sepia-Fotografie dreier Männer beim Jassen mit Most. Sie sehen sehr harmlos aus, sehr schweizerisch, wäre da nicht der direkte Blick des mittleren Mannes. Mit weissem Rauschebart und Deckelpfeife scheint er dem Betrachter direkt in die Seele zu blicken.

Um so einen Blick in die Seele geht es Edwin Beeler. Der heute 68jährige spürt mit seinem neuen Dokumentarfilm dem Leben und Sterben seines Grossvaters nach. Der war Kaminfeger in Oberägeri im Kanton Zug.

Respektsperson, Handwerker, Aktivdienstler, Fasnächtler und seinen Kindern ein strenger Vater. «Grossvater wollte die Zukunft seiner Töchter bestimmen», erinnert sich Beeler (mit der Stimme von Hanspeter Müller Drossaart) im Film. Seinen Enkel habe er dann machen lassen, den habe er nicht erziehen müssen. „DER MANN AUF DEM KIRCHTURM von Edwin Beeler“ weiterlesen

EUREKA von Lisandro Alonso

Murphy (Viggo Mortensen) © Sister Distribution

Wenn Sie sich schon immer einmal einen schamanischen Western gewünscht haben, dann hat der Argentinier Lisandro Alonso jetzt Ihren Wunsch erfüllt. Und falls nicht, dann wird Ihnen spätestens im Kino mit Eureka klar, dass Ihnen dieser Wunsch bisher bloss nicht bewusst war.

Eureka kitzelt zuerst unsere Western-Erinnerungen mit einem schwarzweissen Segment im klassischen 4:3 Akademieformat, das etliche der archetypischen Klischees einer Art Rebirthing unterzieht.

Viggo Mortensen kommt in die physisch und moralisch versaute Frontier-Stadt, in der sich alle betrinken und viele prostituieren, insbesondere die Native Americans, unter dem wachsamen Auge von Maya El Coronel (Chiara Mastroianni). Er schiesst sich den Weg frei zu Randall (Rafi Pitts), um seine Tochter aus dessen Fängen zu befreien. Bloss um – zu spät – festzustellen, dass diese das Leben mit Randall aus freien Stücken gewählt hat. „EUREKA von Lisandro Alonso“ weiterlesen

JEUNES MÈRES von Jean-Pierre & Luc Dardenne

Elsa Houben, Mathilde Legrand, Lucie Laruelle, Janaina Halloy, Babette Verbeek, Samia Hilmi © Xenix

Vier junge Frauen, neue oder angehende Mütter, kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Existenz, ihren Ängsten und der ungewissen Zukunft für sich und ihre Neugeborenen. Und erst als mit India Hair tief im Geschehen das erste und einzige bekannte Schauspielerinnengesicht auftaucht, bin ich von dem überzeugt, was ich von Anfang an wusste: Das ist kein Dokumentarfilm.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jérémie Renier als Bruno in L’enfant seinen neugeborenen Sohn verkaufte, gegen den Willen der jungen Mutter. Der Film machte den jungen Belgier zu einem überraschenden Star des französischsprachigen Kinos und brachte den Dardenne-Brüdern in Cannes ihre zweite Goldene Palme ein.

Sieben Filme später haben Jean-Pierre und Luc Dardenne – nun in ihren 70ern – ihren über Jahrzehnte hinweg verfeinerten Neo-Neorealismus so weit perfektioniert, dass sie ihre schon immer dokumentarisch anmutende Methode auf ein ganzes Ensemble ausweiten. „JEUNES MÈRES von Jean-Pierre & Luc Dardenne“ weiterlesen