Filmpodcast 41: Chicken Mexicaine, Delirious, Hairspray, Woody Allens Pure Anarchie.

Herzlich Willkommen zum 41. Filmpodcast mit Michael Sennhauser. Heute stellen wir Ihnen den Schweizer Gefängnisfilm «Chicken Mexicaine» vor, Tom di Cillos Paparazzi-Groteske «Delirious», die Musical-Fassung von John Waters «Hairspray» und ein neues Buch mit Kurzgeschichten von Woody Allen. Dazu, wie immer, Kurztipps und Filmhörspiel. Eine geballte Ladung Kino im Ohr – gut investierte 20 Minuten, hoffentlich!

Lust auf Oscars? Stehplatz-Lotterie.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences verlost ein paar hundert sogenannte „bleachers“-Stehplätze am roten Teppich für den Gladiatoren-Einzug an der nächsten Oscar-Verleihung (24. Februar 2008). Das sind die Jubel-Plätze, die es braucht, damit die Fernsehbilder auch wirklich einen schön bewegten Hintergrund bekommen. Jedes Jahr wollen einige tausend Menschen da stehen und jubeln. Ab 17. September kann man sich hier online bewerben. Ob Ausländer, bzw. non-US-residents zugelassen sind, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Wer aber leer ausgeht, kann sich jetzt schon bei Nicolas Bideau, Sektion Film, Bundesamt für Kultur, bewerben. Vielleicht gibts noch Bleacher-Plätze für die Verleihung der Schweizer Filmpreise an den Solothurner Filmtagen nächsten Januar.

Voll auf die Nase – Kinowerbung mit Geruch

Das Geruchs- oder vielmehr das Stinkkino hat schon etliche kurzlebige Metamorphosen hinter sich. Es gab Methoden mit Parfumsprays und Ventilatoren, auch für Werbefilme, und die alle hatten das Problem, dass ein Geruch nicht so schnell verschwindet wie ein Bild, das auf der Leinwand vom nächsten abgelöst wird. Das berüchtigtste Beispiel für Stinkkino lieferte Baltimores John Waters 1981 mit Polyester. Der ohnehin als Bürgerschreck aufgezogene Film mit Divine wurde in Odorama gezeigt, dem bisher einzigen mehr oder weniger brauchbaren Verfahren für Geruchskino: In einzelnen Szenen blinkte auf der Leinwand eine Nummer auf, die mit einem Kratzfeld auf einer vorher ans Publikum verteilten Karte korrespondierte. Leichtes Kratzen am entsprechenden Feld liess der Karte den passenden Geruch entströmen. Natürlich wäre das kein John-Waters-Film gewesen, wenn der Meister seine Fans nicht vor allem mit dem Geruch von alten Socken oder Erbrochenem ergötzt hätte. Jetzt führt der Einbruch im Geschäft mit Print-Anzeigen in den USA zu einer indirekten Renaissance der Technik. Publikationen wir Premiere (R.I.P.) und Life-Style Magazine brachten in den letzten Jahren immer wieder Parfum-Werbung, die man mit leichtem Kratzen am Papier zum Duften bringen konnte (abstellen konnte man das in der Regel allerdings nicht mehr). Jetzt vermeldet die Business Sektion der New York Times, dass die Los Angeles Times demnächst ein Film-Inserat für einen neuen Familienfilm mit dem Titel Mr. Magorium's Wonder Emporium bringen werde, das nach leichtem Ankratzen den Duft von Kuchen verströmen soll. Dass ein solches Gimmick kurzfristig die Aufmerksamkeit zu erhöhen vermag, beweist neben dem NYT-Artikel auch dieser Blogeintrag. Mehr als ein Geruchsinserat pro Print-Publikation dürfte allerdings nicht drin liegen, und früher oder später werden sich die Kunden von riechenden Magazinen wohl mit Grausen abwenden.

Schneller, kürzer und bissiger

Unter dem wunderbaren Titel Dr. Lecters Schnellimbiss stellt Christian Kortmann auf der Website der Süddeutschen Zeitung heute das „Internetvideo der Woche“ vor, bzw. eine ganze Serie davon:

Kino muss schneller und härter gehen – wir haben ja nicht ewig Zeit: auf fünf Sekunden eingedampfte Hollywood-Blockbuster wie „Titanic“ und

„Das Schweigen der Lämmer“ in der Clip-Kritik.

Da gibt es nämlich einen, der auf YouTube Filme wie The Silence of the Lambs oder Titanic auf das Wesentliche reduziert. Und das Verblüffende daran: 5 Sekunden reichen tatsächlich dafür – wenn man davon ausgeht, dass der normale Hollywood-Plot überhaupt einen Anker in der menschlichen Realität hat. Besonders erschlagend kommt das zum Vorschein bei der Kürzestversion von Silence of the Lambs: Da bleibt nur noch die Faszination der beiden Hauptfiguren füreinander übrig. Während Titanic halt einfach ein sinkendes Schiff ist und bleibt. Besonders interessant ist in dem Zusammenhang, dass diese Kurzfassungen eben nicht wie normale Kinotrailer funktionieren, wie Kortmann betont. Ein Trailer soll Lust auf den Film machen … diese Fünfsekundenfilme dagegen sind so etwas wie ein Reader’s Digest, knallharte kleine Super-Spoiler, so etwas wie entlarvende Etiketten auf Mogelpackungen.

Filmpodcast Woche 35: Death at a Funeral. I Was a Swiss Banker, Ingrid Bergman.

Herzlich Willkommen zum 40. Filmpodcast mit Michael Sennhauser. Pierre Lachat hat mit Regisseur Frank Oz über seine schwarze britische Komödie «Death at a Funeral» gesprochen, wir erinnern an Ingrid Bergman, die am 29. August vor 25 Jahren gestorben ist. Und wir stellen das Schweizer Sommerkinomärchen «I Was Swiss Banker» im Gespräch mit Regisseur Thomas Imbach vor. Dazu wie immer Kurztipps und Filmhörspiel.

Wollen wir mal wieder jammern?

Da sind wir wieder: Je infantiler das US-Kino daherkommt, desto erfolgreicher wird es. Und alle Auguren europäischer Hochzivilisation sehen einmal mehr das Ende vom Kino als Kunstform. Anders kann man Meldungen wie die untenstehende ja nicht interpretieren. Oder doch? Ich versuche es, nach dem Sprung:

Hollywoodrekord – Bester US-Kinosommer aller Zeiten

Los Angeles (dpa) – Hollywood hat in diesem Sommer einen neuen Kassenrekord aufgestellt. Wie das Filmblatt „Hollywood Reporter“ am Montag berichtete, 

haben die Filme des Kinosommers 2007 insgesamt über vier Milliarden Dollar eingespielt. Die Saison geht traditionell von Anfang Mai bis Anfang September. Mit den Einnahmen der Teenager- Komödie „Superbad“ am vergangenen Wochenende in Höhe von 18 Millionen Dollar hat die Filmindustrie nun schon eine Woche vor dem offiziellen Ende des Kinosommers den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2004 von insgesamt 3,95 Milliarden Dollar übertroffen. Die hohen Einnahmen an den Kinokassen werden vor allem auf das gute Abschneiden der zahlreichen Fortsetzungen von Filmen wie „Spider-Man“, „Shrek“, „Fluch der Karibik“, „Rush Hour“, „Harry Potter“ und „Die Bourne Identität“ zurückgeführt. Mit über 336 Millionen Dollar Einnahmen an den US-Kinokassen avancierte „Spider- Man 3“ zum bisher erfolgreichsten Film des Jahres, gefolgt von „Shrek 3“ und dem Action-Thriller „Transformers“.

Überrascht? Ich auch nicht. Die Zahlen und die Titel besagen einzig und allein, dass die Geschäftsmodelle, auf denen Hollywood basiert, noch immer funktionieren. Sie besagen aber auch, dass nur Wachstum Wachstum generiert, dass grösser und teurer im Idealfall auch lukrativer und erfolgreicher bedeutet.

Gleichzeitig sind in ganz Europa die Anteile des einheimischen Filmschaffens am Kinomarkt deutlich zurück gegangen. Es gibt verschiedene Gründe dafür, aber der offensichtlichste ist der: Die Unterhaltungsindustrie ist genau so der sogenannten Konvergenz anheim gefallen, wie die Medienkonglomerate. Genau so, wie Informationen mittlerweile auf vielen verschiedenen Kanälen zu haben sind, werden auch Filme in einer Vielfalt angeboten, die wir noch nie hatten. Dank DVD, Video on Demand, YouTube, Kabelfernsehen, Digital-TV und mobilem Filmangebot können wir uns unsere Programme selber zusammenstellen. Und wir tun das auch. Während die europäischen Multiplexkinos unter ihrer Abhängigkeit von den amerikanischen „Tentpoles“ (Zeltpfosten) ächzen, setzen die Arthauskinos ganz ordentlich Publikum um, wenn auch mit einem deutlich höheren Aufwand als auch schon. Das Filmangebot in den deutschschweizer Städten ist unglaublich breit, wer will, kann jede Woche täglich zweimal ins Kino und nie den gleichen Film ansehen. Dass mit sovielen Kopien und stets nur wenigen Leuten in den Kinosälen kein Riesenumsatz generiert wird, liegt auf der Hand. Aber es funktioniert und die Studiokinos sind deutlich freier als die Multiplexe, weil sie ihre Vielfalt auch aus einem vielfältigen Angebot auswählen können. In Grossbritannien hat übrigens eine Verleihfirma angefangen, Kapital zu schlagen aus der Verfügbarkeit der ersten digitalen Kinos. Sie haben den Bondfilm Goldfinger digitalisiert und in diversen bereits dafür eingerichteten Kinos auf die Festplatten gepackt. Nun läuft der Bond-Klassiker ohne weiteren Aufwand immer mal wieder in diesen Kinos und das Publikum ist begeistert. Weitere solcher digitaler Reeditionen sind geplant. Den künstlichen Blockbustern aus Hollywood ist mit Vielfalt durchaus zu begegnen, ohne immenses finanzielles Risiko, notabene. Das werden jene Kinoketten, die es noch nicht gemerkt haben, auch hierzulande zu spüren bekommen.

Ang Lee – Zuviel Sex für die Amerikaner

Tony Chiu-Wai Leung und Wei Tang in ‚Se, jie‘ (2007)

Nur Tage bevor Ang Lees jüngster Film mit dem adäquaten Titel Se jie (Lust, Vorsicht) am Filmfestival von Venedig Weltpremiere feiert, hat die Jugendschutzkommission der Motion Picture Association of America (MPAA) dem Film eine NC-17 certification verpasst. Damit werden normalerweise besonders krude Horrorfilme ausgezeichnet, deren Publikumspotential damit von vorneherein auf eine eingeschränkte Zielgruppe reduziert wird. Ein Riesenerfolg, wie ihn Ang Lees Brokeback Mountain auch in den USA feiern konnte, ist damit ausgeschlossen.

Sowohl die New York Times wie auch der britische Guardian haben heute entsprechende Artikel online. Der Grund für das harsche Rating sind offenbar ein paar akrobatische und explizite Sexszenen mit Tony Leung und der Newcomerin Wei Tang. Gemäss dem Artikel bei der NYT ist Ang Lee überzeugt, dass diese Szenen absolut notwendig sind für seine Umsetzung einer Kurzgeschichte der chinesischen Autorin Eileen Chang. Für die Auswertung des Films in China war allerdings von Anfang an eine geschnittene Fassung vorgesehen. Sex und alles, was an Geschlechterpolitik damit zusammenhängt, hat in den meisten Filmen von Lee eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings, so Lee in der NYT, hätte er es besonders hart gefunden, sich für diesen Film in die Welt der im asiatischen Raum hochverehrten Autorin Eileen Chang einzufühlen: „Es gab Tage, da hasste ich sie dafür. [ihre Welt] ist so traurig, so tragisch. Aber dann wird dir klar, dass es in ihrem Leben ein Defizit an Liebe gibt, an romantischer Liebe, an Familienliebe. Das ist die Geschichte über das, woran die Liebe für sie gestorben ist.“

Ich bin gespannt, ob der Film in den USA zum Kulturpolitikum wird, wie seinerzeit The Last Tango in Paris. Oder ob sich einfach wieder einmal zeigt, wie sehr Business (auf das die MPAA Ratings letztlich abzielen) und Kunst voneinander isoliert werden können im Kino. Insofern ist der Film weiterhin das wohl schillerndste Kulturphänomen überhaupt.

Schlock-Plakate für Klassefilme. Und umgekehrt.

http://www.somethingawful.com/d/photoshop-phriday/grindhouse-movies.phpAuf der Site von something awful ("The Internet makes you stupid") veranstaltet eine Horde Grafikfreaks ihren wöchentlichen Photoshop Phriday, einen Wettbewerb im Umgestalten. Immer wieder mal nehmen sich die Leute auch Filmplakate vor. In dieser Serie haben sie zum Beispiel Schlock-Plakate entworfen für Studiofilme. Und hier haben sie das Gegenteil gemacht: Arthouse-Plakate für Schrottfilme wie zum Beispiel Barb Wire mit 

Pamela Anderson. Es gibt da noch etliche solcher Filmplakat-Orgien. Eine der schönsten finde ich die mit den simplified movies, Plakate, welche gleich den Ausgang der Geschichte vorwegnehmen, wie bei dem hier zur Star Wars Serie, auf dem Yoda den kleinen Anakin Skywalker meuchelt und damit die ganzen Filme überflüssig macht:

Filmpodcast für die Woche 34: Knocked Up, La vraie vie est ailleurs, Redford, Blösche

Herzlich Willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 34. Michael Sennhauser stellt den Film «Knocked Up» vor, Brigitte Häring bespricht den neuen Schweizer Episodenfilm «La vraie vie est ailleurs» und Pierre Lachat gratuliert Robert Redford zum 70. Geburtstag. Im Anschluss daran folgt ein halbstündiges Gespräch von Pierre Lachat mit dem Filmverleiher Wolfgang Blösche von der Zürcher Filmcoopi. Dazu wie immer Kurztipps und Filmhörspiel.

Big Warner Bros. is watching you!

Wir Filmjournalisten sind ja schon einiges gewohnt. Aus Angst vor Piraten lassen uns die Filmverleiher vor den Pressevorführungen grosser Kisten von privaten Wachleuten filzen, nehmen uns die Mobiltelefone ab, und es kommt auch vor, dass ein Wachmann während des Films die Medienleute filmt, wahrscheinlich mit Restlichtverstärker, um filmende Journalisten/ Piraten zu entlarven. Aber nun hat Time Warner

/ Warner Bros. die unheimliche Praxis in den USA offenbar auch auf das zahlende Publikum ausgeweitet. Der Blog von The Consumerist berichtet jedenfalls von Kinobesuchern, die während einer Vorstellung von (ausgerechnet) The Invasion, dem mindestens fünften Remake von Invasion of the Body Snatchers, feststellten, dass sie während der Vorstellung gefilmt wurden. In mindestens einem Fall erklärte der zur Rede gestellte Kinomanager schulterzuckend, das geschehe im Auftrag von Time Warner / Warner Bros. In der Schweiz müsste das Publikum wahrscheinlich vor der Vorstellung auf diese Praxis aufmerksam gemacht werden. Andererseits gibt es auch bei uns hunderte von Überwachungskameras, zum Beispiel in Parkhäusern, auf die nirgendwo hingewiesen wird. Ich bin gespannt, ob weitere solche Meldungen auftauchen und ob sich das auch hier zu Lande demnächst mal ergibt.

via Boing Boing