Weddy-Bär?

In den Boutiquen in der Altstadt von Locarno findet sich wohl so manches irre Stück. Viele davon derzeit zwangsläufig im Leoparden-Look. Und ich renne ja immer an allem vorbei, auf dem Weg zum nächsten Termin. Dieser Bär im Hochzeitskleid (oder ist es ein Hochzeitskleid mit einem Bären drin?) hat mich allerdings kurz gestoppt. Irgendwie wirkt die Kombination unglaublich irritierend. Da steckt eine absurde Komik drin, die fast nicht zu fassen ist. Möchte der Teddy unter die Haube? Oder hat ihn ein Bräutigam in letzter Minute hängen lassen? Seit ich ihn da hängen sah, durchforste ich den Katalog des Festivals nach dem passenden Film, der mir mehr über das Schicksal des Weddy-Bärs verrät. Bisher ohne Glück. Sollte ich aber fündig werden, werde ich es hier verkünden. Versprochen!

 

 

 

 

 

The Bourne Ultimatum (Piazza Grande)

Mit nur zwei Filmen hat sich die Figur des persönlichkeitsprogrammierten Ex-CIA-Killers Jason Bourne (Matt Damon) zu einer ernsthaften und vor allem sehr zeitgemässen James-Bond-Konkurrenz entwickelt. Dabei bestehen die Filme aus wenig mehr als dem üblichen Eintopf aus Verschwörungs-Paranoia, High-Tech und den guten alten Verfolgungsjagden. Aber der aktuelle dritte Teil (Regie führte wie schon beim zweiten der Brite Paul Greengrass) macht nun schlagartig klar, was dieses Erzählsystem zur unschlagbaren Adrenalinpumpe gemacht hat: Es ist die simple Zuschauer-Symmetrie. Auf der einen Seite sitzt das Kinopublikum, hier in Locarno perfekt verkörpert von mehr als 6000 Menschen auf der Piazza Grande, auf der anderen sitzen die Guten und die Bösen in der CIA-Zentrale hinter ihrem Monitor-, Überwachungs-, Abhör- und Fernsteuer-System, und dazwischen der gute alte Kinoheld Jason Bourne, der rennt, schlägt, schiesst, fährt und grübelt. Nun kann die Verfolgungsjagd noch so komplex sein, der Schnitt so dynamisch, wild und verrückt wie noch nie: Dank dem Spiegelpublikum im Film, den Typen hinter den Monitoren in der Zentrale, verliert man nie die Übersicht. Die Bourne-Filme sind also eine Art Meta-Kino, oder sagen wir, ein Filmsystem mit eingebautem GPS, Action mit Wegleitung. Dazu kommt allerdings, und das wurde heute Nacht auf der Piazza Grande besonders deutlich, ein erstklassiger Schnitt, der das Achsen- und Koordinatensystem auch der komplexsten Szenerie perfekt in der Blick-Logik behält. Ob Bourne an Londons Waterloo-Station einen Guardian-Reporter an einem dutzend Agenten vorbeischleust (via Telefon), oder ob er über den Dächern und durch die Häuser in Tangier die süsse Nicky Blonsky (Julia Stiles) vor einem seiner Killer-Kollegen zu schützen versucht, man verliert nie die Orientierung und man verliert zugleich nie die Lust auf noch mehr Tempo und Action. The Bourne Ultimatum ist in der Tat die Quintessenz des aktuellen Action-Kinos, absolut massentaugliche Avantgarde und damit eine reife Leistung. Und auf der bis auf den letzten Platz gefüllten Piazza Grande bot sich ein faszinierendes Bild, wenn man sich während einer der Verfolgungsjagden einmal kurz umdrehte und etliche tausend Köpfe und Augenpaare im gleichtakt hin und herschwenkten, zusammen mit den gebündelten Lichtstrahlen aus der Projektionskabine. Plötzlich war man Jason Bourne, eingeklemmt zwischen den Verfolgern auf der Leinwand und dem faszinierten Publikum auf den Plastikstühlen…

Früher oder später (Wettbewerb)

Lola Klamroth in ‚Früher oder später‘

Es mutet wie eine tolle Idee an, einen Film mit Peter Lohmeyer zu drehen, in dem seine 14jährige Tochter Lola Klamroth die Hauptrolle spielt. Und wahrscheinlich fanden die Produzenten und Geldgeber (inklusive ZDF) das alle einhellig, so dass niemand auf die Idee kam, die Dialoge im Skript von Regisseurin Ulrike von Ribbeck und ihrer Co-Autorin Katharina Held zu lesen. Wenn man sie aber hört, im Kino, dann gibts kein Halten mehr.

„Immer schön weiter füttern“, sagt der verantwortungslose junge Vater (Harald Schrott) zu seinem entenfütternden Sohnemann in Windeln am Seeufer, während er versucht, die Tochter (Lola Klamroth) seiner Nachbarin, mit der er früher mal was hatte, zu verführen. „Was machen wir bloss?“ fragt die verzweifelte Mutter (Beata Lehmann), nachdem die Tochter beim Gartenpicknick mit Gästen den verführungslustigen Nachbarn und Alt-Ex der Mutter mit dem Revolver des Vaters angeschossen hat und geflüchtet ist.

„Ich hol mal die Taschenlampe aus dem Keller“, sagt der Vater (Lohmeyer).

Dazu ist der ganze Film mit Referenz-Einstellungen voll gepackt, insbesondere Kubricks Lolita wird über und über zitiert, mal hat Lola einen Lollypop im Mund, mal liegt sie im Bikini auf dem Gartenstuhl, mal lackiert sich die ansonsten überflüssige Tante die Fussnägel und dann sieht man Nora gar mit dem Hoola Hoop Reifen reifeln.

Der Film war eine unfreiwillige Lachnummer im Pressevorführungskino in Locarno. Denn das ist die Tücke der Festivals: Ist die Heiterkeit unter den Presseleuten mal ausgebrochen, ist sie kaum mehr zu bremsen.

Dabei hat die Sache durchaus radikale Ansätze. Es ist eine bitterböse Geschichte, nahe an der der Realität und radikal direkt umgesetzt. Vielleicht zu direkt, denn alles, was zwangsläufig, bzw. zwingend sein sollte an der Geschichte, ist nun erst mal absehbar und leicht abgeschmackt.

Autorenfilme sind ein gefährliches, tückisches Geschäft; dramatische Ideen kippen leicht und bei Früher oder später ist nun leider eine ganze Menge gekippt. Man darf getrost annehmen, dass in der Auswahlkomission des Festivals von Locarno niemand Deutsch versteht. Anders ist nicht zu erklären, dass dieser Film den Weg in den Wettbewerb gefunden hat, man tut ihm keinen Gefallen damit.

Contre toute espérance (Wettbewerb)

Seit den einschlägigen dänischen Dramen der letzten Jahre geistert unter Festivalgängern der Begriff „Feel Bad Movie“ umher, eine ironische Bezeichnung für jene Filme, welche die menschliche Leidensfähigkeit so gekonnt und eindrücklich auf die Leinwand bringen, wie dieses Drama aus Kanada.

Contre toute espérance ist nicht nur der Titel, sondern auch das Programm. Réjeanne, eine Telefonistin, und ihr Mann, ein sanftmütiger Lastwagenfahrer, haben sich endlich ihr Traumhaus gekauft, als das Schicksal zuschlägt. Immer wieder. Der Film ist Teil einer geplanten Trilogie zu den christlichen Grundwerten von Bernard Émond, und man merkt deutlich, dass Émond vom Werk von Krzysztof Kieslowski fasziniert sein muss.

Allerdings gibt es, abgesehen von einem kurzen Besuch der Hauptfigur in einer Kirche und ihrem letzten Satz im Film („Dieu, aide-moi“) keine religiösen Referenzen. Der Film ist vielmehr ein plakativ individualisiertes Plädoyer gegen den Konzern-Kapitalismus.

Réjeanne ist eine Schwester der duldsamen Frauen bei Lars von Trier, aber nicht in einem Melodram, sondern in einem dieser nüchtern realistischen Hammerfilme, bei denen es schwer fällt, zwischen der Wirkung der benutzten Erzählmittel und der Wirkung der erzählten Geschichte zu trennen.

Ein Film jedenfalls, der gut in den aktuellen Wettbewerb von Locarno passt, der Film eines Regisseurs, von dem man sagen darf, dass er mit Sicherheit noch besser werden wird.

J’ai toujours rêvé d’être un gangster

Gestern Abend war auf der Piazza Grande die eigenartigste Nostalgie am Werk, die ich hier je erlebt habe. J’ai toujours rêvé d’être un gangster von Samuel Benchetrit ist ein mehr oder weniger stationäres Roadmovie, das in der Pariser Banlieu spielt.

Die wunderschöne Anna Mouglalis (mittlerweile Mme Benchetrit) und eine Reihe anbetungswürdiger Altstars der französischen A- und B-Schauspielergarde tummeln sich Donald-Duck-ähnlich in dieser Geschichte um Möchtegern- bzw. Warenmal-Gangster.

Weil der Film in wundervollem Schwarz-Weiss gedreht wurde, mit Stummfilm-Gags und vielen Referenzen an das italienische Kino der 60er Jahre, wirkt er ein wenig wie ein früher Jim Jarmusch auf Französisch. Paradox, weil Jarmusch auf die gleichen Quellen verweist.

Abgesehen davon, dass der Film unheimlich rührend und unheimlich lustig ist, hat diese „Jarmuschisierung“ zu einer neuen Erkenntnis für mich als Berufskinogänger geführt: Stilbeschreibungen sind nicht immer generationenübergreifend. Wer mit Jarmusch sozialisiert worden ist, sieht diese Bilder anders, als jemand, der mitten in der nouvelle vague das Kino entdeckte. Und Nostalgie kann auch vom Echo eines Echos ausgelöst werden.

Slipstream von Anthony Hopkins

Wenn Stars plötzlich Regie führen und dann gar noch eigene Drehbücher verfilmen, dann redet man in Hollywood gerne von einem „vanity project“, einem Eitelkeits-Vorhaben. Es gibt sogar eine Theorie, dass Studios und Produzenten Stars damit bestrafen, dass sie sie Regie führen lassen, weil sie danach, nach einem Flop, wieder viel leichter zu handhaben sind. Bei Sir Anthony Hopkins lag der Fall wohl ein wenig anders. Slipstream ist ganz sicher nicht Mainstream, und floppen kann der Film nicht, weil er schon gar nicht auf einen Kassenerfolg hin angelegt ist. Ein Vanity Project ist das trotzdem, aber ein sympathisches. Die Story, die Hopkins sich ausgedacht hat, ist kompliziert genug. Im Zentrum steht er, alsalternder Drehbuchautor Felix Bonhoeffer, dem seine Wirklichkeit und seine erfundenen Drehbuchwelten durcheinander geraten. Das ist sehr ambitioniert erzählt, mit unzähligen Ebenen- und Realitätswechseln, einer erstklassigen Kameraführung, in Breitwandformat und perfekt ausgeleuchtet, mit einer raffinierten Tonspur und einer ganzen Horde eindrücklicher Schauspielerinnen und Schauspieler. Hopkins selber verschwindet beinahe im ganzen Feuerwerk an inszenatorischen Verwirrmomenten, was einen sympathisch bescheidenen Zug verrät. Gleichzeitig ist das leider alles ein wenig beliebig, abgesehen von der permanenten Verwirrung, in die einen der Film stürzt, hat er aber eine ganze Menge witziger Hollywood-Aperçus zu bieten. Auf einem chaotischen Filmset werkelt zum Beispiel ein Weichei von Regisseur (inklusive Baby im Snugly vor der Brust), während auf einem Golfplatz oder sonst wo John Turturro einen berserkernden Produzenten namens Harvey gibt, der kein Auge trocken lässt. Alles in allem merkt man dem Film auf positive Weise an, dass keine kommerziellen Interessen dahinter stehen. Ob es dazu allerdings nötig ist, das Ganze so zu erzählen, dass man – vielleicht im Sinne Godards – Anfang Mitte und Schluss, sowie alles dazwischen und dahinter beliebig umstellen könnte, ohne den Gesamteindruck zu verändern? Eitelkeit findet immer einen Weg, und sei es die Kurve über die Bescheidenheit.

Umverteilte Festivalsubventionen: Gerüchte

Die Medienkonferenz des EDI, bzw. des Bundesamtes für Kultur und der Sektion Film ist zwar erst morgen Freitag um 10.45 Uhr in Locarno, aber die Gerüchteküche hat schon einiges ausgespuckt im Hinblick auf die künftigen Filmfestivalsubventionen des Bundes. Hier also die ersten unvollständigen Zahlen, ob sie stimmen, erfahren wir morgen: Solothurner Filmtage: 330'000 Fr.  (wie bisher), NIFFF in Neuenburg und Animationsfilmfestival Fantoche, Baden: je 75'000 Fr., Kurzfilmtage Winterthur: 50'000 Fr. Cinema tout écran in Genf bekommt gar nichts mehr, dafür wird das junge Zurich Film Festival neu mit 50'000 Fr. unterstützt. Ob neben tout écran wie erwartet auch das Festival de Fribourg über die Klinge springen muss für die Zürcher, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen.

Nachtrag vom 3. August nach dem Sprung: 

2007-08-03 12:16:15

Die Zahlen von gestern haben sich als korrekt erwiesen. Ergänzung jetzt nach der Pressekonferenz: Das Filmfestival Fribourg bekommt für 2008 100'000 Franken, für die Grossen Nyon und Locarno wurden die Subventionen leicht erhöht: Locarno: 1'350'000 Fr. Nyon: 400'000 Fr. Also keine grosse Überraschung mehr heute.

Filmpodcast Woche 31 2007: 1 to 1, Schwarzenegger, Bergmann, Bideau, Locarno

Herzlich Willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 31. Direkt aus Locarno und rappelvoll. Nadja Fischer nimmt Abschied von Ingmar Bergmann, Pierre Lachat bespricht den dänischen Film 1 to 1, Max Akerman in San Francisco fasst zum 60. Geburtstag die politische Karriere von Arnold Schwarzenegger zusammen. Und dann steigen wir ein ins Filmfestival von Locarno, mit einem historischen Beitrag von Erich Facon, einem kurzen Gespräch mit Festivaldirektor Frédéric Maire und zwei filmpolitischen Beiträgen von mir zur Subventionspolitik von Bundesfilmchef Nicolas Bideau.

Ich wollte schon immer ein Gangster sein

J’ai toujours rêvé d’être un gangster – Ich habe schon immer davon geträumt, ein Gangster zu sein, so heisst die Komödie von Samuel Benchetrit, die morgen Abend auf der Piazza Grande in Locarno gezeigt wird. Für die akkreditierten Journalisten hier bleibt es nicht beim Traum. Dank der Kunst der Fotoverarbeitung im Akkreditierungsbüro, sehen wir hier alle wie Gangster aus – zumindest auf unseren Presseausweisen. Siehe Kollege Eric Facon hier: Er ist in Wirklichkeit sehr nett und beinahe gut aussehend!

Grossmama Dreifuss?

Jahrelang war Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss die Königin in Locarno. Als Chefin des EDI und damit oberste Subventionsverwalterin natürlich, aber auch als ausgewiesene Cinéphile. Seit sie pensioniert ist, sieht man sie soagr noch öfter an den Schweizer Festivals, und immer im Gespräch mit den Leuten. Aber so habe ich sie bisher noch nie gesehen: Mit Kinderwagen und, nehme ich an, Enkelkind, oder Grossneffe oder Freundeskind. Filmreif.