Filmpodcast 35 Woche 30 online

Herzlich Willkommen zum DRS-Filmpodcast für die Woche 30. Ich stelle heute Quentin Tarantinos «Grindhouse»-Hälfte «Death Proof» vor, sowie den Simpsons-Kinofilm. Peter Burri blickt zurück auf die Karriere des am Sonntag verstorbenen deutschen Schauspielers Ulrich Mühe (der Stasi-Beamte in "Das Leben der Anderen") und schliesslich folgt ein längeres Gespräch mit dem Badener Kinopatron Peter Sterk über das Kino als Familienbetrieb und 105 Jahre Kinofamilie Sterk. Dazu wie immer die Kurztipps und Retro-Raten via Soundclips.

Trailers from Hell

Das Beste, wenn nicht gar das einzig Gute, am zerstückelten "Grindhouse"-Experiment von Quentin Tarantino und Roberto Rodriguez sind die falschen Trailer für Schlockfilme, die gar nie gemacht wurden. Offensichtlich hat die Idee andere Regisseure inspiriert. Auf der Website "Trailers from Hell" kommentieren bekannte Regisseure wie Joe Dante oder Mick Garris klassische B-Movie-Trailer. Das ist ziemlich vergnüglich, weil die Herren wissen, wovon sie reden, und weil die Trailer durch die Kommentare eigentlich nur gewinnen.

Multiplex-Kinos sind schlecht für die Vielfalt

Das Bundesamt für Statistik hat heute eine neue online-Publikation bekannt gemacht: Die schon längere Zeit angekündigte Studie zur Multiplex-Landschaft in der Schweizer Kinoszene bringt beim ersten Überfliegen wenig überraschende Resultate. Und das deutlichste von allen ist diesen Sommer ohnehin nicht mehr von der Hand zu weisen: Multiplexe tragen zur Verarmung des Angebots bei. Was derzeit in Städten wie Basel und Zürich offensichtlich ist, dass nämlich die gleichen drei Filme in allen möglichen Kinos gleichzeitig gezeigt werden, ist nicht nur eine Folge des Sommers, sondern eine Folge der nicht ausgelasteten Kinokapazitäten.

Die Studie sagt zum Thema Angebotsvielfalt ganz klar:

Der letzte Analysepunkt zur Vielfalt des Filmangebots ist die Verteilung der Vorstellungen nach Herkunftsland des Films. Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen den verschiedenen Kinoinfrastrukturen: 68% der Vorführungen in den Multiplexkinos betreffen amerikanische Filme, während es in den Kinokomplexen 57,7% und in den Einsaalkinos 53,4% sind. Der Anteil Schweizer Filme ist in den Multiplexkinos mit 3,2% aller Vorführungen besonders gering. In den anderen Kinotypen ist dieser Anteil mehr als doppelt so gross.

Das ist keine Überraschung, auch wenn die Betreiber und Planer der Multiplexe immer das Gegenteil behauptet haben, dass nämlich die zusätzlichen Säle auch zu einem breiteren Filmangebot führen würden.

Wieder ein Mann. Aber nicht unverdient.

Nun ist es klar: Die goldene Palme ist an den allgemeinen Favoriten der ersten Tage gegangen, an Cristian Mungiu für „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ (siehe hier). Damit bleibt Jane Campion in 60 Jahren die einzige Frau mit einer goldenen Palme. Immerhin hat Naomi Kawase, meine persönliche Favoritin, den grossen Preis der Jury bekommen. Und angesichts der Tatsache, dass so viele der 22 Filme durchaus verdient hätten gewinnen können, will ich mich nicht beklagen. Es war ein wunderbarer Jahrgang. Ich freue mich bereits auf Mai 2008.

Der Wald des Abschieds

 

 

(Naomi Kawase)

 

Von mir bekäme sie die goldene Palme. Naomi Kawase aus Japan, die 1997 hier in Cannes schon die Camera d’Or gewonnen hat, wäre meine persönliche Favoritin für den Hauptpreis morgen. Sie wäre dann, nach Jane Campion für «The Piano» erst die zweite Frau, welcher die Ehre zuteil würde. Ihr neuer Film «Mogari No Mori», der Wald der Trauer, ist eine jener stillen, liebevollen Bilderreihungen, die weniger an eine Symphonie denn an ein Streichquartett gemahnen. Oder ein Streichel-Quartett. Eine junge Frau, die ihr Kind verloren hat, arbeitet in einem japanischen Altersheim auf dem Land und kommt einem alten Mann näher, der seit dreissig Jahren um seine Frau trauert. Die beiden machen einen Ausflug und gehen in jenem Wald verloren, in dem der Alte seine Frau, ihr Grab, oder seine Erinnerung an sie sucht. Ein traumhaft schöner Film, der thematisch ein wenig an den Japaner Kore Eda Kôhei Oguri und seinen „schlafenden Mann“ erinnert, bildhaft aber ganz Kawase bleibt, mit Wind in den Bäumen, Regen, Landschaft und vor allem Figuren, die einem das Herz stehlen.

 

Promise me This

 

Schon zweimal hat er die goldene Palme gewonnen, der serbische Brachialfilmer Emir "Kustu" Kusturica. Aber für die Dritte wird es diesmal hoffentlich nicht reichen. Sein neuer Film ist randvoll mit allem, was seine alten so beliebt machte: Turbo-Folk, schlagfertige Männer, dralle Frauen, schiesswütige Serben, Gangster, Grossväter und korrupte Staatsangestellte. Aber einfach von allem zuviel. Wenn der Grossvater seinen Enkel auffordert, in der Stadt die Kuh zu verkaufen, eine Ikone zu kaufen und sich eine Braut zu suchen, dann ist das nicht Gotthelf, nicht wirklich witzig und auch nicht satirisch. Aber bei Kustu kommt das alles zusammen. Der Film ist zur Hälfte Tom & Jerry, zur anderen Hälfte Pippi Langstrumpf, und das ganze aufgezogen als Kasperletheater im «Home Alone»-Slapstick-Stil. Dass heftig geschossen wird, dass es nebenbei auch Tote gibt, und dass die Serben offenbar den Krieg in ihrem Alltag brauchen und ganz lustig finden: Das könnte Satire sein. Ist aber in erster Linie als pralle Unterhaltung inszeniert und bleibt einem des öfteren im Hals stecken, wenn es nicht gerade langweil. Allerdings gibt es, wie immer bei Kustu, auch überaus witzige Momente.

James Blond. Haha.

 

 

Man kann ja nicht nur an den Journalisten und an den Filmprofis Geld verdienen. Irgendwie muss man ja auch aus den vielen Touristen hier in Cannes etwas herausschütteln. Die einen fahren im geführten Eisenbähnchen über die Croisette und andere kaufen sich solche Dinger zum anziehen. Warum auch nicht? Blond ist blond…

Sushi!

 

 

So, die live-Sendung mit den geschätzten Kolleginnen Anke Leweke und Katja Nicodemus ist geschafft, ein kleines voice over (ich machte den Tarantino … aua) ebenfalls, und bevor ich mich hinter den nächsten Radiobeitrag (DRS2aktuell für morgen) klemme, gibt’s ein paar tote Fische mit Reis. Ich habe in der Nähe des Palais eine Sushi-Bar entdeckt, die es im letzten Jahr noch nicht gab. Die Sushi sind hier (wie überall ausser in der Schweiz) erschwinglich. Und sie haben zwei Vorteile: Sie liegen nicht schwer im Magen (man kann weiterarbeiten nach dem Essen) und sie halten nicht lange vor (die riesige Meeresfrüchteplatte, die ich mit den Kollegen von der Sonntagszeitung, dem Berner Bund und der NZZ traditionellerweise immer am letzten Freitag in Cannes am Abend nach der letzten Vorstellung verputze, trifft also wieder auf einen entspannten, aufnahmebereiten Magen.

(Bild unten: im Kellerstudio von Radio France mit Katja und Anke)

 

 

Une vieille maîtresse

Nach ihrem Hirnschlag vor drei Jahren hat sich die streitbare französische Filmemacherin Catherine Breillat den Roman eines Dandy aus dem 19. Jahrhundert angeeignet. Die Geschichte der «alten Geliebten» stammt von Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly und ist eine Art Gegenentwurf zu den xfach verfilmten «Liaisons dangereuses» von Choderlos Laclos. Obwohl der Film ein «period piece» ist, ein Kostümfilm, passt er doch bestens ins Oeuvre von Catherine Breillat, die mit Filmen wie «Romance» oder «Sex is Comedy» immer wieder provoziert hat. Es ist die Geschichte eines jungen Parisers, der zehn Jahre eine Amour fou mit einer leidenschaftlichen Frau aus Malaga (Asia Argento) lebt, und dann die obligate jungfräuliche Adelsdame heiratet. Nur spielt Breillat nicht in erster Linie die Dekadenz und den Zynismus der «liaisons dangereuses» aus, sondern die wahre Leidenschaft ihrer Figuren, die direkte, unverfälschte und absolute Hingabe an die Gefühle des Augenblicks und ihre zerstörerische Kraft. Das macht «Une vieille maîtresse» zu einem überraschend modernen Film, mit modernen Figuren. In Kombination mit Breillats erprobtem Talent, Sexszenen direkt und unverschämt zu inszenieren, ergibt das eine nachdenkliche direkte Mischung, manchmal komisch, manchmal erschütternd, nicht immer gleich überzeugend, aber roh und fein zugleich, drastisch und witzig.

We Own the Night

 

Nicht alle Filme im Wettbewerb von Cannes sind Meisterwerke. Im Fall von James Grays «We Own the Night» trifft das ganz klar zu: Das ist ein solider Genre-Film, die Geschichte zweier New Yorker Brüder, der eine (Mark Wahlberg) Polizist, der andere (Joaquin Phoenix) Geschäftsführer in einer Russendisco. Natürlich kommt der Drogenhandel dazwischen und die beiden finden sich unerwartet mitten in einem urbanen Krieg wieder, zunächst je auf der Gegenseite. Das ist spannend inszeniert, knallhart und packend, tatsächlich. Robert Duvall als Chief of Police ist ausgezeichnet wie immer, die schöne Eva Mendes als Freundin des Club-Betreibers weniger schlecht als in ihren letzten Filmen, aber noch lange nicht gut. Und der ganze Film leidet ein wenig darunter, das Martin Scorsese mit «The Departed» das Terrain grundsätzlich besetzt und umgepflügt hat, ob jetzt in Boston oder in New York, spielt da keine grosse Rolle mehr. James Gray macht hier eigentlich das gleiche wie mit «Little Odessa» 1994 und mit «The Yards» 2000. ich frage mich eigentlich vor allem, mit welchem Plot er 2014 noch einmal den gleichen Film machen wird … wenn er seinem Rhythmus treu bleibt.