Hediger verzichtet auf Cinémathèque suisse

Vinzenz Hediger 1991 in Locarno (c) sennhauserWie wir aus zunächst noch inoffizieller Quelle erfahren haben, verzichtet der designierte neue Direktor der Cinémathèque suisse in Lausanne, der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger, aus gesundheitlichen Gründen auf den Posten und bleibt Professor an der Ruhr Universität Bochum. Noch im Oktober hat der Stiftungsrat der Cinémathèque stolz die Wahl Hedigers verkündet, dessen Hinweise darauf, der Vertrag sei aber noch nicht unterzeichnet, hat damals nur Christoph Egger von der NZZ stutzig gemacht. Die meisten von uns haben sich einfach für die Cinémathèque gefreut. Zu früh, wie sich nun abzeichnet.

NIFFF: tolles Plakat für 2008

affiche NIFFF 2008

Das unvergleichliche Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF hat nicht nur einen neuen grafischen Auftritt bekommen, sondern auch zum ersten Mal ein Fotoplakat anstelle der bisherigen wunderbaren Gafiken. Meist bin ich der Grafik eher zugetan und ich trauere den grafischen Filmplakaten der 50er bis 70er Jahre noch lange nach. Aber dieses Plakat hat es in sich. Es verblüfft gleich doppelt, wie sich das für dieses Festival gehört. Da ist nicht nur die Frau mit dem japanischen Schwert und dem Männerhaupt unter dem Arm zu sehen – sondern zugleich die ganze Mache dahinter, also das ganze Konzept des fantastischen Kinos, das ja erst zu leben beginnt, wenn man sich (imaginär oder real) auf beiden Seiten der Leinwand aufzuhalten bereit ist. (Klick auf das Bild vergrössert; ein grosses pdf zum Ausdrucken gibt es auf der offiziellen Webseite.)

 

Filmpodcast Nr. 60: The Kite Runner, Un secret, Asterix, Kinobaisse, Der Freund.

Herzlich Willkommen zu Ihren Augen in den Ohren. Zum 60. Filmpodcast begrüsst Sie Michael Sennhauser, und das sind unsere Beiträge heute: Marc Forsters Verfilmung des afghanisch-amerikanischen Romans «The Kite Runner». In Frankreich geht Claude Miller die Erinnerung an den Holocaust aus einer anderen Perspektive an mit «Un secret». Ebenfalls aus Frankreich ein Premierenbericht zum neuen Asterixfilm. Dazu ein kurzes Gespräch zum Rückgang der Kinobesucherzahlen im letzten Jahr und schliesslich ein ausführliches Gespräch von Pierre Lachat mit Micha Lewinsky zu seinem Film Der Freund. Dazu wie üblich Kurztipps und Ratespiel.

[audio http://pod.drs.ch/mp3/film/film_200801180800.mp3]

Erste Besprechung von J.J. Abrams‘ Cloverfield

Todd McCarthy, Chefkritiker der amerikanischen Branchenzeitschrift Variety, hat eine erste Besprechung des seit Juli 2007 gehypten neuen Monsterfilms „Cloverfield“ von „Lost“-Erfinder J.J. Abrams veröffentlicht. Der Film sei, wie erwartet, eine Mischung von „The Blair Witch Project“ und „Godzilla“. Wie schon der Trailer klar machte, wird die ganze Geschichte über Camcorder-Aufnahmen der mehrheitlich jungen Protagonisten quasi-dokumentarisch erzählt, was offensichtlich viel zur Intensität beiträgt. Allerdings entpuppe sich der Angreifer dann eben doch als klassisches Monster, und das reduziere den Terror naturgemäss. Denn klassische Monster sind grundsätzlich zerstörbar. Faszinierendes Details für die Schweiz: So wie es aussieht, wird der Film vom Verleiher den Medien nicht wie sonst üblich vorgängig gezeigt. Normalerweise ist das Indiz dafür, dass sich der Verleih vor schlechten Kritiken fürchtet. In diesem Fall gehe ich davon aus, dass der Hype und die Spekulationen um den Film, wie sie von der Internetkampagne initiiert wurden, möglichst lange aufrecht erhalten werden soll.

Ein Kampf um Rom

Goffredo Bettini, der Festivalpräsident des jungen Römer Filmfestivals, hat nicht nur die Konkurrenz verärgert, sondern auch Italiens Kulturminister Francesco Rutelli. Wegen seiner Nähe zu einem geplanten Musikfestival hat er die nächste Ausgabe des erst vor kurzem aus dem Boden gestampften Filmfestivals von Mitte Oktober auf den 2. Oktober vorverlegt. Damit liegt nicht einmal mehr ein Monat zwischen dem "neureichen" Römer Filmfestival und dem alteingesessenen Filmfestival von Venedig (27. Aug. – 6. Sept.). Noch ärger trifft es die Veteranen vom renommierten Stummfilm-Festival in Pordenone, welches dieses Jahr vom 4. zum 11. Oktober geplant ist – also gleichzeitig. Man kann also ruhig sagen, das in Bella Italia nicht nur der Abfall in Neapel am Dampfen ist … [Quelle: Variety]

Filmpodcast Nr. 59: Cassandras Dream, I am Legend, Klaus Maria Brandauer, Ottomar Anschütz.

Ewan McGregor (Cassandra's Dream)Woody Allen (Cassandra's Dream)Herzlich Willkommen zum Kino im Kopf. Links und rechts von Ihren Ohren sitzt nun wieder Michael Sennhauser, mit dem DRS-Filmpodcast für die Woche 2 des Jahres 2008. Wir stellen Ihnen heute die beiden Kino-Neustarts Cassandra’s Dream von Woody Allen und I am Legend mit Will Smith vor, blicken zurück auf eine Pressekonferenz mit Klaus Maria Brandauer in Basel am letzten Wochenende (zur Verfilmung von Walter Matthias Diggelmanns „Das Verhör des Harry Wind“) und machen einen Abstecher ins Holozän der Filmgeschichte, zum Dreischlitz- Verschluss-Erfinder Ottomar Anschütz. Dazu, wie immer, Kurztipps und ein Soundtrack-Ausschnitt als Ratespiel.

[audio http://pod.drs.ch/mp3/film/film_200801110800.mp3]

PK der Solothurner Filmtage mit Walo Lüönd

Walo Lüönd (c) sennhauserGesagt hat er nichts, der Veteran des Schweizer Films, der Schauspieler Walo Lüönd. Aber er sass da in Zürich am Tisch mit Ivo Kummer, dem Direktor der Solothurner Filmtage, welche ihn dieses Jahr mit einer Retrospektive ehren. Extra angereist aus dem Tessin, um Red und Antwort zu stehen. Ein bisschen kleiner sieht er aus, als ihn die Erinnerung präsentiert, ein bisschen älter auchWalo Lüönd (c) sennhauser, als man vermutet hätte. Und eben: Ganz ruhig war er. Ich konnte mich nie entscheiden, wieviel Walo in den Rollen steckte, die er spielte, im Dällebach Kari, im Schweizermacher. All die Biedermänner. War er einer von ihnen? Oder einfach ein perfekter Verkörperer dieser Art von Schweizer Seele? Ich weiss es bis heute nicht, und der kleine stille Mann da vorne hat nichts zur Auflösung der Frage beigetragen. Ich hätte ihn vielleicht fragen sollen. Aber manchmal sind sogar wir Journalisten ein wenig scheu. Es gibt im Leben Dinge, die will man gar nicht so genau wissen.

Keine Golden Globes 2008?

Nachtrag zu den Golden Globes: Sie sind offiziell abgesagt. Statt der feierlichen Übergabe gibt es am 13. Januar nur eine einstündige Pressekonferenz zur Bekanntgabe der Gewinner, wie der offiziellen Website (siehe links) zu entnehmen ist. (8. Jan 08) 

Die Hollywood Foreign Press Association steckt in einem Dilemma: Jedes Jahr ist die Verleihung ihrer Golden Globes die Eröffnung der Awards Season, die in den Academy Awards gipfelt. Aber dieses Jahr könnte die für nächsten Sonntagabend geplante Veranstaltung ausfallen. Der Grund dafür ist der andauernde Streik der Hollywoodautoren. Die WGA, der Verband der Autoren, hat nämlich klar gemacht, dass die Verleihung nur als Privatanlass geduldet würde, das heisst, ohne die sonst übliche kommerzielle Verwertung via Fernsehen. Für NBC wäre das mit einem herben Verlust an Werbegeldern verbunden und damit natürlich auch für die Veranstalter. Die WGA droht damit, dass die Veranstaltung mit einer Picket Line, also Streikposten, abgeriegelt würde, im Falle einer TV-Übertragung. Worauf die meisten Agenten der Top-Stars erklärten, ihre Klienten würden keinesfalls eine Picket-Line durchbrechen. Im Hintergrund laufen fieberhafte Verhandlungen, schliesslich hat die WGA ja auch mit David Letterman für seine Late Night Show einen Separatvertrag augehandelt. Nun gibt es, wie Variety meldet, nur noch zwei Szenarien: Eine kleine, "private" Golden Globes Verleihung ohne Networks. Oder gar keine Preisverleihung in diesem Jahr. Die Entscheidung soll in den nächsten Stunden fallen.

Sonntags-Sermon von Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer, Klara Obermüller ©sennhauser
Klaus Maria Brandauer, Klara Obermüller ©sennhauser

Der Mann ist in Sachen PR auf jeden Fall sein Geld wert: Wenn Klaus Maria Brandauer redet, hört die Menge zu. So war es auch vor etwas mehr als einer Stunde im Basler Luxushotel „Les trois rois“ bei der Pressekonferenz zum Drehstart von „Das Verhör des Harry Wind“ nach dem Roman von Walter Matthias Diggelmann. Geladen hat die Basler Produktionsfirma Sunvision, und auf dem Podium sassen neben Hauptstar Brandauer auch Nebenstar Sebastian Koch, Regisseur Pascal Verdosci, Produzent und Drehbuch-Co-Autor Alex Martin und die unverwüstliche Klara Obermüller, Witwe und Nachlassverwalterin von Walter Matthias Diggelmann. Obermüller hat denn auch die substantiellsten Informationen zum Roman von 1962 und seiner Aktualität geliefert. Und erklärt, sie müsse sich immer noch hin und wieder kneifen, um zu glauben, dass das Buch nun tatsächlich verfilmt werde. Nach ihr gab Produzent Martin Sebastian Koch das Wort, weil der Schauspieler bereits in der Maske erwartet wurde.

Sebastian Koch an der PK ©sennhauser

Koch war gewohnt zurückhaltend, schliesslich gebe es vor dem Dreh für einen Schauspieler noch wenig zu sagen. Aber das hinderte natürlich den Hauptstar des Anlasses keinesfalls am ausgiebigen Reden. Klaus Maria Brandauer liess seine bühnentrainierte Stimme über die Köpfe hinweg dröhnen und lieferte eine fast 15minütige Sonntagspredigt. Er fing mit dem Geständnis an, dass sein Einfluss auf das Weltgeschehen leider begrenzt sei. Als Schauspieler sei er nur ein Interpret, aber, und das sei schliesslich auch der Kern des Romans von Diggelmann: Es gebe ja ohnehin keine Wahrheit, sondern nur Interpretationen davon. Und es gebe nichts Neues unter der Sonne. Alles, vom ersten Schrei eines Kleinkindes bis zu den Malereien von Picasso, so Brandauer, sei eine Reprise. Sogar er selbst sehe sich ausserstande, zu wiederholen, was er fünf Minuten früher gesagt habe. Er könne das nur interpretieren. Das alles hatte irgendwie mit dem Projekt und dem Drehbuch zu tun, war aber inhaltlich viel grösser, schwerer, weitreichender. Irgendwie. Aber ausschlaggebend war natürlich die Präsenz des Mannes. Der Star ist ein Star, weil er sich wie ein Star benimmt, der sich nicht wie ein Star benimmt. Das ist meine Interpretation der Wahrheit, natürlich. Oder etwas ähnliches. Unbestritten ist die magnetische Präsenz des Schauspielers Brandauer. Selbst wenn es sich leicht peinlich anfühlt, ihm zuzuhören, die Faszination ist da:

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kombination Koch-Brandauer mit dem Stoff von Diggelmanns Roman bestens korrespondiert. Brandauer als akribischer Verhörer, als Wahrheitssucher im Dienste der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Und Koch als nebelkerzenverfeuernder PR-Spezialist, als Spin-Doctor, der auch seine eigene Geschichte vorzu neu erfindet und dreht und wendet. Denn das ist offenbar auch der Angelpunkt des Drehbuches von Alex Martin und Marion Reichert: Die Schauplätze des Buches werden auf einen Hauptschauplatz reduziert, das Verhör und damit das Kammerdrama mit zwei Schauspielern wird in einem improvisierten Studio in einem Einkaufszentrum in Lörrach gedreht, mit einem Minimum an Aussenschauplätzen. Damit wird der Film effektiv ein Zweipersonenstück. Und das ist auf jeden Fall reizvoll, gerade mit diesem Duo aus Brandauer und Koch. Mehr dazu mit Oton morgen Montag in DRS2aktuell und natürlich am Freitag im Filmpodcast.