Filmpodcast für die Woche 33: Waitress, Saturno contro, Tarkovskj

Herzlich Willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 33. Heute mit zwei Filmbesprechungen: Die romantische Komödie «Waitress» aus den USA, und aus Italien «Saturno contro» von Fersan Özpetek. Und danach entführt uns Pierre Lachat für eine halbe Stunde zurück ins Werk des russischen Regisseurs Andrej Tarkovsky, dem das Stattkino Luzern derzeit eine Retrospektive widmet. Dazu wie immer Kurztipps und das Mini-Filmhörspiel.

Brannte Rom für Mailand?

Filmposter Quo vadisLetzten Freitag ging es wie ein Lauffeuer durch die Medien. Rom brennt! Ganz Rom? Nein, nur ein kleiner Teil des ehrwürdigen Cinecittà-Studiogeländes, dort, wo die teure "Rom"-Serie gedreht wird. Am Tag davor, am 9. August meldete der Hollywood Reporter, dass Investoren in Mailand ein neues Filmstudio planen, das auch Schweizer Kunden anziehen soll. Zwei Tage früher schon hatte die Schweizerische Depeschenagentur SDA von den Plänen berichtet:

Mailand will verstärkt auf Filmindustrie setzen  – Moderne Filmstudios sollen Schweizer Investoren anziehen
 
   Rom (sda/apa) Mailand will verstärkt auf die Filmindustrie
setzen und zu einem Gegenpol Roms und dessen Filmstudios Cinecitta aufrücken. Wegen der Nähe zur Schweizer Grenze haben die Initianten auch Schweizer Investoren im Visier.
 
   In zwei Wochen werden in einem ehemaligen industriellen Gelände neue Studios eröffnet. Ziel ist, die Film- und TV-Serien-Produktion in Mailand zu fördern, berichteten italienische Medien am Donnerstag.
 
   «Die neuen Studios werden vor allem Schweizer Kapital anziehen,
weil der Tessin sehr nahe ist», betonte der Chef der föderalistischen Oppositionspartei Lega Nord, Umberto Bossi, der sich seit Jahren für eine starke Filmproduktion in Mailand einsetzt, um die norditalienische Kultur zu fördern.
 

(SDA-ATSÖ/iw/c4ita ti kul div)

Elvis lives at the Movies?

Heute ist der 30. Todestag von Elvis Presley, und das ist weder zu übersehen, noch zu überhören. Für uns Nachgeborene (ich habe zwar Jahrgang 1961, aber im Gegensatz zu den Beatles war dieser Elvis damals eben noch nix für uns Kinder) klingt der Mann im Ohr. Dass er auch in etlichen Filmen vermarktet wurde, war mir vage bewusst. Nachgerade verblüfft hat mich nun aber die Tatsache, dass der Mann effektiv in über 30 Filmen (Liste mit ImdB Links nach dem Sprung unten) mitgespielt hat – von denen ich keinen einzigen je gesehen habe… habe ich vergebens gelebt? Kann mich jemand beruhigen?

 Die ImdB-Liste der Elvis-Filme:

  1. Change of Habit (1969) …. Dr. John Carpenter
  2. The Trouble with Girls (1969) …. Walter Hale
  3. Charro! (1969) …. Jess Wade
  4. Live a Little, Love a Little (1968) …. Greg Nolan
  5. Speedway (1968) …. Steve Grayson
  6. Stay Away, Joe (1968) …. Joe Lightcloud
  7. Clambake (1967) …. Scott Hayward/'Tom Wilson'
  8. Double Trouble (1967) …. Guy Lambert
  9. Easy Come, Easy Go (1967) …. Lt. (j.g.) Ted Jackson
  10. Spinout (1966) …. Mike McCoy
  11. Paradise, Hawaiian Style (1966) …. Rick Richards
  12. Frankie and Johnny (1966) …. Johnny
  13. Harum Scarum (1965) …. Johnny Tyronne
    … aka Harem Holiday
  14. Tickle Me (1965) …. Lonnie Beale/Panhandle Kid
  15. Girl Happy (1965) …. Rusty Wells
  16. Roustabout (1964) …. Charlie Rogers
  17. Viva Las Vegas (1964) …. Lucky Jackson
    … aka Love in Las Vegas (International: English title)
  18. Kissin' Cousins (1964) …. Josh Morgan/Jodie Tatum
  19. Fun in Acapulco (1963) …. Mike Windgren
  20. It Happened at the World's Fair (1963) …. Mike Edwards
  21. Girls! Girls! Girls! (1962) …. Ross Carpenter
  22. Kid Galahad (1962) …. Walter Gulick
  23. Follow That Dream (1962) …. Toby Kwimper
  24. Blue Hawaii (1961) …. Chad Gates
  25. Wild in the Country (1961) …. Glenn Tyler
  26. Flaming Star (1960) …. Pacer Burton
  27. G.I. Blues (1960) …. Tulsa McLean
  28. King Creole (1958) …. Danny Fisher
  29. Jailhouse Rock (1957) …. Vince Everett
  30. Loving You (1957) …. Jimmy Tompkins (Deke Rivers)
  31. Love Me Tender (1956) …. Clint Reno

 

Die Magie des leeren Kinosaals

„Ob das Auge phallisch und der Blick männlich, das Ohr dagegen vaginal und der Gehörsinn weiblich besetzt seien, ist seit Georges Bataille und Laura Mulvey Gegenstand heftiger Gender Debatten.“ Das ist einer der Sätze von Hansmartin Siegrist im ziemlich speziellen Kinobuch „Les visiteurs du soir – Pariser Projektionen“, das die Basler Künstlerin Bettina Grossenbacher vor kurzem herausgebracht hat. Ihre Fotografien von Pariser Kinosälen, alle jeweils entstanden, kurz bevor sich auf der Leinwand die Welt ausbreitete, sind wunderbar und eine Gelegenheit zum Eintauchen in diese Magie des Versprechens vor dem Film. Das kleine Buch ist ein Glücksfall für all jene unter uns, die von und für dieses immer wieder neu gesuchte Versprechen leben. Dabei sind die Fotografien für sich ziemlich evokativ. Aber die eigentliche Tiefe und das kinomässig Schmökernde bekommt der Band durch den untertitelartig fliessenden, überaus anregenden und assoziativen Text von Hansmartin Siegrist, der dafür sorgt, dass die (noch) leeren Leinwände auf den Bildern nicht nur Projektionsflächen sind, sondern dünne Trennwände vor einer Welt der Ideen und Einfälle.


Offenlegung: Hansmartin Siegrist war mein Lehrer an der Uni, er ist ein Freund von mir und er ist mein Vermieter. Diese Erwähnung des Buches zieht keinen Mietnachlass nach sich.


Bettina Grossenbacher, Hansmartin Siegrist Les visiteurs du soir – Pariser Projektionen

Mai 2007, 160 Seiten, 22×16,5 cm, ca. 70 Farbabbildungen, gebunden
CHF 42.00 / € 28.00

ISBN: 978-3-85616-322-8 Christoph Merian Verlag, Basel

Goldener Leopard für Kobayashi

Keine grosse Überraschung: Mit „Ai no yokan“ (The Rebirth – Die Wiedergeburt) vom Japaner Masahiro Kobayashi hat eindeutig der radikalste Film im Wettbewerb von Locarno gewonnen, der konsequenteste. Kobayashi zeigt

die junge Noriko, deren Tochter eine Schulkollegin umgebracht hat, und Junichi, den verwitweten Vater des ermordeten Mädchens (gespielt vom Regisseur) in einem endlosen, repetitiven, einsamen pas-de-deux. Beide haben sich nach dem Mord zurückgezogen, seltsamerweise an den gleichen Ort. Noriko arbeitet in der Küche der Pension, in der Junichi lebt. Der Film zeigt in stets nur minim variierten Sequenzen immer und immer wieder die gleichen Ausschnitte aus dem stummen, eintönigen Tagesablauf der beiden. Zunächst sucht er einen Weg, mit ihr zu kommunizieren, und sie verweigert alles. Dann bemüht sie sich immer und immer wieder, bleibt dabei aber sprach- und hilflos. Immer wieder sieht man sie beim Braten von Eiern, ihn nach Schichtwechsel, beim Eintritt in die Produktionshalle der Giesserei, in der er arbeitet. Bald mutet der Film wie ein endloser, banaler Albtraum an. Sie sucht sein Verzeihen, eben so wie er, der längst so weit ist, dass er ohne ihre Gegenwart nicht mehr leben kann, sie aber auch nicht erträgt, eigentlich schon längst ihre Vergebung für sein Nichtvergeben herbeiwünscht.


Kobayashi ist mit seinen 53 Jahren kein Nachwuchsregisseur und seit etwa zwei Jahren hat er den Status eines interessanten Avantgardisten. Insofern versteht man Jury-Präsidentin Irène Jacob, wenn sie vor den Medien erklärte, es sei fast nicht möglich gewesen, die 19 Filme im Wettbewerb auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Dass ein offensichtlich noch von etlichen Mängeln behafteter Film eines Nachwuchsregisseurs wie Fulvio Bernasconi keinen Stand hat gegenüber der radikalen Reduktion des Siegerfilms, ist ja einleuchtend. Dass die Jury beim Darstellerpreis unter ähnlichen Nöten gelitten hat, ebenfalls. Nur so lässt sich jedenfalls erklären, dass sie den Preis für den besten Darsteller „ex aequo“ dem grossartigen Michel Piccoli und dem noch weitgehend unbekannten Michele Venitucci für die Hauptrolle in Fuori dalle corde von Bernasconi gegeben hat.
Ich bin sicher zufriedener heute als die Jury, die einige knallharte Diskussionen hinter sich haben dürfte. Mir haben sie nämlich die Freude gemacht und meinen Lieblingsfilm Capitaine Achab mit dem Regiepreis für Philippe Ramos ausgezeichnet.

Filmpodcast für die Woche 32 vom Filmfestival Locarno

Herzlich willkommen zum DRS Filmpodcast für die Woche 32. Wir sind noch immer am Filmfestival in Locarno. Darum drehen sich auch alle heutigen Beiträge um diese 60. Ausgabe des Festivals am Lago Maggiore. Zuerst stelle ich Ihnen im Gespräch den neuen Film „1 journée“ des Schweizers Jacob Berger vor, der am Dienstag auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Dann hören Sie ein kurzes Gespräch von Eric Facon mit dem Solothurner Filmemacher Bruno Moll, über seinen Dokumentarfilm Der Weg nach Santiago, der im Rahmen der Kritikerwoche in Locarno uraufgeführt wurde. Darauf folgt eine Zusammenfassung der Medienkonferenz von Bundesrat Pascal Couchepin, an der die künftige Festivalpolitik des Bundes vorgestellt wurde und schliesslich ein Gespräch, das Eric Facon mit Hérvé Dumont führte, dem Direktor der Cinématheque suisse, der endlich den zweiten Teil seiner Geschichte des Schweizer Films herausgebracht hat. Und danach folgt als Bilanz zum 60. Filmfestival Locarno ein halbstündiges Gespräch mit den deutschen Kollegen Peter Klaus und Herbert Spaich.

Michel Piccoli ist grossartig

Diskussion unter Kollegen am Frühstückstisch im Hotel in Locarno (anwesend: Thomas Allenbach, Der Bund; Matthias Lerf, Sonntagszeitung; Christian Jungen, Aargauer Zeitung; und meine Bescheidenheit. Wortzuteilung retrospektiv unverbindlich, abgesehen von meiner Einstiegsfrage):

„Ist Hiner Saleems Armutsgeschichte ‚Sous les toits de Paris‘ so wunderbar, wie alle sagen? Muss ich den nachholen?“

„Der ist schon sehr schön, ja. Und wenn Du den Gewinner des Darstellerpreises sehen willst: Michel Piccoli ist grossartig!“

„Aber dem werden sie doch nicht morgen den Spezialpreis für sein Lebenswerk geben und dann am Samstag auch noch den Darstellerpreis?“

„Wäre doch irgendwie auch eine Beleidigung, oder? Michel Piccoli,  82, die grosse Nachwuchshoffnung am Filmfestival von Locarno…?“

„Stimmt. Leider geht das wohl nicht. Aber er ist grossartig in dem Film.“

„Piccoli ist immer grossartig“

Und jetzt sagt keiner mehr was und wir sind uns einig. Ein rarer Moment unter Filmjournalisten. Michel sei Dank! Er ist grossartig.

Extraordinary Rendition (Wettbewerb)

Ich habe schon lange keinen so sinnlosen Film mehr gesehen. Diese wütende Folterorgie vom Briten Jim Threapleton erzählt vom jungen Lehrer Zaafir, der im Namen der Terrorbekämpfung in London auf offener Strasse entführt und zur Folterung in ein anderes Land geschmuggelt wird. Der Film vermittelt drei Erkenntnisse: 1. Folter ist schrecklich. 2. Folter hinterlässt bleibende Schäden auch bei den Angehörigen. 3. Anti-Terror-Gesetze, die so etwas ermöglichen, darf es nicht geben. Nun versucht ja der Tessiner Ständerat Dick Marty seit 2005 die Welt von der Existenz solcher extraterritorialer US-Folterlager und der Praxis der „aussergewöhnlichen Auslieferung“ zu überzeugen, sein im Auftrag des Europarates verfasster Bericht liegt vor, und wird seltsamerweise von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Daran wird ein Film wie Extraodinary Rendition nichts ändern, im Gegenteil. Wenn ich mich im Kino 75 Minuten lang foltern lassen muss, ist die normalste Reaktion darauf der emotionale Rückzug. Und in Sachen Erkenntnisgewinn bringt er niemanden weiter, weil keine Zusammenhänge, keine Motivationen der Folterer, eigentlich überhaupt nichts ausser des subjektiven Horrors vermittelt wird. Daran ändert auch Gollum-Darsteller Andy Serkis in einer zentralen Rolle nichts.

Böse, intelligente Texte zur Film- und Kulturförderung

Mathias Knauer, Filmemacher und Kulturaktivist, gehört seit vielen Jahren zu den Streitbaren und Unbeugsamen in der Schweizer Filmszene. Er hat sich immer stark gemacht für den unabhängigen Autorenfilm, hat sich gewehrt gegen Automatismen und verwaltete Kultur. Jetzt hat Knauer, als Experiment, eine Website eröffnet, welche künftigen Debatten durchaus zu mehr Elan und Feuer verhelfen könnte: 

… daß im Bundesamt für Kultur keine Kulturtäter sitzen, nicht einmal Fachleute, sondern karriereorientierte Beamte, die dem Departementschef aus der Hand fressen, statt ihn mit bundeswürdigen und nachhaltigen Konzepten zu konfrontieren und ihn vor einer lächerlichen Politik abzuhalten. (ganzer Text hier)

Noch finden sich erst wenige Texte auf der Seite. Aber Knauer hofft

darauf, dass die Seite zu einem Forum werden könnte. Zur Zeit ist alles direkt zugänglich (und im Aufbau), in Zukunft soll man sich aber zuerst registrieren, damit die Diskussionen nicht anonym im Sand verlaufen. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt und vor allem, wie viele Protagonisten der Filmbranche den Mut haben werden, wie Knauer mit ihrem Namen zu ihrer Meinung zu stehen. Hier noch einmal der Link: http://cine.lemmata.ch/

 

Waitress (Piazza Grande)

Es kommt nicht oft vor, dass ein Spielfilm sozusagen posthum uraufgeführt werden muss. Aber die Drehbuchautorin, Schauspielerin und Regisseurin Adrienne Shelly wurde letztes Jahr in ihrem Büro in New York ermordet, bevor der Film am Sundance Festival seine Uraufführung hatte. Die Geschichte einer Frau, die sich befreit, ist daher ihr Vermächtnis, ein rührendes. Waitress ist ein Musical ohne Gesang, ein Groschenroman in liebevollem Pseudo-Technicolor, eine herzerwärmend altmodisch inszenierte Geschichte mit einer hochmodernen Hauptdarstellerin und einer überraschend zeitgemässen Auflösung. Jenna (eine hinreissende Keri Russell) ist Kellnerin und Wähenbäckerin in einem kleinen Diner. Sie ist verheiratet mit einem schrecklichen Mann, schwanger von ihm, unglücklich und daran, ihre Flucht vorzubereiten, als sie sich Hals über Kopf in einen jungen Arzt verliebt, ihren künftigen Geburtshelfer. Das Figurenarsenal stammt aus den 50er Jahren, erinnert an Fernsehserien, die drei Kellnerinnen mit Herzen aus Gold, der böse Ehemann, der wunderbare Doktor, der grummelige Alte, dem das Diner gehört … und doch gelingt es Shelly, die Sache radikal gegen den Strich zu bürsten. Die Dialoge sind frech und direkt und modern, eher Sex and the City als Fifties, die Moral dagegen ist solide klassisch. Das ergibt einen scheinbar unauflösbaren Kontrast, der immer wieder überrascht. Keri Russell erinnert an Romy Schneider, an die junge Diane Lane, und hat zugleich eine leuchtende Präsenz, die ganz eigen ist. Der Film kommt daher wie eine Kitschgeschichte, er sieht so aus, er benimmt sich so, und ist doch oft erschreckend direkt, zeitgemäss. Ich habe noch nie ein solches Kinoprodukt gesehen, das sich gebärdet wie klassisches Kino, dabei die Frechheit einer modernen US-TV-Serie hat. Vielleicht liegt es an Adrienne Shelly und ihrer vielfältigen Arbeit, vielleicht war es aber auch einfach eine Frage der Zeit, bis die Fernseh-Entwicklung, weg von den doofen Soaps, hin zu „sophisticated urban fare“ ihren Niederschlag im Kino finden würde. Die Avantgarde der Unterhaltung passiert ja tatsächlich längst im Fernsehen. „Waitress“ ist vielleicht ein erster Versuch der Rückeroberung. Schade war es auch Shellys letzter.