Yippie Kay Yeah?

Etwas kryptisch, das Billboard mit dem seltsamen Spruch. Natürlich nicht für die hartgesottenen Fans von Bruce Willis. Aber die meisten anderen können den Ausspruch erst auflösen, wenn ihr Blick nach rechts wandert: Natürlich ist das der legendäre Schlachtruf von John McClane, der nun zum vierten Mal in Produktion geht. John McClane? Siehe nächstes Foto. Alles klar?

Le Scaphandre et le papillon

 

 

Jean-Dominique Bauby war der erfolgreiche Chefredakteur der französischen Elle, bis ihn der Schlag traf und er in seinem eigenen Körper gefangen war: «Locked in Syndrom». Das einzige, was er noch bewegen konnte, war das linke Augenlid – und damit hat er zu kommunizieren gelernt und schliesslich seinen autobiographischen Bestseller diktiert, Buchstaben für Buchstaben: Die Taucherglocke und der Schmetterling. Daraus einen Film zu machen, wäre für jeden Regisseur eine massive Herausforderung gewesen. Der Künstler und Filmemacher Julian Schnabel («Basqiat») hat die Herausforderung gemeistert. Mit phantastischen Bildern, einem 20minütigen Filmeinstieg, ausschliesslich aus der einäugigen Persepektive des völlig Gelähmten im Spitalbett, dem ganzen Humor des Buches und etlichen überaus dramatischen Szenen wie jene, in der die Ehefrau der Geliebten des Gelähmten übers Telefon dessen Antworten übermitteln muss, die sie ihm Buchstaben für Buchstaben vom Auge abliest. Schnabel ist das Kunststück gelungen, mit avantgardistischen Bildideen einen fast linearen, vor allem aber allgemein zugänglichen und verständlichen Film zu machen, Publikumskino für alle, aber mit hohem Anspruch an Gestaltung und Umsetzung. Eine sehr schöne Arbeit, die wahrscheinlich ein grosses Publikum finden wird. Obs auch für eine Palme reicht?

Welche Schlange hättens denn gerne?

 

Anstehen und warten gehört zum Standardprogramm in Cannes. Niemand ist eine Insel, wir sind viele. Und wo viele das gleiche wollen, haben immer ein paar wenige das Nachsehen. In der Regel jene, die später kommen und ganz hinten stehen. Oder jene, die zwar ganz vorne stehen, aber einen nicht-prioritären Badge haben, einen für die Wochen- oder gar Monatspresse. Radio ist nicht nur täglich, sondern sozusagen immer. Für die anderen gilt: Das Leben ist nicht gerecht, und Cannes ist voll von Leben.

Ulrich Seidl: Import Export

 

 

Die Filme des Österreichers Seidl glänzen in der Regel vor allem mit einem schonungslosen Menschenbild. Seine hässlichen Österreicher, zum Beispiel in «Hundstage», haben dem Land den Ruf eingebracht, die masochistischte Kinematographie der Welt zu haben (da hat aber natürlich auch Michael Haneke mitgeholfen). Mit «Import Export», der hier in Cannes im Wettebewerb läuft, beweist Seidl allerdings, dass sein Blick nicht so kalt ist, wie es früher scheinen mochte, sondern vor allem um den Verzicht auf jedes Beschönigen bemüht. Hier stellt er den Alltag eines jungen Arbeitslosen aus Österreich jenem einer ledigen Mutter in der Ukraine gegenüber, lässt sie übers Kreuz emigrieren und spielt dann wieder all die Machtspielchen und -konstellationen der Ohnmächtigen durch. Das macht den Film noch lange nicht zu einem Vergnügen. Aber spannend, ernsthaft und eindringlich ist er. Geschnitten hat ihn übrigens der Berner Christof Schertenleib.

Der dritte Palmenkandidat: Gus van Sant

Ich war nie ein grosser Fan der Filme von Gus van Sant. «My Own Private Idaho» hat zwar auch mich beeindruckt und sowohl «Gerry» wie auch sein Cannes-Gewinner«Elephant» haben mir Respekt abgenötig. «Last Days» dagegen macht mich noch in der Erinnerung schläfrig. Aber jetzt hat er seinen eigenen Stil weiterentwickelt, perfektioniert und noch flüssiger gemacht. «Paranoid Park» ist ein Blake Nelson-Roman, die Geschichte eines netten jungen Skaters, der den Tod eines Bahnwärters verschuldet und damit zurande kommen muss. Ein „morality tale“ eigentlich, fast schon Schulkino auf den ersten Blick. Aber Van Sant (der immer schon einen sehr feinen Blick für Pubertierende bewiesen hat) erzeugt zusammen mit Kameramann Chris Doyle einen Bildersog, der sich zunächst an den Skater-Bewegungen orientiert, dann aber insgesamt zum optischen Tunnel wird, zu einem endlosen Transportband, einer Möbius-Schleife rund um die heimliche Schuld des Jungen. Elliptisch hätte man diesen Erzählstil früher genannt, aber das Springen in der Chronologie, das Van Sant schon in «Elephant» angewendet hat, ist hier zu einer einzigen flüssigen Bewegung geworden. Der Film hat mich schwer beeindruckt, auch wenn er zu denen gehört, die ich nicht jeden Tag von neuem sehen möchte.

Die bisherigen Favoriten

 

Seit heute morgen gibt es drei Kronfavoriten für die goldene Palme. Hier erstmal die bisherigen:

«4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» von Cristian Mungiu war der erste (siehe hier). Der zweite ist der Film von den amerikanischen Coen-Brüdern. «No Country for Old Men», kein Land für alte Männer, basiert auf dem Roman von Cormack Mc Carthy und erzählt von zähen Männern im heutigen Westen der USA. Tommy Lee Jones spielt einen alten Sheriff, Josh Brolin einen Vietnamveteranen, der neben einem Haufen toter Drogenkuriere in der Wüste einen Koffer mit zwei Millionen Dollar findet. Er nimmt ihn mit und schickt zur Sicherheit seine Frau erst mal zu ihrer Mutter.

«Wie lange muss ich weg? Was soll ich meiner Mutter denn sagen?» fragt sie. «Stell dich hin und rufe Mama Mama», sagt er: «Pack deine Sachen».

Die sprachliche Lakonie, der trockene Witz der Dialoge und die gelegentliche Brutalität des Films erinnern an den Coen Film «Fargo»; was damals im Schnee ablief, spielt jetzt in der Hitze von New Mexiko. Der Spanier Javier Bardem spielt einen jener irren Killer, die man bei den Coen-Brüdern lieben gelernt hat. Mit Vorliebe lässt er eine Münze via Kopf oder Zahl über Leben und Tod entscheiden und die Szene, in der ein Tankstellenwart sehr viel Glück hat, ist eines von vielen Kabinettstückchen in dem Film.

«No Country for Old Men» hat die Kritiker in zwei Lager gespalten. Den einen ist der Film, der einmal mehr die Gewalt als integralen Teil der amerikanischen Kultur begreift zu geschwätzig, während die anderen gerade die meisterliche Balance zwischen Dialog und Lakonie, Bildwitz, grandiosem Thrill und perfekter Cinematographie begeistert. Ich bekenne mich ganz klar zum begeisterten Lager. Mit «No Country for Old Men» haben die Coen-Brüder Stil perfektioniert, und gleichzeitig Neuland betreten.

Kim Ki-Duk und "Soom"

(v.r. Kim Ki-Duk, Hauptdarstellerin Zia, Chang Chen und Jung-Woo Ha)

Jetzt ist er wieder da, in Südfrankreich, der Südkoreaner Kim Ki-Duk. Zurück in der Gegend, in der er auf der Strasse vor Jahren seine Bilder verkaufte, um nicht zu verhungern. Aber heute ist er der renommierteste Regisseur von Südkorea, auch wenn er im Westen deutlich mehr ansehen geniesst, als in seiner Heimat. Mit seinen bizarren Filmen wie "Samaria" oder "Bin Jip" hat er die Cineasten in die Tasche gesteckt, sein "Seom" (Die Insel) aus dem Jahr 2000 gehört zu den Solitairen des neuen Kinos. Aber mit seinem jüngsten Oeuvre hat er hier in Cannes ein wenig enttäuscht. "Soom" ist die Geschichte einer betrogenen Ehefrau, die sich in eine bizarre Affäre mit einem zum Tode verurteilten, suizidären Familienmörder im Gefängnis stürzt. Sie besucht ihn regelmässig, singt für ihn und dekoriert die Besuchszelle, all der weil die eifersüchtigen Zellengenossen den armen Kerl erst recht piesaken, so dass er wieder und wieder …

… mit einer zugespitzten Zahnbürste Suizidversuche unternimmt. Und das ganze wird von einem geheimnisvollen Gefängnisdirektor via Monitor beobachtet und immer vor dem Höhepunkt abgebrochen. Da stecken wieder unendlich viele Zuschauer-Allegorien und Beziehungsmetaphern drin in dem Film. Aber sie kommen diesmal ein bisschen wie der Refrain in den Liedchen, welche die schöne Frau dem guten Mann vorträllert: gezwängt. Dennoch ein gewohnt bizarres, auch komisches Erlebnis, dieser Film.

Neue Spinner: Free Hugs

 

Stell Dir vor, Du beeilst Dich ziemlich atemlos, drängst Dich durch die Menge der Touristen und Schaulustigen, um noch rechtzeitig ins Kino zu kommen. Und da stehen sie, mitten im Weg, diese Wahnsinnigen mit ihren T-Shirts, welche "etreintes offertes" anbieten, oder auch "free hugs", auf Deutsch: Gratis-Umarmungen. Spürst Du auch die brüderliche Liebe in Dir aufsteigen? Kommt Dir ein Lächeln auf die Lippen? Vergisst Du die Zeit und den Film und das Kino und die Arbeit. Eben. Spinner.

La foule attend les stars

Das sind die Standardbilder aus Cannes, die Menge der Stargazer auf der einen Seite der Strasse und das aufgebretzelte Fussvolk auf der hiesigen, die Männer im Pinguin, die Frauen, in was immer sie wollen, nur Schuhe sind obligatorisch (da kommt dann immer die Geschichte von der Palmengewinnerin Jane Campion, welche barfuss auf die Treppe kam und von den Gorillas angeblich nicht reingelassen wurde). Warum ich die schon wieder bringe, die Bilder? Weil es zu den wenigen echten Privilegien von uns Medienleuten gehört, da a) nicht rein zu müssen und b) wir den Blick auf die Menge von unserer ureigensten Medienterrasse im Festivalpalais geniessen, sogar auf den roten Teppich hinüber. Da ist allerdings fotografieren verboten. Sonst würden nämlich die Profifotografen von den Amateuren vom Markt gefegt.

Sicko – Michael Moore is back

 

Eben komme ich von der Pressekonferenz von Michael Moore, nachdem seine neue Dokumentarsatire heute morgen uraufgeführt wurde. "Sicko" hält ziemliche genau, was man sich davon versprochen hat. Er zeichnet mit den üblichen Moore-Methoden in satirischem Kontrast zu England, Canada, Frankreich und Cuba ein katastrophales Bild vom amerikanischen Gesundheitswesen, das fast vollständig in der Hand privater Versicherer liegt, auf Profitmaximierung getrimmt ist und damit natürlich auch auf Pflegeminimierung. Anders als in früheren Filmen lässt Moore die Gegenseite schon gar nicht mehr zu Wort kommen, reiht dafür etliche fürchterliche Beispiele von Krankenschicksalen aneinander und fährt dann – ganz Eulenspiegel – mit ein paar kranken Freiwilligen, die beim Aufräumen von Ground Zero und bei der Suche nach Verschütteten krank geworden waren, nach Cuba, um zu zeigen, dass dort, beim Feind, besser für die kranken Helden gesorgt wird als in den USA …

Der Film ist so witzig und bissig wie eh und je bei Moore, auch ebenso subjektiv, propagandistisch und einseitig argumentierend. Aber er kriegt seine simple Botschaft deutlich über die Leinwand: Wir brauchen wieder mehr "wir" in den USA und weniger "me", Gesundheitsvorsorge und -Versicherung darf nicht auf Profit ausgerichtet sein und muss darum vom Staat kontrolliert werden. An der Pressekonferenz gab er sich bescheiden, nüchtern und kontrolliert, wiederholte sich und die Aussagen seines Fims eher, als dass er konkreter wurde, eindeutig bemüht, seriös und besorgt zu wirken. Mehr dazu heute Samstagabend im Echo der Zeit.