Mit Ava von 2017 und mit Les cinq diables von 2022 drang die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Léa Mysius tief in die Beziehung junger Mädchen und Frauen zu ihrem Umfeld, ihrer Familien und vor allem ihrer Mütter ein. Offensichtlich hat sie auch dieser Aspekt am Roman Histoires de la nuit (2020) von Roman Mauvignier interessiert.
Das Paradox dieses Films gibt ihm einen Teil seiner Kraft. Sandra Hüller spielt eine Frau, die vorgibt, ein Mann zu sein. Einen Soldaten im dreissigjährigen Krieg (1618-1648), einen kriegsversehrten Rückkehrer mit den Papieren, die ihn als rechtmässigen Besitzer eines zerfallenden Gutshofes ausweisen. Sandra Hüller ist gross auf dem Plakat zu sehen, ihr Name steht ganz oben, an der letzten Berlinale hat sie für die Rolle der Rose den Bären für die beste Hauptdarstellerin gewonnen.
Wer ins Kino geht, erwartet daher nicht die eigene Täuschung, sondern die möglichst überzeugende Täuschung der anderen Filmfiguren durch Hüllers Rose. Von solchen Gender-Kippfiguren hat die Kinogeschichte schon einige geboten, von Hillary Swank in Boys Don’t Cry bis zu Glenn Close als Albert Nobbs. Bei allen gehörte das offiziell definierte Geschlecht der Darstellerin zum Erlebniskonzept – anders als etwa bei Neil Jordans The Crying Game, wo die Überraschung auch dem Publikum gelten sollte. „ROSE von Markus Schleinzer“ weiterlesen
Mord und Poesie? Wenn ich diesen Film so anpreise, dann nur, um der Aufmerksamkeit willen. Tatsächlich ist Rietland gleichzeitig viel dunkler, viel heller und vor allem viel mehr als bloss irgend so ein Sumpfkrimi.
Sicher, mitten in der natürlichen Fläche des Schilflandes findet Johan eine teerige Vertiefung, ein Loch in der Haut des Monsters seiner Kindheit. Johan findet auch die nackte Leiche einer jungen Frau aus dem Dorf. Und danach keine Ruhe mehr. „RIETLAND von Sven Bresser“ weiterlesen
«Aber ich bin doch Alma!» sagt das kleine Mädchen empört, als ihre Schwester Lia sagt, das tote Mädchen auf dem alten Foto mit der Mutter sei Alma. «Sie sieht aus wie du. Vielleicht ist ja ihr Geist in dich übergegangen», meint die Schwester. «Ja, vielleicht bist du ja gar nicht du, sondern sie», sagt eine andere der Schwestern. «Ich glaube, sie schläft bloss. Sie sieht gar nicht so aus, als ob sie tot wäre», erklärt darauf Alma.
Später im Film entsteht eine weitere solche Fotografie. Jetzt ist es Almas ältere Schwester, die, auf dem Sofa sitzend, mit den Eltern abgelichtet wird. Lia hat sich umgebracht, aber das soll man im Bild nicht sehen.
Der Film spielt über vier verschränkte Zeiträume hinweg im gleichen Gehöft in der Altmark. Vier Mädchen oder junge Frauen sind es, welche ihre jeweilige Umgebung und Familie erleben, mit Glück und Elend, Tod und Arbeit. Alma in den 1910er-Jahren, in den 40ern Erika, in den 1980ern Angelika und in den 2020ern Nelly.
In die Sonne schauen ist ein Film über Erinnerungen, eigene, fremde, vergangene, zukünftige, angeeignete, aufgezwungene. Und damit sind nicht einfach Bilder für die Augen gemeint. Mascha Schilinski erzeugt körperliche Erinnerungen, überlagert sie, lässt sie auf- und abtauchen. Déjà-vu als umfassendes, traumsicheres Konzept. „IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski“ weiterlesen