Berlinale 11: Bilanzrunde

Wim Wenders und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der 'Pina'-Premiere ©Berlinale 2011
Wim Wenders und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der 'Pina'-Premiere ©Berlinale 2011

Die 61. Berlinale ist fast schon Vergangenheit. Bekannte Namen waren zugegen – etwa Ralph Fiennes, der mit Coriolanus sein Debut als Spielfilmregisseur gab, oder Wim Wenders, der seinen Dokumentarfilm zu Pina Bausch in 3D-Technik gefilmt hat. Nicht nur für Enttäuschungen, sondern auch für Entdeckungen war der Berliner Wettbewerb gut. Im Radiostudio am Potsdamer Platz trifft Brigitte Häring heute die ZEIT-Filmkritikerin Katja Nicodemus und den Schweizer Filmjournalisten Martin Walder zur einer Bilanz der diesjährigen Berlinale.

Freitag, 18. Februar 2011, 11.00-11.30, sowie 22.04 Uhr auf DRS2, etwas später heute jetzt auch direkt hier im Blog als MP3-Download oder zum Nachhören:

Berlinale 11: OFF BEAT von Jan Gassmann

'Off Beat' von Jan Gassmann
'Off Beat' von Jan Gassmann

Jan Gassmann ist noch junge 28 Jahre alt – und ist schon zum zweiten Mal mit einem Langfilm an der Berlinale. 2007 zeigte der Zürcher Jungfilmer den Dokumentarfilm Chrigu, den er zusammen mit und über seinen krebskranken und sterbenden Freund Christian Ziörjen gedreht hatte. Jetzt war er zurück im grossen Kinosaal auf der 61. Berlinale und zeigte grosses Kino: Seinen ersten Spielfilm Off Beat. Der Saal bei der Premiere war bis auf den letzten Platz voll und – noch wichtiger – er blieb es auch. Wieder hat Jan Gassmann für einen Film mit einem Jugendfreund zusammen gearbeitet: diesmal mit dem Musiker und Rapper Hans-Jakob Mühletaler. Der schrieb nicht nur die ganze Musik und die Raptexte zum Film, er spielte auch gleich die Hauptrolle selber. „Berlinale 11: OFF BEAT von Jan Gassmann“ weiterlesen

Berlinale 11: THE FUTURE von Miranda July

Miranda July lehnt sich aus dem Fenster in 'The Future'

Der Film beginnt mit schwarzer Leinwand und einer seltsam verstellten Stimme aus dem Off, die davon erzählt, wie es ist, echte Dunkelheit zu kennen, ohne Aussicht auf ein warmes Plätzchen. Bald wird klar, wer oder was da spricht: es ist eine streunende Katze. Miranda July, die schräge US-amerikanische Performance-Video-Filmkünstlerin hat im Berlinale-Wettbewerb ihren neuen Film The Future präsentiert. Der ist so leise und fein und subtil, dass er droht, in diesem zuweilen rauhen, zuweilen düster schweren Wettbewerb etwas unter zu gehen. Die skurrile Künstlerin und Filmemacherin gewann mit ihrem Erstling Me And You And Everyone We Know in Cannes gleich die Camera d’Or.
Ihr neuer Film ist das lakonische Porträt eines Paares Mitte 30, das in Langeweile und Routine feststeckt. „Berlinale 11: THE FUTURE von Miranda July“ weiterlesen

Berlinale 11: NADAR AND SIMIN, A SEPARATION

Leila Hatami in 'Jodaeiye Nader az Simin' von Asghar Farhadi

Iranisches Kino ist hier in aller Munde – bis gestern vor allem wegen der Abwesenheit Jafar Panahis. Das hat sich seit gestern geändert: der iranische Wettbewerbsbeitrag von Asghar Farhadi, Nadar And Simin, A Separation war bis jetzt der mit Abstand stärkste Film. Farhadi zählt aktuell zu den wichtigsten Regisseuren des Lande und wurde hier an der Berlinale schon vor zwei Jahren für About Elly mit einem silbernen Bären ausgezeichnet. Dass er dieses Mal leer ausgehen könnte, ist fast nicht vorstellbar. Der Film beginnt vor dem Scheidungsrichter: Simin möchte die Scheidung von ihrem Mann, weil der sich weigert, das Land mit ihr zu verlassen. Sie möchte, dass ihre elfjährige Tochter nicht in diesem repressiven Land gross werden muss. Aber Nadar hat einen alzheimerkranken Vater, den er nicht alleine zurücklassen will – auch wenn der ihn nicht mehr erkennt.

Schon diese Konstellation einer modernen, gebildeten Familie in Teheran wäre Stoff für einen guten Film. Farhadi stellt dieser jungen modernen Familie aber eine ebenso junge, sehr traditionelle und religiöse Familie gegenüber und zeichnet so im Kleinen das Bild einer komplexen Gesellschaft im Iran. „Berlinale 11: NADAR AND SIMIN, A SEPARATION“ weiterlesen

Berlinale 11: EL PREMIO

Paula Galinelli Hertzog in 'El Premio' von Paula Markovitch
Paula Galinelli Hertzog in 'El Premio' von Paula Markovitch

Ebenfalls um Vergangenheitsbewältigung ging es im zweiten Wettbewerbsbeitrag. Und dieser hat ziemlich zu überzeugen vermocht. Es ist die mexikanisch/französisch/polnisch/deutsche Koproduktion El Premio von Paula Markovitch. Darin geht es um Argentinien während des faschistischen Regimes. Erzählt wird die (autobiographische) Geschichte eines siebenjährigen Mädchens, das nur weiss, dass es seine wahre Identität nicht preisgeben darf, weil der Vater verschwunden ist und die Mutter sich verstecken muss. Cecilia möchte aber ein normales Leben führen, zur Schule gehen, mit Freundinnen spielen – und vor allem auch ihrer Mutter gefallen, die in ihrer Verzweiflung und Angst das Mädchen ziemlich grob behandelt. Der Film nimmt konsequent die Perspektive des Kindes ein, das zwar weiss und zu spüren bekommt, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte, das aber nicht wirklich verstehen kann, was tatsächlich läuft.

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Berlinale 11: MARGIN CALL

Kevin Spacey in 'Margin Call' von JC Chandor
Kevin Spacey in 'Margin Call' von JC Chandor

Kann man nach drei Filmen (davon nur zwei im Wettbewerb) schon von einem Trend sprechen? Einem Minitrend vielleicht. Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist bekannt dafür, dass er dem Wettbewerb jeweils eine thematische Färbung verleiht. Bis jetzt war diese Färbung „Vergangenheitsbewältigung“: Im Eröffnungsfilm True Grit sahen wir die Auseinandersetzung mit dem Wilden Westen und dessen Demontage bzw. Domestizierung durch Bürokratie und Buchhaltertum. Im ersten Wettbewerbsfilm, Margin Call von JC Chandor wird ein Stück jüngster Geschichte verarbeitet: die Finanzkrise von 2008. Oder es wird zumindest der zaghafte Versuch gemacht, wenigstens eine Ahnung zu vermitteln, was denn nun eigentlich geschah an der Wall Street in den Hypothekenbanken, das zu dieser historischen Krise geführt hat und viele „normale“ Menschen mit kleinen und mittleren Hypotheken in den Ruin getrieben hat. Von denen allerdings ist nicht die Rede im Film des jungen Regisseurs und Autors, der für sein Projekt eine illustre Schauspielerriege gewinnen konnte:

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Berlinale 11: TRUE GRIT

'True Grit' © Universal Pictures International (Schweiz) GmbH

Es sei nicht beabsichtigt gewesen, einen Western zu drehen, sagte Joel Coen anlässlich der Pressekonferenz zur Eröffnungsvorstellung des Films True Grit. Sie hätten lediglich ein Buch verfilmt, dessen Geschichte halt in Arkansas in den 1870er Jahren spiele, und das sei halt nun zwangsläufig im „Wilden Westen“. Aber ihr Film sei eigentlich ein „Western aus Zufall“. Absicht oder Zufall – der Film der Coen Brüder IST ein Western. Und was für einer. Zusammen mit ihrem Stamm-Kameramann Roger Deakins haben sie (wiedermal) ein Werk geschaffen, in dem jedes Bild episch ist, jede Textzeile sitzt und in dem die Figuren echte Charaktere sind. Und dass Jeff Bridges locker den übermächtigen Western-Helden John Wayne vergessen spielt, war zu erwarten – da hätte es nicht die mantragleichen Bemühungen der Coens gebraucht, sich vom gleichnamigen Film von 1969 zu distanzieren. Sie hätten den Film nie geschaut und kaum gekannt, betonten die Brüder – Vorlage sei lediglich der Roman (Charles Portis, 1968) gewesen. Man mag dies glauben oder nicht (einige Bilder und ganze Szenen sind verdächtig dem Vorgänger ähnlich);

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