Berlinale 13: VIC + FLO ONT VU UN OURS von Denis Côté

Pierrette Robitaille, Romane Bohringer
Pierrette Robitaille, Romane Bohringer

Denis Côté ist Filmkritiker, Dokumentarfilmer und unvorhersehbar. Er wurde zweimal in Locarno ausgezeichnet, hat letztes Jahr hier in Berlin mit dem verblüffenden Tier-Mensch-Dokumentarfilm Bestiaire Furore gemacht. Und jetzt ist sein neuer Spielfilm der bisher interessanteste Beitrag im aktuellen Wettbewerb. Bizarr, überraschend, bösartig und liebevoll.

Im Zentrum stehen zwei Frauen, beide aus dem Gefängnis entlassen, und mehr oder weniger auf dem Rückzug in einem abgelegenen Haus in Kanada. Pierrette Robitaille und Romane Bohringer sind hinreissend und herzerweichend. Ein Paar in Anziehung und Abstossung, mit stets wechselnder Abhängigkeit. Der Besitzer des Hauses ist ein Onkel von Vic, aber vollständig gelähmt und stumm im Rollstuhl. Eine imposante Erscheinung mit langen weissen Haaren und Bart, sitzt er wie Gott persönlich im Hintergrund und schaut zu. Bis er abtransportiert wird. „Berlinale 13: VIC + FLO ONT VU UN OURS von Denis Côté“ weiterlesen

Berlinale 13: LA RELIGIEUSE von Guillaume Nicloux

Pauline Etienne
Pauline Etienne

Der Roman stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, geschrieben hat ihn der Aufklärer und Kirchenskeptiker Denis Diderot. Wie man annehmen darf, aufgrund eigener Erfahrungen: Schliesslich hat ihn sein Vater vorübergehend in einem Kloster einsperren lassen, um eine nicht standesgemässe Liaison mit einer Frau zu unterbinden.

Und verfilmt wurde das auch schon, zum Beispiel 1966 von Jacques Rivette, mit Anna Karina in der Titelrolle und Liselotte Pulver in der Rolle einer der Äbtissinnen. In dieser aktuellen französischen Verfilmung von Guillaume Nicloux hat Isabelle Huppert die Rolle dieser Madame de Chelles inne, und sie spielt sie hart an der Grenze zur Karikatur, als schmerzlich getriebene Lesbe, die sich immer wieder neue Favoritinnen unter ihren Nonnen aussucht. „Berlinale 13: LA RELIGIEUSE von Guillaume Nicloux“ weiterlesen

Berlinale 13: GLORIA von Sebastián Lelio

Paulina García
Paulina García

Die bleibende Einstellung dieses chilenischen Filmes ist ein kurzes Bild gegen Ende hin: Eine nackte Frau und eine nackte Katze auf einem Bett. Beide sind nicht ins Auge springend schön. Und beide sind in ihrem Leben ein wenig verloren. Die Katze hat sich verlaufen, sie gehört in die Wohnung einen Stock höher. Und Gloria ist sich selber abhanden gekommen in ihrer kurzen Beziehung zu einem Mann, der nicht auf die Abhängigkeit seiner Ex-Frau und seiner Töchter verzichten kann.

Gloria ist einer dieser Filme, die eigentlich nur aus Exposition bestehen. Von der ersten Einstellung an zeigt er die Lebensumstände der Titelfigur. Sie ist seit zehn Jahren geschieden, geht auf die sechzig zu und verbringt ihre Freizeit mit Yoga, Enkel hüten und abendlichen Tanzveranstaltungen für Singles. Da lässt sie sich auch immer wieder kurz mit Männern ein, bis sie auf diesen Rodolfo trifft. „Berlinale 13: GLORIA von Sebastián Lelio“ weiterlesen

Berlinale 13: THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN von Fredrik Bond

Shia LaBeouf
Shia LaBeouf

Ein Mann trifft auf eine wilde schöne Frau in einer Stadt und sein Leben gerät in kürzester Zeit komplett aus den Fugen. Den Film gibt es in zahlreichen Varianten, von Martin Scorseses After Hours (1985) mit Griffin Dunne und Rosanna Arquette, über Jonathan Demmes Something Wild (1986) mit Melanie Griffith und Jeff Daniels oder John Landis‘ Into the Night (1985) mit Michelle Pfeiffer und Jeff Goldblum. Jetzt ist es eben der ewige Nachwuchsstar Shia LaBeouf, dem Rachel Evan Woods zum Ausbruch aus dem Kokon und zum Sprung in die Männlichkeit verhilft.

Charlie lebt in Chicago ziellos vor sich hin, bis seine Muter stirbt und ihm gleich danach als liebevolle Erscheinung das Versprechen abnimmt, nach Bukarest zu fliegen. Einfach so. Später stellt sich dann heraus, dass die tote Mutter Budapest gemeint hatte, aber da ist ihr Plan auch so schon aufgegangen. Der Junge hat im Flugzeug einen Mann getroffen, der neben ihm friedlich starb, nicht ohne erst von seiner Tochter in Bukarest erzählt zu haben. Diese Tochter, die raubt dem Jungen dann auch gleich auf den ersten Blick den Verstand. Dass sie zwischen zwei brutalen Gangstern steht, von denen Mads Mikkelsen den einen und Till Schweiger den anderen spielt, gehört zum Konzept.

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Berlinale 13: GOLD von Thomas Arslan

Nina Hoss in 'Gold' von Thomas Arslan © Patrick Orth Schramm
Nina Hoss in ‚Gold‘ von Thomas Arslan © Patrick Orth Schramm

Der deutsche Beitrag im diesjährigen Wetbbewerb lässt einen ein wenig ratlos zurück. Oder sattelwund, wie es eine britische Kollegin ausgedrückt hat. Nina Hoss ist Emily, eine Frau aus Bremen, die als Dienstmädchen in den USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihr Glück nicht gefunden hat und sich nun im Sommer 1898 einer deutschen Goldgräbertruppe anschliesst, die sich auf dem Landweg nach Klondike durchschlagen möchte. Fünf Männer und zwei Frauen machen den kleinen Trek aus, am Ende bleibt, leider nicht unerwartet, nur Emily.

Arslan filmte wohl mit Blick auf grösstmöglichen Realismus. Der Dreh in Kanada dürfte sich bisweilen im Werner-Herzog-Bereich abgespielt haben, die gezeigten Strapazen und das Leiden der Pioniere in der Wildnis spiegeln mit Bestimmtheit einen Teil der Drehstrapazen. Und doch lässt einen das Gefühl nie ganz los, man sei in einen Film unseres Innerschweizer Wildfilmers Luke Gasser geraten. Oder in ein Projekt wie Country-Musiker Angie Burries The Wolfer. „Berlinale 13: GOLD von Thomas Arslan“ weiterlesen

Berlinale 13: DOLGAYA SCHASTLIVAYA ZHIZN – A Long and Happy Life – von Boris Khlebnikov

Dolgaya schastlivaya zhizn 5

Zynischer könnte ein Filmtitel gar nicht sein. Aber das weiss man erst, wenn dieses russische Drama sein einleuchtendes Ende gefunden hat. Die erste Einstellung erinnert an Tarkovski. Ein breiter Fluss, ein russisches Dorf aus verwitterten Holzhütten, eine kleine Kirche. Aber schon nach dem ersten Schnitt sind wir mitten in der heutigen Zeit. In einem Büro der Kreisverwaltung bedrängen zwei Beamte den jungen Sascha, den Verkaufsvertrag zu unterzeichnen für die ehemalige Kolchose, die er seit einiger Zeit führt. Es gibt lukrative Pläne für das Land, die Landarbeiter und der Pächter sollen mit einer Abfindung zur Räumung bewegt werden.

Sascha ist erschüttert, fügt sich aber und verspricht, zu unterschreiben. Das hat auch mit seiner heimlichen Liebschaft zur Sekretärin des Kreisbüros zu tun: Die möchte schon lange lieber mit ihm in die Stadt ziehen. „Berlinale 13: DOLGAYA SCHASTLIVAYA ZHIZN – A Long and Happy Life – von Boris Khlebnikov“ weiterlesen

Berlinale 13: PARADIES: HOFFNUNG von Ulrich Seidl

© Ulrich Seidl Filmproduktion GmbH
© Ulrich Seidl Filmproduktion GmbH

Ulrich Seidls Paradies-Trilogie endet mit einer Überraschung. Der Film wird seinem Titel gerecht, er geht nicht an die Schmerzgrenzen des Publikums, wie die beiden ersten. Das könnte verschiedene Gründe haben. Und es hat mindestens eine Konsequenz.

Paradies: Liebe erfüllte die Erwartungen an Seidls gnadenlosen Blick. Und Paradies: Glaube löste die zu erwartenden Proteste aus religiösen Kreisen aus. Aber mit der Geschichte der übergewichtigen Dreizehnjährigen wäre Seidl in des Teufels Küche geraten, hätte er sie mit der gleichen ungefilterten Direktheit gefilmt. „Berlinale 13: PARADIES: HOFFNUNG von Ulrich Seidl“ weiterlesen

Berlinale 13: PROMISED LAND von Gus Van Sant

Matt Damon copy Scott Green

Gerade an einem Festival wie der Berlinale, wo die Autorenfilme gerne auch mal etwas holpern dürfen, macht so eine geschliffene kleine Retorten-Maschine wie Promised Land durchaus Spass. Drehbuch von Matt Damon, der auch die Hauptrolle spielt, und von John Krasinski, der sich die Rolle des Gegenspielers auf den attraktiven Leib geschrieben hat, und Regie von Gus Van Sant: Das klingt doch schon mal gut. Und dann noch dieses brandaktuelle Thema, Big Gas, der böse Multi, der sich mit seinen Fracking-Gelüsten das Farmland der ausgebluteten Landbevölkerung aneignen möchte. Beziehungsweise, das Recht, dieses mit der rabiaten Förderung von versteckten Erdgaslagern auszubeuten. Prächtig.

Der Film fängt damit an, dass der von Damon gespielte Steve Butler als Agent des Gas-Multis die Publikumssympathien auf seiner Seite hat. Das steigert sich noch, als er im ausgewählten Landstrich auf Frances McDormand in der Rolle seiner Arbeits-Partnerin stösst. Gemeinsam macht sich das mit allen Wassern gewaschene Paar dahinter, möglichst viele Gemeindemitglieder mit Verträgen an die Firma zu binden und dann die Abstimmung im Dorf über das Ja zur Gasförderung möglichst auf sicher zu trimmen. „Berlinale 13: PROMISED LAND von Gus Van Sant“ weiterlesen

Berlinale 13: W IMIE – IN THE NAME OF… von Malgoska Szumowska

Andrzej Chyra in 'W imie'
Andrzej Chyra in ‚W imie‘

Der gequälte polnische Priester ist schwul und unglücklich und er heisst Adam. Die gelangweilte Frau seines Kollegen im Jugendzentrum, die ihn verführen möchte, heisst Ewa. In einer Szene tanzt der betrunkene Priester verzweifelt mit einem gerahmten Bild des Papstes in den Armen. Filme, die einem so ins Auge springen, oder ins Ohr, sind meist unerträglich.

Aber Im Namen… ist nicht nur sehr erträglich, der Film ist immer wieder mal beeindruckend und hin und wieder sogar ganz gezielt komisch. Etwa in einer Szene, wo der denunzierende Kollege im Vorraum des Bischofssitzes ein Schild sieht mit dem guten Rat „Der Herr ist nahe. Halte die Stille“. „Berlinale 13: W IMIE – IN THE NAME OF… von Malgoska Szumowska“ weiterlesen

Berlinale 13: YI DAI ZONG SHI – THE GRANDMASTER von Wong Kar Wei

Zhang Ziyi in 'The Grandmaster' ©2011 Block 2 Productions Ltd
Zhang Ziyi in ‚The Grandmaster‘ ©2011 Block 2 Productions Ltd

Immer treffen sie aufeinander. Nie kommen sie zusammen. Bei Wong Kar Wei ist die Liebe schmerzlich, eine stille Glut. Wie er in In the Mood for Love den Mann und die Frau aufstellte, immer wieder anders, immer mit Bezug und Distanz, das erinnert an ein Schachspiel: Stell sie auf, gib ihnen die Bewegungsmöglichkeiten vor, beziehungsweise: Schränke sie ein. Dann wächst die Sehnsucht in ihnen. Und im Publikum.

Auch mit Martial Arts, Kampfkunst, hat er sich schon früher beschäftigt. Aber The Grandmaster bringt nun eine Wong Kar Wei-Synthese zustande, die verblüfft. Weil sie aus der Antithese heraus entwickelt wird: Die Distanz, das Nicht-Berühren-Können der Liebenden entzündet sich beim heftigsten Zusammenprall überhaupt, der konzentrierten, geballten, gezielten, präzisen Punktlandung körperlicher Energie. „Berlinale 13: YI DAI ZONG SHI – THE GRANDMASTER von Wong Kar Wei“ weiterlesen