Cannes 09: Kynodontas – Dogtooth

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Der «Hundezahn» ist der Eckzahn. Und wenn ein Eckzahn ausfällt, egal ob der rechte oder der linke, erst dann ist ein Kind erwachsen und kann das Haus und den Garten verlassen. Und erst, wenn der Eckzahn wieder nachgewachsen ist, ist das Kind alt genug, um Auto zu fahren. Und ohne Auto darf man den Garten nicht verlassen. Denn draussen lauern Monster, «Katzen» genannt, sie haben den ältesten Bruder zerfleischt.

Zombies sind kleine gelbe Blumen. Die drei fast erwachsenen Kinder dieses Ehepaars, zwei Mädchen und ein Junge, kennen keine andere Welt, als die innerhalb des Gartenzauns. Nur die junge Frau Christina, eine Eingangswächterin in der Fabrik des Vaters, wird hin und wieder von diesem nach Hause gebracht, im Auto, mit verbundenen Augen, um dem Jungen beim Ausleben seiner Sexualität zu helfen.

Es ist eine beklemmende Welt, welche der Grieche Yorgos Lanthimos in diesem Film zeichnet.

Der Film, der in Cannes in der offiziellen Reihe «Un certain regard» gezeigt wurde, ist mit minimalen Sets und sieben Schauspielern gedreht worden.

Die wie eine Versuchsanlage aufgebaute Situation erinnert an Michael Haneke, die Situation der drei jungen Leute an jene der Bewohner von M. Night Shyamalans The Village, denen die Dorfvorsteher weis machen, jenseits der grossen Wiese lebten die «Anderen», denen man nie in die Fänge geraten dürfe.

Dabei lässt einen dieser Film lange Zeit im Ungewissen darüber, warum sich diese zwei jungen Frauen und der junge Mann so eigenartig benehmen. Sie spielen kindliche Spiele und reden so emotionslos und eigenartig, als ob sie Sätze eines Sprachkurses üben würden. Nur gelegentliches Aufblitzen verzweifelter Aggressionen durchbrechen die Monotonie des Alltags.

Und es dauert auch nicht lange, bis man sich an all jene Diktaturen erinnert fühlt, in denen Wissen von den Mächtigen verwaltet und manipuliert wird. Und natürlich entzieht sich immer etwas der Kontrolle der Kontrolleure, Informationsfetzen von aussen bringen Gedankengänge ins Rollen, und wenn die jungen Leute falsche Schlüsse ziehen, muss das System nachgebessert werden, bis seine einstige Logik löchrig wird.

Kynodontas ist ein erschreckend effizienter und böser Film. Dass es mit so wenig Aufwand gelingt, eine eigentlich theatralische Anlage (der Regisseur kommt von der Bühne) filmisch umzusetzen, mit eindrücklichen Bildern, ist ein weiterer Beweis dafür, dass Filmemachen mit kleinem Budget zu grossen Resultaten führen kann.

Nachtrag 23. Mai: Der Film hat den «Prix Un Certain Regard» 2009 gewonnen.

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Cannes 09: Los abrazos rotos

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Penélope Cruz und José Luis Gómez in Almodóvars 'Los abrazos rotos'

Dieses Festival verstellt einem Jahr für Jahr den Blick auf die Realität, oder sagen wir: den Alltag des Kinos. Hier sind dermassen viele spannende, erstklassige, aussergewöhnliche und hin und wieder auch wirklich grossartige Filme zu sehen, dass man regelmässig schon nach ein paar Tagen zum Mäkler wird. Pedro Almodovar, zum Beispiel, hat oft genug bewiesen, dass er ein Magier der Kinoleidenschaft ist. Und Los abrazos rotos ist ein wunderbarer Film. Bloss nicht Almodovars bester und damit wohl auch wieder nicht die goldene Palme, die der Spanier seit Jahren ersehnt (und mit früheren Filmen längst verdient hätte). Wenn Filmemacher Filme übers Filmemachen machen, sind sie meistens in der Krise (Fellini mit Otto e mezzo, bzw. Woody Allen mit seinem persönlichen Remake davon: Stardust Memories). Die Krise des Filmemachers diktiert das Drehbuch.

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Cannes 09: Vincere

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Am 9. November dieses Jahres wird Marco Bellocchio 70 Jahre alt. Als die Heldin seines aktuellen Films, Ida Dalser, am 11. Dezember 1937 im Irrenhaus starb, war er also noch nicht mal geboren. Und als der Mann, der die Frau um den Verstand, ihr Glück und schliesslich ihr Leben gebracht hatte, am 28. April 1945 von Partisanen erschossen wurde, war Marco Bellocchio auch erst knapp 5 Jahre alt. Aber der Furor, den Bellocchio Benito Mussolini, dem Duce, angedeihen lässt, ist inspiriert und massiv.

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Cannes 09: Schnee vor dem Carlton

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Wenn hier während des Festivals irgendwo eine grosse Meute Fotografen lauert, dann ist entweder ein Star unterwegs, oder eine Filmpromotion. Das heisst, in der Regel ist das ja eh das gleiche hier. Den Stunt, den sich Disney und Jim Carrey heute geleistet haben, kennen unsere Schweizer Skiresorts schon längst: Schneekanonen. Nun ist Schnee am Filmfestivals von Cannes, und auch noch vor dem noblen Carlton Hotel ja grundsätzlich ungewöhnlich, der aber war noch etwas ungewohnter:

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Cannes 09: Filmfestival Locarno am Strand

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"Wir werden dieses Jahr noch so viel wachsen", erklärt Locarno-Kapitän Frédéric Maire ©sennhauser

Swissfilms und das Bundesamt für Kultur haben dieses Jahr auf den traditionellen Empfang verzichtet, schliesslich ist die Schweiz in keiner der Cannes-Sektionen wirklich vertreten. Das hat allerdings das Filmfestival von Locarno nicht davon abgehalten, seinen Stehempfang für die Interessierten und Zugewandten abzuhalten, gestern um 17 Uhr im exklusiven Strandrestaurant „La plage des palmes“, das Teil des International Village vom Filmmarkt ist.

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Cannes 09: Looking for Eric

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Das Team LavertyLoach bringt es immer wieder fertig, sein klassisches Thema von der Solidarität der kleinen Leute zu variieren. Looking for Eric ist der bisher vergnüglichste Film im diesjährigen Wettbewerb, mit Figuren, einer Geschichte und einem Höhepunkt, der ihm Full-Monty-Potential verleiht. Im Zentrum steht der Briefträger Eric, dem das Leben über den Kopf gewachsen ist. Aber während er in seinem Schlafzimmer heimlich einen Joint raucht, den er seinem älteren Sohn geklaut hat, taucht plötzlich sein Held bei ihm auf, der Fussballer Eric Cantona, und beginnt, ihn wieder aufzubauen. Erics schwacher Punkt ist seine grosse Liebe Lily, seine Frau, die er vor dreissig Jahren hat sitzen lassen.

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Cannes 09: Antichrist

Antichrist

So schön hat schon lange kein Film von Lars von Trier mehr ausgesehen. Und gleichzeitig liegt eine eigenartige Distanz in der Schönheit der Bilder, vor allem auch der Bilder des Schreckens. Denn Antichrist ist tatsächlich ein Horrorfilm. Allerdings nicht der, den der Trailer bei manchen Kollegen evoziert hat. Lars von Trier hat das Drehbuch am Ende seiner zweijährigen massiven Depression konzipiert, und was wir heute in Cannes gesehen haben, ist ein sehr kontrolliertes, kalkuliertes, doppelbödiges Stück Therapie-Therapie, ein Therapie-Exorzismus. Der Plot wird vom Presseheft treffend in zwei Sätzen zusammengefasst: Ein trauerndes Paar zieht sich zurück nach Eden, eine abgelegene Ferienhütte im Wald, in der Hoffnung, dort ihre gebrochenen Herzen und ihre gefährdete Ehe zu reparieren. Aber die Natur nimmt ihren Lauf und die Dinge entwickeln sich von schlimm zu schlimmer.

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Cannes 09: Antichrist angekündigt

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Heute Abend wird Lars von Triers Antichrist hier in Cannes gezeigt. Am Sonntag! Und im Vorfeld tun sich seltsame Dinge im Palais du Festival. Da habe ich zum Beispiel versucht, den Kollegen Martin Walder (NZZ am Sonntag) zu porträtieren. Was dabei herausgekommen ist, ist hier zu sehen. Wir wissen nicht, ob es sich bei den Erscheinungen um leidende Seelen, spektrale Dämonen oder ganz einfach teuflisches Sperma handelt. Von blossem Auge sind sie nicht wahrnehmbar. Martin Walder geht es gut.

Cannes 09: Sophie Marceau und Monica Bellucci knipsen

Monica Bellucci, Marina de Van, Sophie Marceau PK 'Don't Look Back' Cannes © sennhauser
Monica Bellucci, Marina de Van, Sophie Marceau ©sennhauser

Natürlich fragt man sich bei jedem Film in Cannes ein wenig misstrauisch, warum er nicht im Wettbewerb läuft, wenn er zwar in der offiziellen Selektion, aber eben hors concours gezeigt wird. Schliesslich gibt es auch noch Un certain regard, für Filme, die zwar interessant, aber nicht absolut konkurrenzfähig sind. Bei Ne te retourne pas (Don’t Look Back) von Marina de Van ist die Frage leicht zu beantworten: Warum sollte das Festival auf die publicityträchtige Präsenz von Monica Bellucci und Sophie Marceau verzichten, bloss weil der Film nicht wirklich gut ist? „Cannes 09: Sophie Marceau und Monica Bellucci knipsen“ weiterlesen