BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth

The Overseer (Tilda Swinton) © xenix

Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»

Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.

Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen. „BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth“ weiterlesen

ON FALLING von Laura Carreira

Aurora (Joana Santos) © frenetic

Als sie von der freundlichen Frau beim Vorstellungsgespräch gefragt wird, was sie denn so in ihrer Freizeit mache, fällt Aurora spontan bloss «die Wäsche» ein. Dann verstummt sie, und schliesslich laufen ihr die Tränen übers Gesicht. Tatsächlich hat die Portugiesin in ihrem Arbeitsexil im schottischen Edinburgh weder die Energie noch die «social skills», um die paar Stunden zwischen Schichtende und Erschöpfungsschlaf mit mehr als permantem Doomscrolling auf dem Mobiltelefon zu füllen.

Zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben. Das gilt zwar auch für Auroras Verdienst, welchen sie als «Picker» in diesem Amazon-ähnlichen Warenverteilzentrum erzielt. Vor allem aber gilt der Satz für die Lebensqualität. Die Arbeit ist öde, entfremdet, enorm anstrengend und komplett sinnlos. „ON FALLING von Laura Carreira“ weiterlesen

BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre

Elio Germano als Enrico Berlinguer © cineworx

Italiens Filmemacher sind besessen von Italiens Politikern. Jedenfalls jene ihrer Generation und deren Väter. Marco Bellocchio hat mit Buongiorno, notte (2003) die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Brigate rosse rekonstruiert. Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti Il divo gewidmet, und dem Phänomen Silvio Berlusconi gar einen Zweiteiler mit Loro 1 und Loro 2. Und Nanni Moretti, der 1991 in Il portaborse von Daniele Lucchetti als Schauspieler die Mühlen politischer Korruption durchlitt, hat in seinen Filmen immer wieder direkt Bezug genommen auf die reale italienische Politik. Mit Il sol dell’avvenire (2023) hat er zuletzt gar die Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen Filmemachern und Politikern direkt auf die Schippe genommen.

Andrea Segre kommt vom Dokumentarfilm, sein Berlinguer profitiert davon, dank etlicher dokumentarischer Archiveinschübe und sorgfältiger Abwägung. Aber Berlinguer: la grande ambizione ist dennoch, wie der Titel vermuten lässt, ein Heldenporträt. „BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre“ weiterlesen