FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch

Lilith (Vicky Krieps), Timothea (Cate Blanchett) und ihre Mutter (Charlotte Rampling) © filmcoopi

Geschwister und Eltern. Zum Jahresende hin waren die meisten von uns wieder einmal mit diesen Konstellationen konfrontiert, meist nicht abschliessend. Aber da hängt was in der Seele; es hat seinen Platz, selbst dann, wenn wir die Zeit dafür kaum je wirklich finden: Vater, Mutter, Schwester, Bruder… sie sind ein Stück von uns.

Jim Jarmusch wird am 22. Januar 2026 73 Jahre alt. Vielleicht auch darum hat er sich die Zeit genommen, dem nachzuspüren, was da in der Seele hängt, oder auch bloss kitzelt. Sein jüngster Film ist eine Art Installation. Eine Familienaufstellung als Versuchsanlage, ein Triptychon, und damit tatsächlich schon fast eine Altartafel.

In drei vordergründig voneinander unabhängigen filmischen Episoden spielt er mögliche Konstellationen durch, zwischen Wiedererkennen und kompletter Entfremdung. „FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch“ weiterlesen

REBUILDING von Max Walker-Silverman

Dusty (Josh O’Connor) und seine Tochter Callie-Rose (Lily LaTorre) © cineworx

Es ist immer wieder kurz eigenartig, den jungen Prince Charles aus The Crown in einer us-amerikanischen Rolle zu sehen. Dabei überzeugt Josh O’Connor schon in den ersten Momenten, in denen er in Rebuilding als Cowboy Dusty zu sehen ist. Wortlos, leicht in sich zusammengefallen, physisch meilenweit entfernt von der Rolle als Tennis-Champion, die er in Challengers verkörperte.

Dusty hat fast alles verloren, seine Frau, die Jugendliebe, mit der zusammen er die Familienfarm betrieb, ist mit der gemeinsamen Tochter und ihrem neuen Mann zu ihrer Mutter gezogen. Und von der einstigen Farm stehen nach den letzten schweren Waldbränden nur noch die Grundmauern zwischen den verkohlten Baumstämmen des Waldes seiner Kindheit in Colorado. „REBUILDING von Max Walker-Silverman“ weiterlesen

WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty

Mehdi (Slim Baccar) und Alyssa (Eya Bellagha) © trigon

Der Wind ist schon da, aber erst als sanfter Hauch. Er bewegt fast unmerklich die Haare und die Wimpern von Alyssa. Die Neunzenhnjährige sitzt auf dem Geländer eines städtischen Viaduktes in Tunis, ihre Beine hängen bedrohlich über dem Verkehr, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Ihre Hände in Grossaufnahme lockern den Griff.

Vier harte Schnitte in zwölf Sekunden. Auf der Tonspur wird ihr Name gerufen: «Alyssa!» Sie schaut nach links, Reissschwenk zu Mehdi, der leicht entnervt fragt, worauf sie warte, Reisschwenk zurück zu Alyssa, sie hüpft aufs Trottoir, ein Lächeln lässt ihr Gesicht aufleuchten. Sie hebt ihren Rucksack hoch und die Kamera folgt ihr mit einem nun ruhigen Schwenk zurück nach links, während sie zu Mehdi hinrennt.

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Spielfilm sich dermassen schnell, gezielt und vor allem auffällig zum gestalteten Bild und dem gesteuerten Blick bekennt. Regisseurin Amel Guellaty etabliert gekonnt eine Erzählsituation, verspricht uns die Geschichte von Alyssa und Mehdi und versichert uns immer wieder mit auffälliger Gestaltung der Bilder und Szenen, dass sie uns mitnimmt zu den Abenteuern dieser zwei jungen Menschen in Tunesien. „WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty“ weiterlesen

QUAND VIENT L’AUTOMNE von François Ozon

Vergnügt in die Pilze: Hélène Vincent, Josiane Balasko © filmcoopi

Oma Michelle hat mit ihrer Freundin im Wald Pilze gesammelt. Die gibt es zum Abendessen, als ihre Tochter mit dem Enkel zu Besuch kommt. Der Enkel mag allerdings keine Pilze. Und Michelle isst keine, weil ihr die aggressive Stimmung ihrer Tochter den Appetit verdorben hat. Darum ist Tochter Valérie dann auch überzeugt, dass die Mutter ihre Pilzvergiftung gezielt geplant hat. Sicher genug jedenfalls, um mit dem Enkel gleich wieder nach Paris zurückzufahren und ihrer Mutter jeden weiteren Kontakt mit dem Jungen zu verbieten.

Einmal mehr spielt Regisseur François Ozon mit Gewissheiten auf allen Ebenen. Michelle (Hélène Vincent) ist erschüttert über die Vorwürfe ihrer Tochter, und am Boden zerstört über die Vorstellung, den kleinen Lucas nicht wiedersehen zu können. Aber es lässt sich nicht ausschliessen, dass sie den zuvor aussortierten giftigen Pilz doch ins Ragout geschnitten hat.

Und das ist auch nicht die letzte Vermutung in diesem Film, die sich so oder anders wird drehen lassen im Verlauf der Handlung. „QUAND VIENT L’AUTOMNE von François Ozon“ weiterlesen

L’ATTACHEMENT von Carine Tardieu

Sandra (Valeria Bruni Tedeschi) und Elliott (César Botti) © frenetic

Als bei ihrer Nachbarin etwas verfrüht und daher überraschend die Fruchtblase platzt, erklärt sich Sandra (Valeria Bruni-Tedeschi) gezwungenermassen bereit, auf den kleinen Elliott aufzupassen, während sein Vater mit seiner Frau ins Spital fährt. Sandra betreibt einen feministischen Buchladen und nimmt Elliott schliesslich dahin mit, weil der übliche Babysitter nicht zu erreichen ist. Zum Glück kommt ihn dort ihre Schwester, eine begeisterte fünffache Mutter, bald darauf abholen.

Die ersten Szenen mit dem kleinen Elliott (César Botti) und Sandra in deren Wohnung sind hinreissend und auf eine gute Art irreführend. Sandras Verlegenheit, ihre Überzeugung, mit Kindern nichts anfangen zu können, werden von Elliotts kindlicher Direktheit herausgefordert. Der Kleine seinerseits scheint angetan von Sandras offensichtlichem Unwillen, ihn mit kindgerecht vagen Antworten abzuspeisen.

Und kaum macht man sich auf eine dieser Geschichten gefasst, in denen ein strahlendes Kind das verhärtete Herz eines erwachsenen Menschen knackt, steht der Nachbar wieder unter der Tür, allein und tränenüberströmt. „L’ATTACHEMENT von Carine Tardieu“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed

Pascale Kann (September), Mia Tharia (July), Rakhee Thakrar (Sheela) © cineworx

Eines der vielen seltsamen Spiele der Schwestern September und July geht besteht darin, dass die Forschere der beiden die andere zu einer mehr oder weniger absurden Handlung auffordert: «September says: we don’t eat anymore red food», worauf July den Befehl ohne zu zögern befolgt. Im Gegenzug hilft September ihrer Schwester immer wieder aus der Patsche, wenn diese sich mit ihrer vertrauensseligen Art irgendwo in die Klemme manövriert hat: «Silly July!»

In der Schule werden die beiden als Freaks gehänselt. Auf Übergriffe an July reagiert September zunehmend aggressiv. So schneidet sie etwa einer Mitschülerin zur Strafe während des Unterrichts von hinten mit einer Schere den Rossschwanz ab.

Wenn Ariane Labed mit ihrem Regiedebut von zwei eigenwilligen jungen Frauen erzählt, tauchen Erinnerungen auf an den Film, mit dem sie als Schauspielerin bekannt wurde: Athina Rachel Tsangaris Attenberg von 2010. Und der wiederum erinnerte nicht von ungefähr an Vera Chytilovás weiblich-anarchische «Max & Moritz»-Variante Tausendschönchen (Sedmikrásky) von 1966. „SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen

BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner

Vincent Furrer, Phil Hayes, Bettina Stucky © filmcoopi

Zwei Filme für den Preis von einem? Das stille Drama einer Familie, in der Vater, Mutter und Sohn nur über die unwichtigen Dinge miteinander reden können. Erst recht, seit die Tochter beim Kanufahren tödlich verunglückt ist. Und das kinetische Bilder-Ballet mit tanzenden Baggern, selbstparkierendem Auto, Robosauger, Pultlift und irrwitzigen Bildausschnitten, direkt aus dem Kamera-Kamasutra.

Das Bagger-Ballett, mit dem Piet Baumgartners Langspielfilmerstling beginnt, das hat er vor Jahren, 2015, schon einmal inszeniert, für das Musikvideo zu «Through My Street» von Rio Wolta. Überhaupt bleibt Baumgartner konsistent nicht nur seinen Obsessionen und seinen guten Einfällen treu, sondern auch den Menschen, mit denen zusammen er seine filmischen oder theatralischen Inszenierungen und Installationen umsetzt. „BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner“ weiterlesen